Übertriebene Hygiene und zu früh zu viel Antibiotika

Saalfeld.  Erstmals wurde eine Stuhltransplantation bei einem 15-Jährigen in Saalfeld durchgeführt. Die Behandlung verlief erfolgreich.

Chefarzt Peter Konturek (links) von der Klinik für Innere Medizin II und Chefarzt  Robert Kästner von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin nahmen sich dem jungen Patienten an.

Chefarzt Peter Konturek (links) von der Klinik für Innere Medizin II und Chefarzt Robert Kästner von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin nahmen sich dem jungen Patienten an.

Foto: Thüringen-Kliniken

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Was im ersten Moment für Außenstehende merkwürdig klingt, hat bereits eine lange und recht erfolgreiche Geschichte hinter sich, wenngleich noch nicht alle Faktoren hinter der Methode endgültig erforscht sind: Stuhltransplantation. Erfolgreich konnte erstmals eine Stuhltransplantation bei einem 15-Jährigen in Saalfeld durchgeführt werden.

Der junge Patient wurde mit Morbus Crohn und einer Clostridium-difficile-Infektion im Januar stationär aufgenommen. Folgen der Infektion, die nicht auf Therapien ansprach, sind Durchfall, Bauchschmerzen, oft auch Entzündungen im Darm bis hin zu Sepsis (Blutvergiftung).

Normalerweise betraf diese Infektion bisher häufig ältere Menschen. „Vermehrt gibt es aber auch jüngere Patienten“, so die Beobachtung von Chefarzt Peter Konturek von der Klinik für Innere Medizin II der Thüringen-Kliniken in Saalfeld. Die Ursachen? „Gerade im Kindesalter wird zu oft zu viel Antibiotika verabreicht. Das ist ein Auslöser“, so der Chefarzt. Mit jeder Behandlung werde die Vielfalt der Bakterien im Darm reduziert. So verschwinden auch die „guten“ Bakterien, die den Körper im gesunden Gleichgewicht halten. An diesem Punkt wird die Stuhltransplantation eingesetzt.

Der Spender wird genau untersucht, muss jung und gesund sein, darf nicht unter Darmerkrankungen leiden, kein Antibiotikum nehmen und keine Tattoos tragen. Nachdem sein Stuhl abgegeben wurde, wird er bearbeitet, und die lebenden Darmorganismen werden letztlich an den Patienten verabreicht. Entweder in Form von Kapseln zur Einnahme oder über eine Sonde, wie bei einer Darmspiegelung. Beide Varianten erzielen ähnliche Ergebnisse: Die Vielfalt der Bakterien im Darm nimmt dann wieder zu. „Die Einnahme über Kapseln lehnen Patienten erstaunlicherweise nicht ab“, weiß der Professor. Die nicht allzu großen Kapseln werden bei etwa minus 80 Grad Celsius gelagert und in gekühltem Zustand verabreicht.

„Die Methode selbst ist uralt“, sagt Peter Konturek. Bereits im 4. Jahrhundert habe man in China die heilsame Wirkung genutzt. „Da nannte man es die ,gelbe Suppe’“. Weiter zählt er die Soldaten im Zweiten Weltkrieg in Afrika auf, bis es schließlich 1958 erste richtige Studien dazu gegeben habe.

Seit 2014 wird die Stuhltransplantation in Saalfeld bei Erwachsenen durchgeführt. Aufgrund der Erfahrung und der hohen Erfolgsquote an diesem Standort kommen Patienten sogar aus anderen Bundesländern.

Die Eltern des 15-Jährigen haben sich ebenso vertrauensvoll an die Thüringen-Kliniken gewandt. „Er hat alles gut überstanden“, resümiert der Chefarzt. Ob die Behandlung auch eine langfristige Wirkung auf Morbus Crohn haben kann, ist noch nicht ausreichend erforscht. Bei dem jungen Patienten lagen viele Risikofaktoren für diese chronische Darmentzündung vor. Die Geburt erfolgte mittels Kaiserschnitt, weswegen er über seine Haut gleich bei der Geburt weniger Bakterien aufnehmen konnte. Stillen war nicht möglich. Im ersten Lebensjahr mussten sehr viele Breitbandantibiotika eingesetzt werden“, erklärt der Professor.

Was ist gut für einen möglichst gesunden Darm? „Gerade in den ersten drei Lebensjahren kommt es zur Reifung der Bakterien im Darm“, erklärt Peter Konturek. Übertriebene Hygiene kann also regelrecht ungesund sein. „Ihnen fehlt der Kontakt mit Erde.“ Kinder sollen also mehr im Dreck spielen, bestenfalls auch mit einem Haustier, denn: „Auch einen Hund oder eine Katze zu Hause zu haben ist gut.“ Außerdem rät er zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika.

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