Wie Mütter zu früh gestorbener Kinder in Saalfeld gemeinsam trauern

Saalfeld  In einer Saalfelder Selbsthilfegruppe treffen sich Mütter, deren Kinder zu früh gestorben sind. Gemeinsam gehen sie den Weg durch die Trauer

Katja Moecke (links) und Elisa Kirves zeigen im Saalfelder Familiennest, dem Treffpunkt der Selbsthilfegruppe, „Sternenbärchen“, kleine, handgemachte Stoffbären, mit denen Betroffenen Mut gemacht werden soll. Dazu verarbeiten die Mütter mit bemalten Steinen und kleinen Gemälden den Verlust. 

Katja Moecke (links) und Elisa Kirves zeigen im Saalfelder Familiennest, dem Treffpunkt der Selbsthilfegruppe, „Sternenbärchen“, kleine, handgemachte Stoffbären, mit denen Betroffenen Mut gemacht werden soll. Dazu verarbeiten die Mütter mit bemalten Steinen und kleinen Gemälden den Verlust. 

Foto: Robin Kraska/Selbsthilfegruppe

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Die Tragödie kam ohne Vorwarnung: Drei Tage vor dem errechneten Entbindungstermin ihres zweiten Kindes spürt Katja Moecke aus Saalfeld erste Wehen, einer Geburt des Wunschbabys scheint nichts im Wege zu stehen. „Dann habe ich ihn plötzlich nicht mehr gespürt und bekam gleich ein sehr mulmiges Gefühl“, erinnert sich die heute 31-Jährige an die bangen Tagen im Juli 2017. Ein Ultraschall im Saalfelder Krankenhaus bringt traurige Gewissheit: „Unser Kind war tot, im Bauch gestorben.“ Katja Moecke bleibt nur noch, die Geburt einleiten zu lassen und das Kind still zu gebären. So heißt es, wenn das Baby zur Welt kommt, ohne ihr Licht erblickt zu haben. Anjo hätte der Junge heißen sollen. Die bulgarische Variante von Angelo, dem Engel.

Auch Elisa Kirves aus Rockendorf ist Mutter eines Sternenkindes, wie Kinder genannt werden, die vor, während oder kurz nach der Geburt oder überhaupt viel zu früh gestorben sind. Ihre erste Schwangerschaft mit Tochter Charlotte verläuft problemlos, auch beim zweiten Kind im Mai letztes Jahr ist es, wie auch bei Katja Moecke, eigentlich keine Risikoschwangerschaft. „Ich habe mich merkwürdig gefühlt und bin ins Krankenhaus gefahren. Die Herztöne waren schlecht und es stellte sich heraus, dass die Nabelschnur mehrmals um den Hals geschlungen war“, erinnert sich die 32-Jährige Erziehungswissenschaftlerin. Drei Tage nach der Geburt und trotz Reanimation stirbt Kurt auf der Neonatologie. Die Eltern können sich in Ruhe von ihrem Sohn verabschieden und ihn nottaufen lassen. „Ich habe ihm sogar noch selbst die Haare geschnitten“, sagt Elisa Kirves. Vom Klinikum gibt es einen winzigen Fußabdruck und eine Kerze zur Erinnerung mit. „Heutzutage gibt es viele Hilfsangebote für Betroffene“, weiß Katja Moecke. Die Krankenhäuser seien heute auch besser auf unerwartete Schicksalsschläge wie die der beiden Frauen eingestellt. Inzwischen verewigen sogar spezialisierte Fotografen jene kleine Erdenbürger, die nicht leben durften, in Bildern für immer. „Abschiednehmen ist heute sehr selbstbestimmt möglich“, findet Elisa Kirves. Diese Sensibilität musste sich erst entwickeln und das Tabuthema aufgebrochen werden. „Wir kennen eine Frau, die zu DDR-Zeiten ihr Totgeborenes noch nicht einmal sehen durfte, was natürlich grausam ist“, sagt Moecke. In der bereits 1994 gegründeten Selbsthilfegruppe „Hoffnung nach verlorenem Leben“ treffen sie sich mit gut einem Dutzend weiterer Frauen, um gemeinsam durch die Trauer zu gehen, zu reden, gemeinsam den Friedhof zu besuchen, aber auch, um bei Ausflügen Spaß zu haben und wieder zu lachen. Im Januar hat die gelernte Krankenpflegerin die Leitung übernommen. „Wir sind offen für alle Betroffenen. Es ist nicht entscheidend, in welcher Woche vor oder nach der Geburt das Kind gestorben ist“, sagt sie. „Sobald man sich als Eltern gefühlt hat und der Verlust schmerzt“, ergänzt Kirves. Auch Väter sind willkommen, doch nutzten sie das Angebot bisher kaum, trauern auf andere Weise, vermuten die Frauen. Immer am letzten Mittwoch im Monat trifft man sich im Saalfelder Familiennest in der Pößnecker Straße. So individuell die Geschichten der Mütter sind, so groß das Verständnis in der Gruppe, wenn sie erzählt werden. „Man weiß sofort, wie sich das Gegenüber fühlt“, sagt Elisa Kirves.

Ebenso individuell ist der Weg durch den Schmerz danach, mit allen Phasen der Ungläubigkeit, des Nicht-Wahrhaben-Wollens, der Wut, irgendwann der Akzeptanz. Katja Moecke, Elisa Kirves und vielen weiteren Muttis der Gruppe half eine Therapie; andere möchten, wenigstens phasenweise, eher für sich bleiben. Erlaubt ist, was hilft. Zu den quälendsten Gedanken gehört die Frage nach dem Warum. Wieso gerade ich? „Anfangs“, erzählt Katja Moecke, „konnte ich es kaum ertragen, wenn im Kollegenkreis jemand schwanger war und entbunden hat. Heute hoffe ich innerlich, wenn ich Schwangere auf der Straße sehe: ‚Hoffentlich geht alles gut und wird man sich nicht in der Gruppe sehen‘“. Auf die Frage nach dem Warum haben die beiden Frauen zumindest keine medizinische Antwort bekommen. „Wir haben die Plazenta untersuchen lassen“, sagt Katja Moecke. „Die Ursache wurde nicht gefunden“.

So gefasst wie an diesem Tag seien sie beileibe nicht immer. „Geburtstage, Kindertage und Familienfeste wie Weihnachten sind schon schwierig“, sagt Elisa Kirves. Mehr noch schmerzten sie aber hilflose Sätze Dritter wie: „Seid froh, dass es noch nicht so alt war.“ Wichtige Stütze waren und sind für beide Frauen ihre zwei weiteren Kinder. Die beiden Ältesten sind fünf Jahre alt, die Nesthäkchen im Dezember und Juni geboren. Folgekinder könnten natürlich kein Ersatz für Anjo und Kurt sein, „aber ein Zeichen für Hoffnung und dafür, nach vorne zu blicken“, sagt Elisa Kirves. Auch der alltägliche Trubel mit den Knirpsen helfe ungemein. „Es geht nicht darum zu vergessen, sondern mit dem Verlust besser zurechtzukommen“, sagt Katja Moecke.

In Kooperation mit der Katholischen Gemeinde Saalfeld laden sie am 19. September ab 19 Uhr zu einer Andacht in die Katholische Kirche ein. „Willkommen sind alle Betroffenen und verwaiste Eltern, ob gläubig oder nicht“, sagt Katja Moecke.

Kontakt zur Gruppe über Katja Moecke unter Telefon 0162-2738137

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