Gemüseschnitzerin aus Schleiz: Romy Luckners wundersame Metamorphosen

Schleiz.  Eine Konditorin aus Schleiz verwandelt Obst und Gemüse in essbare Kunstwerke. Gelernt hat sie es von einem zweifachen Weltmeister aus China.

Romy Luckner aus Schleiz schnitzt aus Obst und Gemüse essbare Kunstwerke. Statt Blumen verschenkt sie gern ihre Schnitzereien.

Romy Luckner aus Schleiz schnitzt aus Obst und Gemüse essbare Kunstwerke. Statt Blumen verschenkt sie gern ihre Schnitzereien.

Foto: Conni Winkler

Ob Möhrenrosen, Rettichschwäne oder Kohlrabiblüten. Die Schnitzkunst am essbaren Objekt von Romy Luckner aus Schleiz überrascht den Betrachter mit Feinheit und Detailreichtum. Auf ihrem Wohnzimmertisch hat die Schleizerin Kürbisse, eine Honigmelone und eine Papaya drapiert. Dazwischen stecken Blüten aus Fenchel und Chilis geformt, die einer Anthurie zum verwechseln ähnlich sehen. Fast drei Stunden hat sie dafür gebraucht.

Rettich wird zur Rosenblüte

„Aus Obst und Gemüse kann man ganze Blumensträuße herstellen“, sagt die Schnitzkünstlerin, die eigentlich Konditorin ist. Besonders gut würden sich Rettich und Rote Bete machen, aus denen sie dank schärfstem Werkzeug Rosenblüten herausarbeiten kann. „Mein wichtigstes Werkzeug ist ein Thai-Messer. Es ist so scharf wie ein Skalpell.“ Damit könnten durchaus auch Schönheits-Operationen vorgenommen werden, sagt Romy Luckner und lacht. Das Messer hat eine sehr schmale, leicht biegsame Klinge. „Herunterfallen darf es nicht.“ Die Spitze könne sich verbiegen oder im schlimmsten Fall im Fuß landen.

An einem Apfel demonstriert sie ihre Kunst. Mit sicherer Hand führt sie Schnitt um Schnitt. Kleine Stege, nur einen Millimeter breit, lässt sie stehen. Einem Ungeübten erschließt sich nicht, wie die Form in Vollendung aussehen wird. Wie von Zauberhand entsteht eine filigrane Ornamentik auf der Apfelfläche. Stücke lösen sich und das erwünschte Muster tritt zu Tage. Der Apfel verwandelt sich ähnlich der Metamorphose eines Schmetterlings vom schnöden Obst in ein fein ziseliertes Kunstwerk. „Ach, das ist doch nun das Einfachste, was ich machen kann“, winkt die Schleizerin ab. „Das kann jeder lernen.“

Küchenchef unter Mau Zedong

Romy Luckner hat es jedoch von einem der besten Gemüse- und Früchteschnitzer der Welt gelernt. Von Xiang Wang. Er ist zweifacher Weltmeister in dieser Disziplin und war Küchenchef unter dem Staatschef Mao Zedong. Der Chinese lebt heute in der Schweiz, schreibt Bücher über sein Handwerk und gibt sein Wissen in Kursen weiter. An vier Wochenenden erlernte die Schleizerin 1998 diese Schnitzkunst. „Damals habe ich noch als Fleischerin im Betrieb meines damaligen Mannes gearbeitet. Die Fertigkeit wollte ich für unseren Partyservice nutzen.“

Seit eineinhalb Jahren arbeitet Romy Luckner wieder als Konditorin. Das Schnitzen hat sie nie aufgegeben. Zwar mache sie es nur noch selten, für Freunde und Bekannte, oder wenn mal jemand für eine Hochzeit, Taufe oder eine andere Festivität etwas haben will.

Die Leidenschaft dafür hat sie aber nie losgelassen. „Das Schnitzen entspannt mich“, sagt die Schleizerin.

Kaum vorstellbar, dass all die Formen, Blüten, Ornamente einfach so entstehen können. Doch genau so sei es, sagt sie. „Am Anfang weiß ich meistens noch nicht, wie es aussehen soll. Die Form ist im Objekt verborgen.“ Mit letzterer Aussage reiht sie sich in die Riege der großen Bildhauer wie Auguste Rodin ein, der einst sagte, dass alle wesentlichen Formen bereits da seien.

Auch wenn Romy Luckner keine Körper formt und keine Werke für die Ewigkeit schafft, so scheint der Prozess der Entstehung ein ähnlicher zu sein. Beim Vergleich mit Rodin blickt sie zu Boden und winkt ab. „Ach, das kann man alles lernen“, sagt die Schleizerin. Ihr liebstes Obst seien die Wassermelonen. Aber zu dieser Jahreszeit habe sie keine kaufen wollen. „Die Melone bringt von Haus aus drei Farben mit, das rote Fruchtfleisch, die weiße Schicht unter der Schale

und das Grün der Außenhaut.“ Dadurch seien die Gestaltungsmöglichkeiten unwahrscheinlich groß. Namen, Gesichter, Figuren und Jahreszahlen, die umrahmt werden von rosa Blütenmustern, für Romy Luckner ist das alles kein Problem.

Kürbisse würden sich wegen der Festigkeit besonders gut für Figuren eignen. „Manche schnitzen daraus plastische Gesichter oder ganze Köpfe und gestalten nach Fotos detailreiche Skulpturen.“ Das beeindrucke sie sehr. „Irgendwann will ich noch mal einen Schnitzkurs für Gesichter belegen.“ Wie es ihr geht, wenn ihre Objekte aufgegessen werden? Nun, das sei ein schwieriges Thema. „Ich bin lieber nicht dabei, wenn die Leute es essen, woran ich vielleicht mehrere Stunden gearbeitet habe“, sagt Romy Luckner. Aber zum Essen sei es nun mal da. Das sei ihr immer noch lieber, als wenn es später im Müll lande.