Landreporter

Von Backmullen und Flurzügen

Ammelstädt.  Landreporter unterwegs in Ammelstädt: Ein kleiner Ort mit großen Alleinstellungsmerkmalen

Die Ortsmitte von Ammelstädt.

Die Ortsmitte von Ammelstädt.

Foto: Foto: Heike Enzian

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Es ist Freitagabend. Im Raum des Vereinshauses in der Dorfmitte von Ammelstädt wird in Erinnerungen geschwelgt. Alte Fotos machen die Runde, vor den Ausstellungstafeln versammeln sich Neugierige. „Schau mal, ist das nicht…“, „Weißt du noch, damals…“. Es gibt viel zu erzählen. Aus dem Dorf- und Familienleben, von Hochwassern, Flurzügen, Backmullenrennen. Erstmals hatte der Heimat- und Feuerwehrverein Ende November zum Heimatabend eingeladen. „Wir haben gesagt, wir probieren das einfach mal aus“, sagt Bürgermeister Reinhard Morgenroth. Etwa 25 Ammelstädter, darunter auch junge Familien, Zugezogene, sind gekommen. 25 von knapp 150 Einwohnern. Unter ihnen sind René und Angela Niemann. Sie eine Ammelstädterin, er ein Mann von der Küste, den es nach Thüringen verschlagen hat. „Ich möchte nie mehr woanders wohnen“, sagt er. „Natur pur, kurze Wege zur Arbeit, man hat seine Ruhe hier“, liefert er sogleich die Begründung.

Vereinshaus als Treffpunkt

Das Vereinshaus ist mittlerweile der einzige öffentliche Treffpunkt. Eine Gaststätte gibt es nicht mehr. „Schade“, findet man das im Ort. Dabei war es vor nicht allzu langer Zeit noch anders. Der Mittelhäuser Hof war ein beliebtes Ausflugsziel. Inzwischen wird er als Pension geführt. Die Gaststätte an der Bundesstraße war vor allem wegen des Saales gefragt. Hier traf man sich zu Familien- oder Vereinsfesten. Selbst Faschingsfeiern fanden hier statt. Das ist Geschichte. Zuletzt machte das Objekt als Katzenhaus Schlagzeilen. Wie es dort weiter geht? Schulterzucken. Was den Ammelstädtern bleibt, ist ihr Vereinshaus. Ein DDR-Bau, in dem sich früher die Bibliothek befand, dazu ein FDJ-Zimmer, ein Kohleschuppen. Und ein Raum, in dem die Frauen der LPG den Winter über für eine Rudolstädter Teefirma Pfefferminze verpackt haben. Später hatte der Bürgermeister hier ein Amtszimmer. Nach der Wende wurde der Flachbau umgebaut zum Vereinshaus. Erst im vergangenen Jahr kam die neue Küche dazu. Die Stadt Rudolstadt hat zugesagt, das Haus zu erhalten. Von hier aus steuert der Feuerwehr- und Heimatverein mit seinem Vorsitzenden Bernd Neunübel quasi alles, was mit Veranstaltungen und Feiern im Ort zu tun hat.

Apropos Rudolstadt. Dass Ammelstädt seit Januar ein Ortsteil der Ex-Residenzstadt ist, nimmt man gelassen. Nach der Wende setzten die Einwohner hier, wie in vielen anderen Gemeinden auch, auf Eigenständigkeit. Mit dem Beschluss des Gemeinderates zur Errichtung eines Gewerbegebietes hoffte man auf Arbeitsplätze und Geldsegen. „Das war ein großes Thema damals Anfang der 90er“, erinnert sich Reinhard Morgenroth. Doch Hoffnungen auf einen schnellen Reichtum erfüllten sich nicht. Dennoch: Heute ist jeder Meter verkauft. Zahlreiche Unternehmen, von der Schmiede über einen System- und Anlagenbauer und eine Verpackungsmittelfirma bis hin zum Bäcker, haben sich angesiedelt. Ein Teil der Fläche ist mit Solarzellen bestückt. Im Laufe der Jahre hat Ammelstädt mehrfach die kommunale Zugehörigkeit gewechselt. Zuerst als Teil der Verwaltungsgemeinschaft Teichel gehörte man ab 1997 zur Stadt Remda-Teichel und ist nun nach Rudolstadt eingemeindet. Das geht für die Leute in Ordnung so. Schon bei einer Bürgerbefragung 2014 hatte sich die überwiegende Mehrheit dafür ausgesprochen.

Als Ammelstädt Exklave war

Was hat Ammelstädt, was andere Orte nicht haben? Das Backmullenrennen, zum Beispiel. Es war der Ammelstädter Bernd Kämmer, Wirt der Gaststätte im Nachbarort Teichröda, der sich in den 1990er Jahren erinnert: Als Kinder sind wir immer auf der Rinne gepaddelt. Warum sollen wir daraus nicht eine Gaudi machen? So fand 1996 das erste Backmullenrennen statt. Kurz darauf gründete sich der Heimat- und Feuerwehrverein, der heute 80 Mitglieder zählt. Alle zwei Jahre muteten sich die Aktiven fortan die viele Arbeit zu, die mit einem solchen Ereignis verbunden ist. Denn neben den Teilnehmern lockte das Rennen immer mehr Schaulustige an. Bis 2012. Es war das Jahr des traditionellen Flurzuges. „Wir haben damals gesagt: Beides schaffen wir nicht“, sagt der damalige Bürgermeister Gerhard Holy. Und die Tradition des Flurzuges, zu der man sich seit 1912 alle 25 Jahre trifft, sollte auf jeden Fall fortleben. Sie geht zurück auf eine Besonderheit in der Ammelstädter Geschichte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zählte Ammelstädt zum Fürstentum Schwarzburg Rudolstadt. 1826 wurde das Dorf in das Herzogtum Sachsen-Altenburg eingegliedert und somit entstand eine Exklave von zirka drei Quadratkilometern innerhalb des Fürstentums Schwarzburg-Rudolstadt. Diese Exklave war mit 197 Flursteinen markiert. Fast dreiviertel der Steine sind heute noch vorhanden. Zuletzt fand der Flurzug vor sieben Jahren statt. Mehr als 200 Menschen waren Pfingsten 2012 bei herrlichstem Sonnenschein auf den Beinen. Das Backmullenrennen musste dafür weichen. Bis 2016, als sich ein paar junge Leute im Ort sagten: Ammelstädt ohne Backmullenrennen geht gar nicht. Sie nahmen die Sache in die Hand - und konnten praktisch nahtlos an die Erfolge anknüpfen.

ZWA plant Baumaßnahme

Ob es im kommenden Jahr ein Backmullenrennen gibt, ist allerdings noch fraglich. Der Wasser- Abwasserzweckverband ZWA plant eine größere Baumaßnahme im Ort. „Dann ist die Straße an der Rinne gesperrt, da können wir das Fest nicht machen“, so der Bürgermeister. Aber noch ist nicht entschieden, ob die Arbeiten auch wirklich 2020 beginnen. Und dann ist da noch etwas, was Reinhard Morgenroth beschäftigt: die Feuerwehr. Als er in den 1980er Jahren Mitglied wird, gab es in Ammelstädt 20 Aktive. „Heute sind wir noch sieben, und kein Nachwuchs in Sicht“, sagt er. Für das neue Feuerwehrfahrzeug allerdings braucht es acht Mann Besatzung. „Was machen wir also im Falle einer Alarmierung? Wir fahren nach Teichröda und machen dort das Auto voll“. Darüber wird, da ist er sich sicher, in naher Zukunft noch zu reden sein.

Auf die Aktiven im Heimat- und Feuerwehrvereins indes wartet bis zum Jahresende noch Arbeit. Nächster Termin ist der 7. Dezember, da trifft, man sich zur Zipfelmützenwanderung. Start ist 15 Uhr am Gemeindehaus, im Anschluss wird zum vorweihnachtlichen gemütlichen Beisammensein eingeladen. Und nach den Feiertagen, in diesem Jahr gleich am 27. Dezember, steigt das Skatturnier. Im Vereinshaus natürlich.

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