Schmölln: Die widerspenstige neue Heimat

Schmölln.  Zukunft in der Region Agron Jashari musste kämpfen, damit er in Schmölln leben und arbeiten darf.

Agron Jashari arbeitet gern in Schmölln. Doch ihm wurden immer wieder Steine in den Weg gelegt..

Agron Jashari arbeitet gern in Schmölln. Doch ihm wurden immer wieder Steine in den Weg gelegt..

Foto: Daniel Dreckmann

Carsten Schulz, der Inhaber von Reifen Schulze in Schmölln, ist stolz auf seinen ausgelernten Azubi. Kein Wunder, ist der doch Landessieger des Freistaates Thüringen beim Wettbewerb der Kfz-Berufe in der Sparte Vulkanisationstechnik. Er darf jetzt zum Bundesausscheid antreten.

„Der hat alles, was man sich als Arbeitgeber nur wünschen kann. Er ist engagiert, pünktlich, freundlich – und vor allem sehr, sehr fleißig“, gerät Carsten Schulz geradezu ins Schwärmen. „Ich sage manchmal gern etwas überspitzt: Alle Tugenden, die wir Deutschen einmal hatten, die hat der noch.“ Und genau da liegt das Problem. Agron Jashari – „Baujahr 1994“, wie Carsten Schulz scherzhaft sagt, stammt aus dem Kosovo. Kann er nicht ständig eine Beschäftigung vorweisen, endet sein Aufenthaltsstatus augenblicklich und er ist von der Abschiebung bedroht.

Nachdenklich gemacht

Was das für einen Menschen bedeutet – und für seinen Arbeitgeber – das hat Carsten Schulz nun hautnah mitbekommen. Und es hat ihn nachdenklich gemacht.

„Agron tauchte 2017 eines Tages bei uns in der Werkstatt auf und fragte nach einer Ausbildungsstelle. Er hatte zuvor bei zwei Firmen Praktika absolviert, die Kunden von uns sind. Es sprach nichts dagegen, also habe einfach mal Ja gesagt“, erinnert sich der Firmen-Inhaber. „Da ist der Junge sofort nach Hause gefahren und hat noch am selben Tag seine Bewerbung mit allen Unterlagen vorbeigebracht. Das hat mich beeindruckt.“ Die Probleme ließen aber nicht lange auf sich warten.

Agron Jashari besuchte die Johann-Friedrich-Pierer-Schule, das Berufliche Ausbildungszentrum in Altenburg. Seine Ausbildung dort endete im Juni 2017. Seine Ausbildung sollte am 1. August beginnen. „Da habe ich zum ersten Mal mitbekommen, was diese Menschen für Briefe vom Landratsamt geschickt bekommen, in denen ihnen sofort mit Abschiebehaft gedroht wird. Da bekommt man richtig Angst“, schildert Schulz.

Praktikum organisiert

Mit Hilfe der Handwerkskammer Gera sowie des Arbeitsamtes organisierte man dann ein vierwöchiges „ausbildungsvorbereitendes Praktikum“ mit dem die Zeit überbrückt werden konnte.

Während seiner Ausbildung zum Mechaniker für Reifen- und Vulkanisationstechnik beeindruckte Agron immer wieder durch sein Engagement und schloss sein erstes Lehrjahr zusammen mit den Mechatronikern und Landmaschinenschlossern in Gera ab. Dann folgte die Spezialisierung auf Vulkanisationstechnik an der Berufsschule in Fürstenwalde bei Frankfurt/Oder, „der letzten Berufsschule für Vulkaniseure, die wir in Deutschland haben“, schimpft Carsten Schulz leise.

Sprachliche Doppelbelastung

Manchmal hat er sich Gedanken gemacht, weil das doch eine Doppelbelastung sein muss, in zwei Sprachen – Deutsch und Albanisch – zu denken. Und die vielen Fachbegriffe dazu. Er wollte schon sicherheitshalber eine Nachhilfe für seinen Schützling organisieren, doch das war nicht nötig, wie ihm die Lehrer versicherten. „Agron hat nur Einsen auf dem Zeugnis und eine einzige Zwei. Sein Klassenlehrer meinte, so einen habe er noch nie am Tisch gehabt“, erzählt Carsten Schulz stolz.

Abschiebung angedroht

Doch die Freude währt nicht lange. Mit dem Abschluss der Gesellenprüfung kommen wieder die bösen Briefe des Landratsamtes und die Androhung von Abschiebung und Ausweisung. Die Handwerkskammer Gera holte auf das Flehen von Carsten Schulz hin, man könne ihm doch so einen Spitzen-Mann nicht einfach so wegnehmen, einen ihrer Experten für Ausländerrecht aus dem Urlaub. „Der war natürlich ganz und gar nicht begeistert, aber er hat sich des Falls angenommen und tatsächlich erreicht, dass Agrons Aufenthaltsstatus um zwei Jahre verlängert wurde“, schildert der Firmen-Chef.

Schlaflose Nächte

Carsten Schulz ist nun zufrieden – aber auch ein Stück weit verändert. „Mich ärgert, dass es bei der Behandlung von Ausländern keine Einzelfallbehandlung gibt. Wenn jemand wie Agron und seine gesamte Familie hier leben und immer arbeiten, dann kann man solche Menschen nicht mit denen über einen Kamm scheren, die nichts tun wollen und die Hand aufhalten. Wenn wir hilfsbereiten, offenen Menschen, die sich bei uns einbringen wollen, Steine in den Weg legen, verwehren wir die dringend benötigte Unterstützung im Handwerk uns selbst. Mir hat das viele schlaflose Nächte bereitet.“