„Die Ungewissheit ist das Schlimmste“

Altenburg.  Theater-Intendant Kay Kuntze gibt einen Einblick in den Kulturbetrieb unter Corona-Bedingungen

Die Theaterfreundin Bärbel Berkholz aus Dobitschen (2. von rechts) wurde anlässlich ihres 80. Geburtstags von den Vorstandsmitgliedern Barbara Grubitzsch, Frieder Krause und Gabriele Heinicke (von links) beglückwünscht.

Die Theaterfreundin Bärbel Berkholz aus Dobitschen (2. von rechts) wurde anlässlich ihres 80. Geburtstags von den Vorstandsmitgliedern Barbara Grubitzsch, Frieder Krause und Gabriele Heinicke (von links) beglückwünscht.

Foto: Andreas Bayer

Es ist einiges liegengeblieben durch das Wüten der Pandemie. So informierte Barbara Grubitzsch die Mitglieder des Altenburger Theatervereins, dass sie seit Mai schon nicht mehr die Vorsitzende sei, weil ihre Amtszeit abgelaufen sei. Geschäftsführend bleibt sie aber im Amt, bis wieder eine Mitgliederversammlung abgehalten werden kann. Das ist allerdings nicht so einfach, denn die Mitglieder des Vereins zählen überwiegend zur Risikogruppe.

Immerhin wagte Grubitzsch nach langen Monaten des Abwartens wieder eine Veranstaltung zu organisieren. Bei der jüngsten Ausgabe der Gesprächsreihe „Wir um vier“ im Ratskeller der Skatstadt gab Generalintendant Kay Kuntze Antwort auf die drängenden Fragen der Theaterfreunde. Denn nicht allein durch die umfassende Sanierung des Theaterbaus in der Residenzstadt ist die Arbeit des Fünfspartenbetriebes in Altenburg und Gera eingeschränkt.

Die freien Mitarbeiter hat es hart erwischt

Die Ungewissheit sei das Schlimmste, so Kuntze. So biete man derzeit keinen Kartenvorverkauf für Dezember an, allenfalls Vorbestellungen sind möglich. Er hoffe, dass sich bis dahin an den strengen Regelungen noch etwas im positiven Sinne ändert. So beabsichtige man, die Sitze in den Spielstätten im Schachbrettmuster zu besetzen, um eine höhere Auslastung zu erhalten. Etwa jeder zweite Sitz könne dann genutzt werden, allerdings nur um den Preis, dass während der gesamten Vorstellung die Maske zu tragen ist. Aktuell brauchen Besucher die Maske nur auf den Gängen zu tragen, doch die Auslastung beträgt nur 23 Prozent – und das auch nur im Idealfall, wenn die Gäste paarweise kommen. „Man guckt in einen leeren Saal“, so Kuntze.

Es sei sehr frustrierend gewesen, trotz viel Arbeit und langer Vorbereitung die vorige Spielzeit einfach abbrechen zu müssen, so Kuntze. Den Mai und Juni habe er genutzt, um zwei neue Notfall-Spielpläne zu erstellen. „Man kann keine vielleicht-Verträge machen. Viele Menschen sind auf diese Engagements angewiesen“, so der Intendant. Die rund 300 Festangestellten des Theater seien abgesichert und hätten kaum Einbußen. Die freien Mitarbeiter hätten nun aber gar keine Einnahmen mehr. Als Beispiel nannte er den Sänger der Oper Oedipe, der inzwischen aufgegeben habe und außerhalb des Kulturbereichs arbeitet. „Da geht viel verloren an tollen Mitarbeitern“, so Kuntze.

Das Orchester ist nun dreigeteilt

Darum hatten die kurzen Videobotschaften, welche auf der Facebookseite des Theaters veröffentlicht wurden, auch einen therapeutischen Nutzen gehabt. „Wenn man sich als Künstler nicht mehr gewollt oder gebraucht fühlt, kommt man in eine Krise“, so Kuntze. Die Sänger oder Solisten hätten von Zuhause aus weiter üben können, doch beim Ballett sei das fast unmöglich gewesen. „Ein Tänzer, der ein Jahr lang nicht getanzt hat, ist wahrscheinlich berufsunfähig“, so Kuntze. Darum habe man sich im Juni um diese vorrangig bemüht. Nun dürfen die Mitglieder des Ballettensembles maximal zu sechst wieder trainieren.

Das aus 72 Musikern bestehende Orchester wurde in drei Gruppen aufgeteilt, erklärt der Intendant. Man habe nun eine blaue, eine grüne sowie eine rote Gruppe. „Die Musiker aus den Gruppen blau und rot begegnen sich nie“, sagt Kay Kuntze. Die Musiker aus der grünen Gruppe werden eingesetzt, wenn ein Mitglied aus einer anderen Gruppe krankheitsbedingt ausfällt. Der entscheidende Vorteil dieser Vorgehensweise sei, dass man spielfähig bleibe, selbst wenn mehrere Orchestermitglieder Infektionen mit dem Coronavirus erlitten.

Auf der Suche nach Pandemie-geeigneten Stücken

Doch Abstriche im Angebot gibt es und wird es auch weiterhin geben. Denn man könne es sich schlicht nicht leisten, die Musiker und Schauspieler ständig zu testen, wie dies etwa bei den Salzburger Festspielen der Fall war. Rund 600.000 Euro, so Kay Kuntze, habe man dort allein für Corona-Tests ausgegeben. Um den „Vetter aus Dingsda“ wieder auf die Bühne zu bringen würde es aber reichen, wenn die acht oder neun Sänger einen aktuellen Negativtest nachweisen könnten. Noch probe der Chor allerdings gar nicht.

Ansonsten habe man zur Sicherheit alles gestrichen, was externe Dienstleister in die Häuser hole, so der Intendant. So wird auf Catering, Blumenschmuck oder auch Gastspiele ausländischer Musiker verzichtet. Auch das geplante Stück „Liebe macht frei“ zur Homosexualität in der NS-Zeit werde man bis auf weiteres nicht umsetzen können, weil dies mit Mindestabstand auf der Bühne nicht zu machen sei, so Kuntze. Der führe ohnehin zu absurden Situationen, so der Intendant. Glücklicherweise habe man zwei Schauspieler im Ensemble, die auch privat ein Paar sind. Nun sei man auf der Suche nach Stücken, die sich auch mit den eingeschränkten Möglichkeiten darstellen lassen. So habe man zwei Kammeropern aufgenommen, die sich um das Thema Telefon drehen, die in Altenburg im Februar auf die Bühne kommen sollen. „Wir wissen nicht, wie diese Spielzeit zu Ende geht. Wir bewegen uns echt auf dünnem Eis“, sagt er.