Eine Lindenau-Medaille für Jochen Süss

Neustadt/Orla  Seit sieben Jahren engagiert sich der Biologe in Renthendorf, um das Erbe des Naturkundlers Alfred Brehm zu retten.

Jochen Süss in der Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf.

Jochen Süss in der Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf.

Foto: Sabine Brandt

Mit Fug und Recht lässt sich behaupten: Ohne Jochen Süss würde es das Brehm-Haus in Renthendorf nicht mehr geben.

Die Mauern mit Rissen, der Keller voller Schlamm, der Giebel kurz vor dem Einsturz, überall Modergeruch. Das Haus, in das vor 150 Jahren Alfred Brehms Mutter nach dem Tod ihres Mannes, dem „Vogelpastor“ Christian Ludwig, mit den Kindern zog, war noch vor sieben Jahren in einem erbärmlichen Zustand. Und natürlich als Museum oder Gedenkstätte nicht mehr nutzbar. Der letzte Brehm-Erbe hatte es nach dem Zweiten Weltkrieg samt Inventar der Gemeinde überlassen, die eine Gedenkstätte einrichtete und lange mit viel Mühe erhielt. Doch 2012 war der kleine Ort, der sich finanziell lange von Jahr zu Jahr hangelte, völlig überfordert und musste das Haus zum Mai schließen.

Zu jenem Zeitpunkt ging Jochen Süss mit 65 Jahren gerade in Pension – auf der Suche nach einer neuen sinnstiftenden Aufgabe, wenngleich er mit Brehm bis dato noch nicht viel zu tun hatte. Denn Jochen Süss studierte von 1965 bis 1970 Biologie, promovierte 1973 in Greifswald über Grippe-Viren, habilitierte sich 1979 in Jena über Zecken und leitete nach der Wiedervereinigung das dort ansässige nationale Referenzlabor für durch Zecken übertragene Krankheiten. Schließlich pensioniert und als Bürgermeister von Lippersdorf-Erdmannsdorf unterzeichnete Jochen Süss im Mai 2012 die Gründungsurkunde des „Zweckverbandes Brehm-Gedenkstätte Renthendorf“. Schon damals wusste er, welche Perle hier schlummert und welch großes Erbe es zu bewahren galt. Der Durchbruch gelang schließlich mit der Hermann-Reemtsma-Stiftung, die vier Jahre lang die Eigenanteile übernahm, die Süss brauchte, um öffentliche Fördermittel zu beantragen. Sieben Jahre lang hat er mit einer Handvoll Enthusiasten erfolgreich um das Haus gekämpft. Doch ein Ende ist nicht in Sicht.

Am Donnerstag hat der Thüringer Museumsverband in Neustadt/Orla Jochen Süss mit einer der drei Bernhard-von-Lindenau-Medaillen geehrt. Eine Anerkennung für seine besonderen und unermüdlichen Leistungen für das Thüringer Museumswesen: Süss habe für ein museales Gesamtkonzept gesorgt, das die Rettung der Sammlung, den Erhalt und Ausbau der Gebäude sowie die Weiterentwicklung der Gedenkstätte einschließe, heißt es am Donnerstag in der Laudatio.

Ihren Namen verdankt die Ehrenmedaille dem sächsisch-thüringischen Staatsmann Bernhard August von Lindenau (1779-1854); in Altenburg entstand aus seinen Kunstsammlungen das Lindenau-Museum. „Ich bin sehr gerührt, wie sich mit dieser hohen Auszeichnung der Kreis schließt. Denn ich habe selbst im Alter von 16, 17 Jahren als Hilfsassistent im Lindenau-Museum gearbeitet. Damals unter Direktor Dieter Gleisberg, der mir damals beigebracht hat, wie man gute Ausstellungen macht“, erzählt Jochen Süss.

Heute ist der 72-Jährige mit seinem Brehm-Haus wieder bei diesem Thema. Denn nachdem er jahrelang als ehrenamtlicher „Bauleiter“ auf seiner Großbaustelle alles überwacht hat, kann nunmehr Vollzug gemeldet werden. Das Brehm-Haus – aufs Feinste gesichert, saniert, restauriert, mit neuem Dach, originalgetreuen Fenstern, moderner Heizung und Elektrik, mit den originalen Dielen und Küchenfliesen und mit eigens gefertigten Druckmodeln von Deutschlands letztem Formenstecher neu entstandenen Tapeten. Erst kürzlich hat das Land Thüringen 600.000 Euro für den Aufbau einer Ausstellung bewilligt und Jochen Süss hat einen Kurator und ein Büro gefunden, das die Schau konzipiert. Das Ziel ist in greifbare Nähe gerückt: Im August 2020 soll die Ausstellung eröffnet werden.

Doch es geht Jochen Süss nicht nur um das Gebäude, sondern um ein einzigartiges wissenschaftshistorisches Ensemble mit dem Pfarrhaus, in dem Alfred Brehm, der mit seinem „Tierleben“ einen internationalen Bestseller verfasste, einst aufwuchs, und mit der gegenüberliegenden Kirche, auf deren Friedhof beide Brehms begraben sind. Und Jochen Süss hat sogar noch weitere Pläne, wünscht sich einen modernen Anbau, der Brehms Bibliothek und die mehr als 2300 erhaltenen Dokumente und Handschriften beherbergen könnte. Seit sieben Jahren lagern die Dokumente im Kreisarchiv.

Beinahe und ohne Jochen Süss wäre die Erinnerung an die beiden großen Naturforscher, die unermüdlich Tiere beobachteten, Vögel fingen und präparierten und verständlich das Leben der Tiere erklärten, verloren gegangen. Zugleich legten Alfred und sein Vater Christian Ludwig die Grundlagen für den Naturschutz. Die 2018 gegründete Stiftung soll künftig den Ort und das Gedenken an sie am Leben halten und auch weitere Forschungen forcieren.

Weitere Ehrungen für Günter Schuchardt und Alf Rößner

Burghauptmann Günter Schuchardt, Wartburg Eisenach: Seit über 20 Jahren leitet der Kunstwissenschaftler die Geschicke der Weltkultureinrichtung. Die Verleihung des Unesco-Titels 1999 gehört wie mehrere Landesausstellungen auf der Wartburg zu den herausragenden Leistungen seiner Amtszeit. Von 2003 bis 2019 stand er als Präsident an der Spitze des Museumsverbandes Thüringen.

Alf Rößner, Direktor des Stadtmuseums Weimar: Seine Museumskarriere begann für ihn mit der Übernahme des Direktorats des Stadtmuseums Weimar im Jahr 2006, das vier Jahre zuvor aus finanziellen Gründen geschlossen wurde. Mit zahlreichen Ausstellungen, aber vor allem mit der ursprünglich als Sonderschau konzipierten Exposition „Demokratie aus Weimar“ brachte Alf Rößner das Stadtmuseum wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Aufgrund des Zuspruchs gehört sie heute zum festen Bestand des Hauses. Der Bauhistoriker kann zudem auf eine lange Publikationsliste zu regionalgeschichtlichen Themen verweisen.

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