„Schließung der Gynäkologie wäre herber Verlust für Schleiz“

Schleiz.  Manfred Eckstein spricht über das Schleizer Krankenhaus und die Probleme mit der finanzierbaren Grundversorgung.

Manfred Eckstein (hier mit Christine Andrä (l.) und Christa Putz) sprach vor dem Kreistag.

Manfred Eckstein (hier mit Christine Andrä (l.) und Christa Putz) sprach vor dem Kreistag.

Foto: Oliver Nowak

Der promovierte Mediziner Manfred Eckstein war bis 2002 Chefarzt der Inneren Medizin im Krankenhaus Schleiz. Im Interview spricht er über die Leistungsfähigkeit des Schleizer Krankenhauses und darüber, welche Folgen die Schließung von Abteilungen haben würden.

Was für Gedanken haben Sie, wenn Sie an die Entwicklung des Schleizer Krankenhauses denken?

Ich habe am Ostermontag, dem 12. April 1971, im Schleizer Krankenhaus angefangen zu arbeiten. Eine Regelversorgung hat das Krankenhaus schon damals gewährleistet, jedoch waren Labor und Röntgentechnik nicht die modernsten.

Was bedeutet Regelversorgung aus medizinischer Sicht?

Von einer Krankenhaus-Grundversorgung spricht man, wenn ein Krankenhaus mindestens eine Abteilung für Innere Medizin und eine für Chirurgie vorhält. Daraus kann eine Regelversorgung hervorgehen, wenn zudem eine dritte Abteilung, zum Beispiel eine Gynäkologie oder interdisziplinäre Intensivmedizin hinzukommt, wie es das Schleizer Krankenhaus jetzt auch hat. Die Intensivmedizin kam Ende der 70er Jahre hinzu. Nur mit einer Regelversorgung konnte früher zu DDR-Zeiten der Status eines Kreiskrankenhauses erreicht werden.

Wie hat sich das Krankenhaus nach der Wende entwickelt?

Recht gut. Mit der Kreisgebietsreform 1994 wurden manche Zuständigkeiten neu sortiert. So kam es zum Beispiel zur Schließung der Gynäkologie in Ebersdorf. Meiner Meinung nach war das der erste Schritt zur Schließung des Krankenhauses. Was würde die Schließung der Gynäkologie im Schleizer Krankenhaus bedeuten? Ich hoffe, dass es nicht wie es seiner Zeit in Ebersdorf der Anfang vom Ende wäre. Die Grundversorgung bleibt trotzdem gewährleistet, durch die verbleibende Abteilung für Intensivmedizin sogar die Regelversorgung. Damit aber können sich leider finanzielle Probleme auftun.

Wieso lohnt sich das finanziell nicht?

Das ist ein Fehler des Systems. Es gibt die sogenannten Fallpauschalen. Da werden zu einem Krankheitsbild alle eingehenden Fälle aus ganz Thüringen registriert und dann der Durchschnitt der Behandlungskosten errechnet. Pro auftretendem Fall bekommt das Krankenhaus dann pauschal den Durchschnittsbetrag gezahlt. Das Problem dabei ist, dass zum Beispiel ein Diabetespatient oft nur wenige Stunden im Krankenhaus sein muss, je nach Schwere des Falls, aber auch Wochen im Krankenhaus verbringen kann. Damit dieses System finanziell funktioniert, müsste es viele und vor allem einfache und schnelle Behandlungsfälle geben.

Gehen Sie davon aus, dass die Gynäkologie in Schleiz geschlossen wird?

Ich hoffe nicht. Für Greiz wäre das finanziell lohnenswert, für Schleiz wäre das ein herber Verlust. Wir hätten dann ein erhebliches Problem, wenn wieder mehr Frauen statt einem oder zwei Kinder gleich drei oder vier gebären. Die Gynäkologie war in Schleiz nie unbedeutend, eine Schließung hätte schlimme Folgen für die ganze Region.

Was wären das für Folgen?

Auf der einen Seite fällt die Identifikation mit der Heimat weg, wenn im Personalausweis als Geburtsort dann Gera oder Jena steht anstatt Schleiz. Auf der anderen Seite wird unsere ländliche Region durch einen Wegfall der Gynäkologie völlig unattraktiv für junge Menschen, die eine Familie gründen wollen. Da kann es für manche Familie dann auch egal sein, wenn zwar ein Gymnasium vor Ort ist, aber es keine Gynäkologie mehr gibt.

Was würde eine Schließung der Klinik für Intensivmedizin in Schleiz bedeuten?

Dann säßen wir alle in der Falle. Es wären dann zum Beispiel 50 bis 60 Kilometer bis zum nächsten Krankenhaus der Spezialversorgung, zum Beispiel bei Schlaganfällen. Zwar wird immer gesagt, dass dann ein Hubschrauber eingesetzt würde, aber der kann auch nicht immer fliegen. Auch nicht jeder Patient kann mit einem Hubschrauber aufgrund seines medizinischen Zustandes transportiert werden. Ein Wegfall der Intensivmedizin würde zudem bedeuten, dass intensivmedizinische Fälle in der Chirurgie und der Inneren Medizin gar nicht mehr in Schleiz behandelt werden könnten. Denken wir nur an die Vielzahl notwendiger Behandlungsfälle durch Unfälle auf den Straßen und der Autobahn, dem Schleizer Dreieck oder dem SMS-Festival, so ist eine intensivmedizinische Abteilung absolut notwendig.

Was muss sich ändern, um die Krankenhausversorgung im ländlichen Raum zu verbessern?

Die Grundversorgung muss wieder staatlich werden, damit sie auch ständig und optimal gewährleistet werden kann. Zudem muss das Fallpauschalen-System abgeschafft und wieder eine leistungsgerechte Vergütung der Krankenhäuser der Grund- und Regelversorgung eingeführt werden.

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