Der einzige Bioladen von Schleiz will für immer schließen

Schleiz.  Schon wieder gibt ein Schleizer Einzelhandelsgeschäft auf: Der einzige Schleizer Bioladen H&Z Naturkost will nach knapp 24 Jahren für immer schließen. Das sind die Gründe.

Matthias Herrmann will Ende Januar den Schleizer Bioladen H&Z Naturkost für immer schließen.

Matthias Herrmann will Ende Januar den Schleizer Bioladen H&Z Naturkost für immer schließen.

Foto: Peter Cissek

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Der einzige Schleizer Bioladen H&Z Naturkost will spätestens Ende Januar für immer schließen.

„Es lohnt sich schon seit Jahren nicht mehr“, sagte Matthias Herrmann von der Betreiberfamilie.

So viel Kundschaft auf einmal im Laden wie in dieser Woche hat man im 65 Quadratmeter großen Geschäft selten gesehen. Denn der Ausverkauf mit Preisnachlass für das so genannte Trockenwarensortiment hat begonnen.

Als Grund für die Geschäftsaufgabe nennt Matthias Herrmann das veränderte Kaufverhalten. „Kunden wollen nicht mehr wie früher bestimmte Produkte in verschiedenen Geschäften kaufen, sondern möglichst alles an einem Ort bekommen. Außerdem wollen die meisten mit dem Auto bis an die Ladentür fahren“, sagte er. Inzwischen haben die meisten der sechs Super- und Discountmärkte in Schleiz diverse Bioprodukte im Sortiment, ebenso Lebensmittel für Veganer, diese meist aber nicht in Bio-Qualität. Früher hätten viele junge Veganer bei ihm einkauft. Doch diese seien teils in größere Städte fortgezogen.

Als seine inzwischen über 70 Jahre alten Eltern Renate und Udo Herrmann, deren Namen die Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) noch heute trägt, im Juli 1996 ihren Laden im Souterrain eines Arzt- und Geschäftshauses in der Geraer Straße eröffneten, war die Biobranche in Deutschland noch in den Anfängen. Gehandelt hat er anfangs vorrangig mit Trockenwaren wie Müsli, Getreide oder Teigwaren direkt von Naturkostherstellern wie Rapunzel. Erst mit den Jahren wuchsen Bio-Großhändler wie Dennree im 23 Kilometer entfernten Töpen mit einem umfassenden Angebot an Obst, Gemüse, Molkereiprodukten und Kosmetik in gehobener Bioqualität heran. Dabei handelt es sich um Produkte aus kontrolliert biologischen Anbau mit dem entsprechenden Kennzeichen oder Bio-Siegel.

Die ersten 20 Jahre keinen Urlaub gemacht

Zwischenzeitlich wurde der Laden, den hauptsächlich Matthias Herrmann mit tageweiser Unterstützung seiner Schwester Anke Zimmermann betrieb, auch von einigen biozertifizierten Bauern aus der Region wie den nun im Ruhestand befindlichen Nebenerwerbslandwirten aus Raila saisonal mit Obst und Gemüse versorgt. „Doch auch in dieser Hinsicht hat sich das Kaufverhalten verändert. Inzwischen bauen viele Leute ihr Obst und Gemüse wieder im eigenen Garten an“, sagte Udo Herrmann.

Erst seit vier Jahren leisteten er und seine Schwester sich im Sommer eine urlaubsbedingte Schließzeit des Ladens. „20 Jahre lang haben wir unser Geschäft ohne Unterbrechung geöffnet. Wenn man aber erkennt, dass es seit Jahren mit den Erlösen nur noch abwärts geht, dann muss man den Schlussstrich ziehen“, sagte Matthias Herrmann. Die Entscheidung zur Geschäftsaufgabe sei bereits im vergangenen Frühjahr gefallen. Auch sorge die steigende Bürokratie dafür, dass die Arbeit kleiner Läden erschwert werde. Als Beispiel nennt er, dass er jeden Feierabend auch das Kleingeld in der Kasse zählen und ein Münzprotokoll anfertigen müsse. Um mit Supermärkten mithalten zu können, müsste er sein Angebot an Frisch- und Kühlware vergrößern und investieren. Doch damit steige das Risiko in einer Kleinstadt wie Schleiz, auf verderblicher Ware sitzen zu bleiben. Er sträube sich, Lebensmittel nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatum zu entsorgen. Schon jetzt esse er übrig gebliebenes Brot selbst.

Kunden wollen mehr Tierwohl, aber keinen höheren Preis

Dass sich die Nachfrage nach Biolebensmitteln durch das steigende Umweltbewusstsein junger Leute erhöhen werde, glaubt Herrmann nicht. „Viele Menschen sprechen sich für mehr Tierwohl aus, sind aber nicht bereit, einen höheren Preis zu bezahlen“, bedauert er. Wenn er sich mit Lehrern unterhalte und erfahre, was mit Fridays for Future sympathisierende Schüler als Pausenbrot mitbringen, könne er nur mit dem Kopf schütteln. „In vielen Fällen sind es Toast-Brot mit Nutella, abgepackte Sandwiches aus dem Supermarkt oder Fertigprodukte“, zählt er auf.

Die Welt werde für ihn nicht untergehen: Udo Herrmann, der seit einem Unfall vor 25 Jahren im Rollstuhl sitzt, ist Wasserski-Trainer beim WSC Hufeisensee in Halle. Außerdem spielt beim RSV Bayreuth Rollstuhl-Tischtennis in der 2. Bundesliga und beim Post SV Zeulenroda in der Bezirksliga der „Fußgänger“.

Wenn es jemanden gäbe, der in Schleiz wieder einen Bioladen eröffnen sollte, würde er bei Bedarf stundenweise mitarbeiten, aber nicht mehr in eigener Verantwortung, sagte Matthias Herrmann.

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