Testfeld für Autobau der Zukunft: Neue Halle für Remech in Kamsdorf

Kamsdorf  Remech Systemtechnik baut eine eigene Erprobungshalle für neue Pkw-Fertigungslinien bei Kamsdorf. Die ziemlich schmucklose Halle ist Hülle für ein Testfeld – und Symbol für den Wandel in der automobilen Welt.

86 Meter lang und etwa 16 Meter breit setzt die neue Erprobungshalle der Remech Systemtechnik fast direkt an die bisherige Fertigungshalle an. Damit können künftig teure Anmietungen und Logistikkosten vermieden werden.

86 Meter lang und etwa 16 Meter breit setzt die neue Erprobungshalle der Remech Systemtechnik fast direkt an die bisherige Fertigungshalle an. Damit können künftig teure Anmietungen und Logistikkosten vermieden werden.

Foto: Jens Voigt

Ein hellgrauer Kasten, 86 Meter lang, etwa 16 Meter breit und fast zehn Meter hoch, ist nahe der B-281-Zufahrt von Kamsdorf gewachsen, größer noch als die bisherige Fertigungshalle der Remech Systemtechnik GmbH. Doch die scheinbare Erweiterung schafft keine zusätzlichen Jobs, jedenfalls nicht sofort. Denn die ziemlich schmucklose Halle ist nur die Hülle für ein Testfeld. Und ein Symbol für den Wandel in der automobilen Welt.

„Wir hätten gern noch ein wenig größer gebaut“, sagt Geschäftsführer Andreas Kalisch, doch die vor der Erneuerung stehende Ferngasleitung entlang der L 1105 habe dies nicht zugelassen. So kann die Halle eine Pkw-Montagelinie mit den üblichen zwölf Bearbeitungsstationen aufnehmen, nötigenfalls auch für die S-Klasse von Mercedes – das bislang größte Format unter den Verbrenner-Kaleschen.

Kalisch geht davon aus, dass das Limousinen-Volumen damit ausgereizt ist, die Halle also reicht. Die Frage ist freilich, welches motorische Herz künftig unterm Blechkleid schlägt: Diesel, Benziner, Elektromotor, gespeist aus Batterie oder Brennstoffzelle? Oder doch Hybride mit der Kraft von zwei Herzen aus Strom- und Verbrenner-Aggregat?

Die Automobilkonzerne taktieren höchst unterschiedlich. Die einen legen völlig eigenständige E-Modelle auf, andere sehen im Hybrid die Zukunft, viele bieten ein Modell mit unterschiedlichen Energiequellen. „Flexibilität ist das alles beherrschende Thema“, kommentiert Kalisch.

Was eben auch heißt, dass etwa eine „Hochzeitslinie“ in der Pkw-Endmontage nicht erst langwierig umgebaut werden soll, um vom Diesel- zum Elektro-Modell zu wechseln. Sondern möglichst schnell oder gar gleichzeitig alle Varianten herstellbar macht. „Dann überspringt eben das Elektrofahrzeug ein oder zwei Module, bekommt in einem weiteren Batterie und Motor eingebaut, die wiederum der Verbrenner auslassen kann“, macht Kalisch das Prinzip deutlich.

Eine Bearbeitungslinie, die sich aus jeweils autarken Modulen zusammensetzt, die je nach Bedarf konfiguriert werden – das ist die Antwort von Remech auf die Anforderung eines großen Autokonzerns.

Begonnen wurde mit den Planungen 2018, inzwischen ist die modulare Fahrwerkseinbau-Linie, laut Geschäftsführer die erste zumindest in Europa, bei einem „namhaften Automobilhersteller“ installiert. Den Namen mag Kalisch nicht nennen, Diskretion gehört zum Geschäft, weshalb die Zeitung auch in der Fertigung nicht fotografieren darf, weil da gerade mit Karosserieteilen eines künftigen Automodells dessen Bearbeitungslinie angepasst wird.

Statt wie bislang üblich etwa drei Monate sollten Aufbau und Inbetriebnahme der neuen Montagelinie nur noch zehn Werktage brauchen, das sei der klar formulierte Auftrag des Kunden gewesen, erzählt der Geschäftsführer. Schließlich bedeute jeder Tag Umrüstung, dass etwa eintausend Autos in einem Werk nicht gebaut werden können. Zehn Tage statt drei Monate heißt, dass die Fertigungsstraße quasi steckfertig ausgeliefert werden muss. Und zur Voraussetzung hat, dass sie vorab schon mal im Ganzen zusammengebaut und getestet werden muss.

Bislang nutzte das Kamsdorfer Unternehmen, das seit 2001 zur Siemens AG gehört, dafür angemietete Hallen, etwa in Schwarza, Könitz oder mit der nun ersten modularen Fertigungslinie in Erfurt. Was nicht nur teuer, sondern auch in den räumlichen Bedingungen oft nicht optimal gewesen ist, weil kaum eine fremde Halle gebaut ist wie der relativ schmale Schlauch um eine Pkw-Fertigungslinie.

Mit dem neuen Gebäude entfallen nun die erheblichen Miet- und Logistikkosten. „Wir haben nun eine komfortable Erprobungshalle genau nach unseren Ansprüchen“, betont Kalisch. Die zwar nicht unmittelbar zusätzliche Mitarbeiter erforderlich mache, jedoch wichtig sei, um die Marktanteile von Remech als Ausrüster der Autoindustrie langfristig zu sichern.

Gebaut wurde die etwa 2,5 Millionen Euro teure Halle quasi von der Nachbarschaft – nämlich von der Unterwellenborner Stahlbaufirma Hartung, die aus der bei Siemens üblichen europaweiten Ausschreibung als Sieger hervorging. Was ihn und seine Leute aufgrund der kurzen Abstimmungswege und der stets positiven Erfahrungen gefreut habe, betont Kalisch. Die sich erneut bestätigt hätten: Sowohl Zeit- wie auch Kostenplan seien „auf den Punkt“ eingehalten worden.

Anfang August soll die neue Halle fertig sein und umgehend mit Leben gefüllt werden. Offizielle Übergabe ist Anfang September – vielleicht mit Bekanntgabe eines besonderen Auftrags verbunden: VW hat eine neue Fertigungslinie für sein Werk in Mosel bei Zwickau ausgeschrieben, wo demnächst der Stromer „ID.3“ vom Band rollen soll, Remech wird ein Angebot machen. Und kann vielleicht auf den Bonus des Vertrauten hoffen: Die bisherige Golf-Montagelinie stammt aus Kamsdorf.

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