Zehn Jahre Vierteljahresfischereischein: Eine umstrittene Erfolgsgeschichte an der Thüringer Saale

Saalfeld/Niederkrossen/Erfurt.  Die Zahl der Schnupper-Angler legt in Thüringen zu, an den Saale-Stauseen hingegen nicht. Viele erfahrene Angler stören sich nach wie vor an den Laien.

Angler gehen unweit des Fähranlegers Altenroth ihrem Hobby nach. Die Hohenwarte- und Bleiloch-Talsperre sind die größten Thüringer Gewässer, die auch Inhabern eines Vierteljahres-Fischereischeins offenstehen.

Angler gehen unweit des Fähranlegers Altenroth ihrem Hobby nach. Die Hohenwarte- und Bleiloch-Talsperre sind die größten Thüringer Gewässer, die auch Inhabern eines Vierteljahres-Fischereischeins offenstehen.

Foto: Jens Voigt

Platz fast ohne Ende und reiche Fischbestände von A wie Aal bis Z wie Zander – die Saale-Großtalsperren Hohenwarte und Bleiloch gelten als Thüringens Anglerparadiese schlechthin. Im coronabedingten Aufschwung des Inlandstourismus sollten sie von einer weiteren Besonderheit profitieren: Hier darf auch der Laie den köderbewehrten Haken zu Wasser lassen, darf aber nur Friedfischen wie Plötze oder Blei nachstellen.

„Vierteljahresfischereischein“ (VJFS) nennt sich das seit nunmehr zehn Jahren existierende Instrumentarium, um angeln zu dürfen, ohne den 30-Stunden-Lehrgang zum Erwerb des ordentlichen Fischereischeins durchlaufen und die 90-minütige schriftliche Prüfung bestanden zu haben. Der VJSF, nach erbitterten Auseinandersetzungen zwischen den Anglerverbänden per Gesetz zugelassen, sollte das Angeln als touristische Attraktion gerade auch am „Thüringer Meer“ für Laien zugänglich machen und für hiesige Jugendliche die Angel-Hürden absenken, auf dass sie vielleicht Geschmack fänden, später einem Verein beizutreten und richtige Angler zu werden.

„Es wird sehr gut angenommen. Viele kommen zum Angeln in unsere Region, haben aber nicht die entsprechende Qualifikation. Gerade an diejenigen richtet sich das Angebot“, wurde vor ein paar Wochen Klaus Güther von der unteren Fischereibehörde im Landratsamt Saale-Orla zitiert. Sein Saalfelder Amtskollege lässt via Pressestelle lediglich ausrichten, dass die jeweiligen Kommunen zuständig seien. Bei der Fischereibehörde würden aber in letzter Zeit „öfters“ Interessenten nachfragen, wo sie den VJFS beantragen könnten. Auf OTZ-Anfrage teilen die Gemeinden Unterwellenborn, Kaulsdorf – auch für Hohenwarte, Drognitz und Altenbeuthen – und Leutenberg die Zahlen der ausgestellten VJFS mit: bis Ende Juli insgesamt 34 in diesem Jahr. Im Vergleich zum corona-freien Vorjahr läuft das auf Stagnation hinaus, bestenfalls. Selbst seit 2015 ist nur wenig Steigerung erkennbar.

Bedingungen hätten sich in den vergangenen Jahren „stetig verschlechtert“

André Pleikies, Geschäftsführer des Landesanglerverbandes Thüringen (LAVT), bestätigt das Verharren der Gastangler-Zahlen an der Saalekaskade. Seit etwa fünf Jahren beobachte man das Phänomen, dass an VJFS-Inhaber für die insgesamt 1200 Hektar umfassenden Angelgründe des vom LAVT verwalteten Thüringer Gewässerverbundes bis zu 30 Prozent mehr Fischereierlaubnisscheine – vulgo Angelkarten – ausgegeben würden als für die rund 2000 Hektar der Saale-Talsperren. In diesem Jahr hätten bislang 1240 Thüringer sowie Gäste per VJFS in Thüringen geangelt – davon nur 461 in der Saalekaskade. Das Zurückfallen am „Thüringer Meer“ führt Pleikies darauf zurück, dass sich die Bedingungen dort in den vergangenen Jahren „stetig verschlechtert“ hätten.

„Die Erreichbarkeit, ja insgesamt die Erlebbarkeit der großen Talsperren für Angler sowie für die Allgemeinheit, insbesondere die Zuwegungen an die Gewässer und die Slipmöglichkeiten für Boote haben sich stetig verschlechtert“, erklärt der LAVT-Geschäftsführer. Besonders auffällig seien die Sperrung von Zuwegungen und Gewässerufern, die vorher seit Jahrzehnten frei zugänglich waren. Dies geschehe vor allem dort, wo sich in privilegierter Lage in Wassernähe Wochenendhäuser oder Bungalows mit offenbar einflussreichen Besitzern befänden.

Ganze Region werde geschädigt respektive in ihrer möglichen Entwicklung eingeschränkt

Auch unzählige Gespräche und Vorort-Termine mit anderen Interessengruppen, den Kommunen und Fachbehörden, der Politik vor Ort und im Landtag sowie mit den Landräten und dem Ministerpräsidenten hätten im Ergebnis nur wenig Zählbares gebracht. Unterm Strich werde eine ganze Region geschädigt respektive in ihrer möglichen Entwicklung eingeschränkt.

Denn laut Pleikies sind Angler auch ein Wirtschaftsfaktor. Rund 3,5 Millionen Petrijünger gibt es in Deutschland, auf ihrem Hobby fußen 52.000 Arbeitsplätze und Umsätze von etwa 6,5 Milliarden Euro. Laut Umfragen verbringen deutsche Schuppenjäger durchschnittlich 40 Prozent ihrer Angeltage fern ihrer Stammgewässer – bevorzugt dort, wo die Bedingungen stimmen, also nicht nur Fische im Wasser sind, sondern es auch kommode Anfahrten, Stellplätze, Bootsanleger gibt.

Beileibe nicht jeder Verein öffnet Fischgründe für Gastangler

Allerdings bleibt auch der hiesige Landkreis wie ganz Thüringen für Schnupperangler ein beschränktes Paradies: Beileibe nicht jeder Verein öffnet ihnen seine Fischgründe. Einige, weil ihnen die eigenen Gewässer zu klein oder zu wertvoll erscheinen, um sie mit Fremden zu teilen. Weitere, weil sie zuvor mit Müll und anderen Hinterlassenschaften der Gäste schlechte Erfahrungen gemacht haben. „Die hatten ihren Spaß und wir die Arbeit“, resümiert ein Vorstand eines kleinen Ortsvereins an der Oberen Saale. Etliche Vereine haben noch immer die grundsätzlichen Bedenken, die Karsten Schmidt als Geschäftsführer des in Niederkrossen ansässigen Verbands für Angeln und Naturschutz (VANT) so formuliert: „Als Angler sind wir dem Naturschutz und dem Tierschutz im Besonderen verpflichtet. Die dafür notwendige Sachkunde erwirbt man nicht, wenn man mal eben den Flyer durchblättert, den man zum Vierteljahresfischereischein ausgehändigt bekommt.“

Wie man gefangene Fische richtig ermüdet, an Land holt, vom Haken löst, müsse eben auch praktisch erlernt werden, in der Gemeinschaft mit erfahrenen Anglern. Wer Leute ans Wasser lasse, die im Grunde kaum mehr wissen, als wo beim Fisch das Maul ist, der nehme Tierquälerei praktisch in Kauf.

Geringste Probleme an der Saalekaskade mit VJFS-Inhabern

Belege dafür, dass VJFS-Inhaber Fische unsachgemäß behandeln oder als sonstige Sünder wider die Fischereiregeln auffallen, hat der VANT indes nicht. Kein Wunder, meint Geschäftsführer Schmidt sarkastisch, schließlich sei die früher staatliche Fischereiaufsicht nun den Vereinen selbst überlassen – und die würden die Kontrollen nicht ausgerechnet auf ihre zahlenden Gäste fokussieren. Sagt zwar Schmidt nicht, läge aber als Schlussfolgerung nahe.

Laut der Saalfelder Fischereibehörde wurden 2019 von den Aufsehern lediglich sieben Fälle gemeldet, in denen Angler keine Papiere vorweisen konnten. Ob darunter VJFS-Inhaber waren, wisse man nicht. LAVT-Geschäftsführer Pleikies kann zumindest widerlegen, dass an den Saalestauseen – deren Pächter der LAVT ist - weniger kontrolliert würde als vor Einführung des Schnupperscheins. So hätten die Aufseher im Jahr 2011 insgesamt 212 Kontrolltage mit 1078 Arbeitsstunden absolviert, im vorigen Jahr seien es 307 Kontrolltage mit 1463 Stunden gewesen. Den Berichten der Aufseher zufolge habe es mit den Inhabern von Vierteljahresfischereischeinen in den vergangenen Jahren die geringsten Probleme an der Saalekaskade gegeben. Und dann sei es bei Ermahnungen geblieben, ohne größere Verstöße wie Ordnungswidrigkeiten oder Strafverfahren, so Pleikies.

Aus seiner Sicht ist der Vierteljahresfischereischein in Thüringen eine Erfolgsgeschichte: wenig bis gar keine Kollateralschäden etwa durch falsch behandelte Fische oder bei solchen, die fälschlicherweise am Haken des Schnupperanglers hingen wie Hecht, Zander oder Forellen. Hingegen eine seit der Einführung um 60 Prozent gewachsene Nachfrage nach Angelkarten für VJFS-Inhaber und in diesem Corona-Sommer viel Lob von Urlaubern, dass der Erwerb der Karten für Touristenfischereischeine nun auch online möglich ist. Schade nur, so Pleikies, dass es am „Thüringer Meer“ so holpert. Denn knapp 500 an Schnupperangler verkaufte Erlaubniskarten mag dem einen nach Erfolg klingen – aber es bedeutet eben auch, dass nicht einmal jeder zwanzigste Angler an der Saalekaskade wegen dieses speziellen Angebots angereist ist.

Der Angelschein als Tourismusfaktor im Saale-Orla-Kreis