Überraschende Rettung der Fernwärmeversorgung Tanna möglich

Tanna.  Stadtrat Tanna verzichtet auf den Erdgas-Konzessionsvertrag. Denn zwei Unternehmen sind an der Übernahme aller Fernwärmeanteile interessiert.

Ein Einwohner redet am Mikrofon in der Bürgerfragestunde vor der Tannaer Stadtratssitzung, die wegen coronabedingten Hygieneauflagen in der Turnhalle stattfand.

Ein Einwohner redet am Mikrofon in der Bürgerfragestunde vor der Tannaer Stadtratssitzung, die wegen coronabedingten Hygieneauflagen in der Turnhalle stattfand.

Foto: Peter Cissek

Aus dem umstrittenen Umstieg von der Fernwärmeversorgung für Tanna und Frankendorf zum Erdgasanschluss wird offenbar nichts. Die Stadt Tanna hat zwei Unternehmen gefunden, die das Anlagevermögen der Fernwärmeversorgung Tanna GmbH erwerben und die Haushalte mit Wärme beliefern wollen. Der Stadtrat Tanna beauftragte auf der Sitzung am Donnerstagabend Bürgermeister Marco Seidel (parteilos) einstimmig damit, mit beiden Unternehmen Vertragsdetails zu besprechen und das Ergebnis dem Stadtrat zu präsentieren. Die Übernahme durch eines der beiden Unternehmen soll möglichst zum Jahreswechsel erfolgen.

Das Interesse am Thema ist groß: Zu einer Einwohnerversammlung im Februar 2020 vor den coronabedingten Einschränkungen kamen knapp 400 Tannaer und Frankendorfer in die Turnhalle. Am Donnerstagabend waren bereits 15 Minuten vor Beginn der Stadtratssitzung alle 22 Zuschauerplätze besetzt, sodass einige Einwohner aus Hygieneschutzgründen nicht mehr eingelassen werden konnten.

Für Rettung der Fernwärme Tanna lange Zeit keine Lösung in Sicht

Die stadteigene Fernwärmeversorgung Tanna GmbH leidet seit ihrer Gründung 1993 unter einer angespannten Liquiditätslage. Es war der Stadt nicht gelungen, neue starke Partner zu finden. Die Stadtwerke Jena-Pößneck und die Thüringer Energie AG winkten ab, weil sich eine Beteiligung für sie nicht rechnen würde. Das Leitungsnetz sei mit elf Kilometern viel zu lang und störanfällig. Es versorgt lediglich 215 Kunden, obwohl es 450 Gebäude mit Fernwärme versorgen könnte.

Damit die Fernwärmekunden nicht eines Tages im kalten Haus sitzen, konnte Bürgermeister Seidel die Teag-Tochter Thüringer Energienetze dazu bewegen, Tanna und Frankendorf an die bei Mielesdorf verlaufende Erdgasleitung anzubinden. Obwohl sich in der Folgezeit über 310 und damit ausreichend Interessenten für einen Erdgasanschluss gefunden haben, nahm Bürgermeister Seidel mit Zustimmung des Stadtrates den Antrag zwecks Abschluss eines Konzessionsvertrages zur Gasversorgung wieder von der Tagesordnung. Nicht zur Abstimmung kamen ebenso zwei Übernahmeanträge. Die Getec Wärme & Effizienz GmbH, ein führender Energieversorger für Industrie und Wohnungswirtschaft in Deutschland, bot in dieser Woche an, nicht nur das Fernwärmenetz übernehmen und betreiben zu wollen, sondern auch das gesamte Anlagevermögen der Fernwärmeversorgung Tanna GmbH. Dieses sollte ursprünglich in der Stadtratssitzung an das Wärmeversorgungs- und Contractingunternehmen Danpower GmbH mit Hauptsitz in Potsdam vergeben werden, das auch das Heizwerk der Fernwärmeversorgung in Bad Lobenstein betreibt.

Auf Grund des neuen Angebotes wurde zur Stadtratssitzung eine weitere Beschlussvorlage auf die Tagesordnung gebracht, zuerst diskutiert und einstimmig beschlossen. Der Stadtrat beauftragt den Bürgermeister mit Getec und Danpower „die Due-Diligence durchzuführen“, worunter die eingehende Prüfung eines zum Verkauf stehenden Unternehmens durch potenziellen Käufer zu verstehen ist. Basierend darauf sollen konkrete Vertragsentwürfe mit verbindlichen Zahlen dem Stadtrat zur Beschlussfassung vorgelegt werden.

Veräußert werden sollen hundert Prozent des Anlagevermögens der Fernwärmeversorgung Tanna GmbH. Grundstücke und Gebäude bleiben dagegen im städtischen Eigentum, würden aber verpachtet. Die Summen, die noch nicht endverhandelt sind, würden mindestens die Schulden der Fernwärmeversorgung begleichen.

Verzicht auf Erdgaserschließung

Von einigen Gästen, die sich in der Interessengemeinschaft „Pro Fernwärme“ engagiert haben, gab es für den städtischen Vorstoß Applaus. Denn sollte die Fernwärmeversorgung erhalten bleiben, könnten die Hauseigentümer auf Investitionen in eine eigene Heizungsanlage verzichten. Auch die Stadt könnte rund 250.000 Euro sparen, weil sie in acht Gebäuden die Heizung nicht umrüsten müsste. Bei einem Erdgasanschluss hätte die städtische Fernwärmeversorgung mit der Zeit ihr Netz rückbauen müssen und weitere Liquiditätsprobleme bekommen. Außerdem habe die Fernwärmeversorgung vor zwei Jahren einen Zehn-Jahres-Vertrag mit der Güterverwaltung Nicolaus Schmidt AG im Ortsteil Rothenacker abgeschlossen, um den Wärmebezug vom Blockheizkraftwerk des landwirtschaftlichen Unternehmens zu sichern. Auf dieser Grundlage habe die Güterverwaltung Investitionen getätigt. „Auch das spricht dafür, dass es mit der Fernwärme weitergehen soll“, sagte Bürgermeister Seidel vor der Beschlussfassung. Laut dem am 1. November in Kraft tretenden Gebäudeenergiegesetz sei Fernwärme die beste Primärenergie, meinte er.

Dieter Seidel (Freie Wähler), der auch Fernwärme-Aufsichtsratsmitglied ist, sagte, dass es nach jahrelangen Bemühungen „zu einer spannenden Entwicklung gekommen ist, mit der niemand rechnen konnte“. Beigeordneter Ralf Hüttner (Freie Wähler) schlug vor, dass die Stadt Tanna keinen Konzessionsvertrag zum Verkauf von Erdgas abschließen sollte, falls es zur Übernahme der Fernwärmeversorgung kommt, damit der neue Eigentümer diese wirtschaftlich betreiben und neue Anschlüsse beispielsweise im Wohnbaugebiet Stickereiweg anbieten kann. Bürgermeister Seidel sagte, dass er die Thüringer Energienetze bereits gebeten habe, ihre Planungen vorerst nicht weiter voranzutreiben.