Mauerfall-Jubiläum

Trabi-Korso durchbricht in Mödlareuth noch einmal Mauer

Mödlareuth.  Am 30. Jahrestag des Mauerfalls fuhren 80 Trabis und andere Ost-Autos durch den nachgebauten Grenzübergang im einst geteilten Dorf Mödlareuth.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und der Hofer Landrat Oliver Bär (r.) heißen die Trabi-Insassen willkommen. Ein Trabi-Korso hat am Samstagnachmittag im einst geteilten Dorf Mödlareuth die Mauer durchbrochen.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und der Hofer Landrat Oliver Bär (r.) heißen die Trabi-Insassen willkommen. Ein Trabi-Korso hat am Samstagnachmittag im einst geteilten Dorf Mödlareuth die Mauer durchbrochen.

Foto: Peter Cissek

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„Servus, servus. Schön, dass sie da sind“, riefen Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, der Hofer Landrat Oliver Bär (beide CSU) und der Schleizer Landrat Thomas Fügmann (CDU) den Insassen der am nachgebauten Grenzübergang in Mödlareuth fahrenden Trabis zu. Am 30. Jahrestag der Mauerfalls durchbrach ein Trabi-Korso symbolisch noch einmal die Mauer in dem 50-Seelen-Dorf, das wie Berlin bis 1989 durch Mauer und Stacheldraht getrennt war.

Unter den rund 80 Ost-Fahrzeugen, die hupend vom thüringischen in den bayerischen Teil Mödlareuths fuhren, waren auch zahlreiche Wartburgs, Ladas und Barkas’. Zuvor hatten Jugendfeuerwehrleute aus Töpen die 1,60 Meter hohe Styropormauer abgetragen und das Grenztor geöffnet, während anwesende Politiker aus Bayern, Thüringen und Sachsen sowie zahlreiche Besucher des Mauerfall-Jubiläums die Nationalhymne sangen. Die Abgase der Zweitakt-Motoren sorgten im Scheinwerferlicht für leichten Nebel. „Wie im November 1989. Das ist der Duft des Ostens“, rief ein Passant. Einer der Fahrzeuginsassen zeigte den Politikern seinen alten DDR-Personalausweis vor.

Für diesen geschichtsträchtigen Tag nahmen nicht nur Trabi-Freunde eine lange Anreise auf sich. Stephanie Foist aus Vilseck bei Grafenwöhr machte sich mit ihrer Familie auf den 130 Kilometer langen Weg nach „Little Berlin“, wie Mödlareuth beiläufig genannt wird. „Ich habe früher in Westberlin gelebt und meinen Mann in den USA kennen gelernt. Seit 2015 ist er Zivilist bei der US-Army in Deutschland. Er und unser Sohn Noah sollen erleben, wie das damals war, als die Mauer fiel“, sagte Stephanie Foist.

Trabi-Parade zu 30 Jahre Mauerfall

„Neapel sehen und sterben“, steht nach dem Vorbild der Nachwendefilmkomödie „Go Trabi go“ auf der Kofferraum-Haube des Trabant 601 von Jürgen Bernhardt aus Tanna. „Ich fahre 10.000 Kilometer jährlich mit meinen Trabi. Das Auto funktioniert problemlos. Rückrufe wie bei Neuwagen muss ich nicht fürchten“, sagte der 31-Jährige. Jüngst war er mit seiner Freundin Samantha „Trabanta“ Schwarze im Harz im Urlaub.

„Man darf vor Fahrtantritt nicht vergessen, den Benzinhahn zu öffnen“, erklärte Andreas Strosche (29) aus Tanna, der seit sechs Jahren von April bis November mit seinem Trabi zur Arbeit fährt. „Außerdem muss man das Zweitakter-Benzin im Verhältnis 1:50 selbst mischen, da es kaum noch eine Tankstelle führt“, ergänzte Andreas Vogel aus Hirschberg. Vor sechs Jahren habe er sich seinen Trabi für etwa 1000 Euro gekauft. Ersatzteile gäbe es noch ausreichend in bestimmten Online-Shops wie Trabantwelt. „Manchmal sprechen mich auch ältere Leute an, die noch viele Ersatzteile zu Hause haben“, sagte Andreas Vogel, der im Jahr des Mauerfalls erst ein Jahr alt war und nun eines von 15 Mitgliedern der Trabant-Freunde in Schleiz ist. Axel Lederer aus Weida fuhr in DDR-Grenzsoldaten-Uniform in einem russischen Militärfahrzeug vom Typ UAZ-469B im Korso mit. „Ich habe drei von diesen Fahrzeugen, die anderen zwei dienen mir als Ersatzteillager“, sagte der Oldtimerfreund.

„Jugend von heute soll erfahren, dass es eine Grenze und zwei Deutschlands gab“

Auch wenn es am Samstagnachmittag Menschenmassen in den Ort zog: Martina Geßner aus dem thüringischen Teil Mödlareuths ist froh, dass mit so einer Veranstaltung an die Grenzöffnung erinnert wird. „Die Jugend von heute soll erfahren, dass es vor 1989 eine Grenze und zwei Deutschlands gab, dass wir nicht mal den Nachbarn in Bayern winken durften“, sagte sie. „Als man dann am 7. Dezember 1989 begann, die Mauer in Mödlareuth abzureißen, ist niemand von uns auf Arbeit oder in die Schule gegangen“, sagte sie und zeigte die auf dem Smartphone abgespeicherten Fotos von damals.

„Es ist richtig, dass wir feiern, dass wir gemeinsam auf diese gewaltloseste Revolution aller Zeiten stolz sind“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann. Er erinnerte, dass der 9. November auch der 81. Jahrestag der Reichspogromnacht ist: „Es ist eine Lehre aus der deutschen Geschichte: Wenn die Toleranten zu lange tolerant sind gegenüber fanatisch Intoleranten, dann kann der Tag kommen, wo die fanatisch Intoleranten die Macht übernehmen und die Toleranten gar nichts mehr zu sagen haben. Das wollen wir nie wieder erleben in Deutschland, weder mit Neonazis, noch mit Stalinisten, noch mit Islamisten. Dafür müssen wir kämpfen“, sagte Herrmann und bekam dafür großen Applaus.

Das Bayerische Fernsehen nutzte den 9. November 2019 für mehrere Live-Übertragungen aus Mödlareuth. Moderator Andreas Bachmann und der ehemalige Chefredakteur Siegmund Gottlieb interviewen unter anderem DDR-Bürgerrechtler Matthias Büchner und US-Generalkonsulin Meghan Gregonis.

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