Politik

„Die Moral endet am Regal“ – Über den Frust der Bauern

Mockzig.  Aus Sicht der Landwirte ist in der Politik ein dringendes Umsteuern notwendig. Im Interview erklärt Grünen-Politikerin Doreen Rath die Ursachen.

Doreen Rath im Stall bei ihren Milchkühen.

Doreen Rath im Stall bei ihren Milchkühen.

Foto: Andreas Bayer

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Im Dezember wurde die Thüringer Ministerin für Umwelt, Energie und Naturschutz, Anja Siegesmund (Bündnis 90/Die Grünen), in Altenburg von etwa 20 demonstrierenden Landwirten empfangen. Berndt Apel, Vorsitzender des Kreisbauernverbands, überreichte ihr ein Positionspapier mit sieben Forderungen. Wir fragten bei Doreen Rath nach, woraus die Verärgerung der Landwirte entstanden ist und welche Maßnahmen nötig wären, um eine aus ihrer Sicht ausgeglichene Politik zu erreichen. Die 50-Jährige sitzt für die Grünen im Kreistag, ist Vorsitzende des Landschaftspflegeverbandes Altenburger Land und Geschäftsführerin der Agrar T&P GmbH in Mockzig. Als solche verantwortet sie rund 830 Kühe und 849 Hektar Ackerland.

Worum geht es den Landwirten eigentlich?

Rath: Was die Landwirte stört, ist dass ihre Arbeit in keiner Weise wertgeschätzt wird. Wir sind ein bisschen ein Feindbild geworden. Ich habe das studiert, das ist eine Wissenschaft wie jede andere auch. Dennoch meint jeder bei Agrar-Themen mitreden zu können, der einen Blumentopf oder eine Katze zuhause hat. Mit Frau Siegesmund gab es dann auch eine freundliche, sehr sachliche Diskussion, bei der aber natürlich viele Fragen offen blieben.

Ist die Umweltministerin denn die richtige Ansprechpartnerin für ihre Kritik?

Mir ist wichtig, dass man sich miteinander unterhält. Ich verstehe gar nicht, wieso da zum Teil so tiefe Gräben sind. Die Landwirte und die Umweltschützer haben zu großen Teilen die gleichen Ziele. Aber es stimmt, viele Fehlentwicklungen hat die schwarz-rote Bundesregierung auf den Weg gebracht. Man gibt den Grünen für vieles die Verantwortung, woran sie gar nicht beteiligt waren.

Wie etwa die Düngeverordnung?

Genau. Aus meiner Sicht wird viel zu wenig hinterfragt, woher das Nitrat im Grundwasser kommt. Da kann man es nicht so darstellen, als wäre die Landwirtschaft die alleinige Ursache. Ebenso beim Insektensterben, dabei ist der Autoverkehr der Hauptfeind für Insekten, Amphibien und Säugetiere. Wir werden für das alles kritisiert, das ist nicht gerecht. Eine gewisse Artenvielfalt gibt es auch deshalb, weil es die Landwirtschaft gibt.

Also verursacht die intensive Tierhaltung keine Probleme?

Doch schon, aber nicht in Thüringen. Zum Beispiel die Entwicklung bei der Legehennenhaltung. So werden in Deutschland fast nur noch Hühnereier produziert, die als Schalen-Ei auf den Markt kommen. Die Eiprodukte, welche die Industrie in riesigen Mengen verarbeitet, kommen aus dem Ausland. Wir haben also die Legehennen-Käfige exportiert und damit auch einen Teil der Produktion ausgelagert. War das das Ziel beim Verbot der Käfighaltung?

Welchen Anteil haben wir Verbraucher daran?

Für die meisten Menschen gilt: Die Moral endet am Regal. Die Regale werden immer brechend voll sein, aber wo es herkommt, interessiert sie nicht.
Die Kunden müssten mehr Bio-Produkte kaufen, damit sich etwas ändert. Wir konnten 2019 den Bioanteil unserer Molkerei nur von 7,6 auf 7,7 Prozent steigern. Die Politik meint aber, wir müssten etwas ändern.

Sie sehen sich auch durch den freien Handel bedroht. Woran liegt das?

Die Autoindustrie zum Beispiel, die bekommt durch Freihandelsabkommen gute Exportbedingungen. Im Gegenzug lassen wir die Agrarprodukte der anderen Länder zollfrei herein. Wir wollen unsere Produkte auch gerne exportieren, müssen aber immer Zölle bezahlen. Wir müssen mit Ländern konkurrieren, die andere klimatische Bedingungen haben, keinen Mindestlohn, keinen Arbeitsschutz und keine Tierschutzauflagen kennen. So viele Nischen kann es gar nicht geben, dass die heimischen Landwirte überleben können.

Wie müsste die Politik denn handeln, um das Überleben zu sichern?

Für die stetig wachsenden Aufgaben der Landschaftspflege muss es einen Ausgleich geben. Es gibt sehr vieles, was wir mit den Naturschützern gemeinsam machen. Da bedarf es vieler gemeinsamer Gespräche, in denen es nicht um Verständnis, sondern um Verstehen geht.

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