Bevölkerung im Saale-Orla-Kreis kann nicht gewarnt werden

Schleiz/Neustadt.  Landrat Thomas Fügmann soll Neukonzeption zur Warnung der Bevölkerung in Katastrophenfällen im Saale-Orla-Kreis erstellen, verlangt der Kreistag.

Im Saale-Orla-Kreis gibt es 198 Sirenen wie hier auf dem Dach des Feuerwehrgerätehauses Quaschwitz.

Im Saale-Orla-Kreis gibt es 198 Sirenen wie hier auf dem Dach des Feuerwehrgerätehauses Quaschwitz.

Foto: Archiv/Peter Cissek

Der Kreistag hat Landrat Thomas Fügmann (CDU) beauftragt, eine umfassende Neukonzeption zur Warnung der Bevölkerung in Katastrophenfällen im Saale-Orla-Kreis zu erstellen und diese bis Ende Januar 2021 vorzulegen. Außerdem soll er auf Antrag der CDU-Fraktion bei den Kommunen erfragen, inwiefern vorhandene Warnsysteme wie die Sirenen der Feuerwehr zu diesem Zweck technisch aufgerüstet werden können und Vereinbarungen mit den Kommunen zur Nutzung im Katastrophenfall treffen. Denn zum bundesweiten Warntag habe im Saale-Orla-Kreis kein einziges Warnsystem funktioniert.

Sirenen im Saale-Orla-Kreis nicht zur Bevölkerungswarnung geeignet

„Im Saale-Orla-Kreis gibt es 182 elektromotorische Sirenen meist aus DDR-Zeiten, dazu 16 elektronische Sirenen. Von den insgesamt 198 Sirenen im Bestand der Kommunen sind 61 von der Rettungsleitstelle steuerbar, 37 verfügen über nur über eine Handauslösung per Druckknopf. Doch 197 Sirenen können nicht für die Bevölkerungswarnung eingesetzt werden“, gab Kreisbrandinspektor Uwe Tiersch zur jüngsten Kreistagssitzung einen Überblick. Er wies auf ein weiteres Problem hin: In den Kernstädten von Bad Lobenstein, Neustadt, Hirschberg, Wurzbach und Pößneck gäbe es beispielsweise nur eine Sirene, in Schleiz keine. Triptis habe eine Kostenschätzung für eine elektronische Sirene in Höhe 14.280 Euro vorgelegt, die vom Land mit 3000 Euro gefördert werden könnte. Ein Empfangsteil mit Platine würden weitere 1600 Euro kosten, ein Modul für die Sprachdurchsage 1000 Euro, der Netzanschluss und Schachtarbeiten für das Fundament eines Mastes weiteres Geld.

„Die meisten schauen aus den Fenster und legen sich wieder schlafen“

Mittelfristig soll die Alarmierung digitalisiert werden, was nicht mit jeder Empfangseinheit funktioniere. Die Rettungsleitstellen Saalfeld und Gera könnten laut Tiersch derzeit das Signal Bevölkerungswarnung nicht auslösen. „Was passiert, wenn eine Sirene öfter auf- und abheult, anders als bei Feueralarm? Nach unseren Erfahrungen wird jemand auf dem Dorf bei der Feuerwehr anrufen und fragen, was los ist. Die meisten, die nachts ein Sirenensignal hören, schauen aus dem Fenster, sehen nichts und legen sich wieder schlafen. Deshalb muss man nach dem Sirenenton eine Sprachdurchsage folgen lassen“, sagte Uwe Tiersch.

Derzeit gäbe es die Möglichkeit, Lautsprecherdurchsagen von Polizei und Feuerwehr vornehmen zu lassen, was bereits bei Bombenfunden genutzt werde. Durchsagen im Radio würden nichts bringen, weil nicht jeder Radio hört. Der Landkreis könne über das modulare Warnsystem (Mowas) einen Alarm absetzen. Jeder Einwohner, der die kostenfreie Nina-Warn-App auf seinem Smartphone hat, werde gewarnt, auch im Landkreis befindliche Gäste. „Wir wissen nicht genau, bis wann die Alarmierung digitalisiert wird und welches System dann verwendet wird“, gab Uwe Tiersch zu bedenken.

„Wir sind gern bereit, in ein Alarmierungssystem einzusteigen. Die Initiative muss vom Land ausgehen und das Geld an die Kommunen durchgereicht werden. Denn die Kommunen sind Eigentümer der Sirenen, nicht der Landkreis“, sagte Landrat Fügmann.

Alex Neumüller (CDU) sagte, dass der Antrag seiner Fraktion bereits vor dem bundesweiten Warntag am 10. September gestellt wurde. „An diesem Warntag hat bei uns im Landkreis keine einzige Möglichkeit der Bevölkerungswarnung funktioniert. Können wir das verantworten, nur weil es ums Geld geht“, fragte Neumüller, der selbst Feuerwehrmann in Harra ist. Er wies darauf hin, dass der Landkreis Aschaffenburg eine vorbildliches Warnsystem habe. Betroffene Einwohner würden mit Sirenen geweckt, Radiosender dank einer Vereinbarung sofort und wiederholt Gefahrendurchsagen vornehmen. Außerdem seien im Landkreis zwölf Feuerwehrfahrzeuge mit Mobela-Lautsprecher ausgestattet, die „kugelförmig abstrahlen und damit auch höhere Etagen erreichen. Außerdem gibt es im Alarmfall im Landratsamt ein Bürgertelefon, das zur Entlastung der Leitstelle dient und Fragen der Anrufer beantwortet“, so Neumüller.

Marc Bohnhardt (AfD), Wehrführer einer Feuerwehr in der Gemeinde Rosenthal am Rennsteig, begrüßte den CDU-Antrag. Sein Änderungsantrag, der den Landrat zudem beauftragen sollte, die Mowas-Tauglichkeit der Sirenen im Saale-Orla-Kreis prüfen zu lassen und sich für eine Förderung der Sirenenanlagen beim Freistaat einzusetzen, wurde mit zwölf Ja- und 17 Nein-Stimmen bei einer Enthaltung abgelehnt. Ein Antrag, den CDU-Vorstoß zur weiteren Diskussion in den Kreisausschuss zu verweisen, scheiterte mit einem Patt von jeweils 15 Stimmen. Letztlich wurde der CDU-Antrag nach langer Diskussion mit 25 Ja- und einer Nein-Stimme bei vier Enthaltungen beschlossen.