Erlebte Zeitgeschichte in Oberzetscha gesammelt

Oberzetzscha.  Bei Zeitzeugensalon in Oberzetzscha sprechen Senioren über ihre Erinnerungen an den Ort.

Christine Cyrus lebte bis 1958 im ehemaligen Rittergut Oberzetzscha. Ihre Eltern waren die letzten Gutsbesitzer.

Christine Cyrus lebte bis 1958 im ehemaligen Rittergut Oberzetzscha. Ihre Eltern waren die letzten Gutsbesitzer.

Foto: Ronny Ristok

Das Renaissance-Herrenhaus in Altenburgs Ortsteil Oberzetzscha war am 11. Oktober Ausgangspunkt und Veranstaltungsort für einen „Zeitzeugensalon“ – ein Projekt, das im Rahmen von „Der fliegende Salon“ erdacht und umgesetzt wurde.

Im ehemaligen Rittergut kamen Zeitzeugen zusammen, die aus eigener Erfahrung oder den Erlebnissen nahestehender Personen vom Zeitgeschehen des Ortes unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zu erzählen wussten. Für die Regionalgeschichte sind diese Erinnerungen von unschätzbarem Wert, da sie in der Regel nirgends nachgeschlagen werden können. So fand der Austausch der Zeitzeugen auch im geschlossenen Rahmen ohne fremde Zuhörer statt. Die Beteiligten sollten sich nicht durch Publikumserwartungen gehemmt fühlen.

Die Erfurter Moderatorin Blanka Weber begleitete als „Salonière“ die mehrstündige Gesprächsrunde. Zur hochbetagten Runde der Zeitzeugen gehörten unter anderem die heute in Berlin lebende 80-jährige Christine Cyrus. Als Tochter der letzten Besitzer des Rittergutes lebte sie bis 1958 im Herrenhaus. Weitere Gesprächspartner waren die ehemalige Ortschronistin Elfriede Külbel, Manfred Tunk, Erhard Grünberg, Magdalena Werner, Brigitte Meuschke, Jürgen Fröhlich sowie die heute 98-jährige Gertrud Dalpra.

Nach Denunziation zum Tode verurteilt

In ihren Erinnerungen kamen zur Sprache, wie das Dorf einst auf die Verhaftung des Vaters von Christine Cyrus reagierte, der nach Denunziation in Buchenwald zum Tode verurteilt wurde, wie die Unterbringung der unzähligen Flüchtlinge aus Schlesien und dem Sudetenland bewerkstelligt wurde und wie die einst hervorragende Infrastruktur von Oberzetzscha mit mehreren Läden und zahlreichen Handwerkern die Versorgung sicherte.

Für eine gesprächsanregende Atmosphäre sorgten Musiker des Osterländer Musikbundes. Kathrin Osten (Querflöte) und Olaf Böhme (Fagott) musizierten gemeinsam mit Musikschülern Werke von Günther Witschurke, Erwin Schulhoff und Paul Hindemith. Mit kurzen Erläuterungen zur Entstehungsgeschichte der jeweils um 1945 komponierten Werke, fügten sich die musikalischen Darbietungen bereichernd in das Gesprächsthema ein.

Ein erstes Resümee aller Beteiligten lautete, dass diese Form der Gespräche und Wissenssammlung für die Historie eines Ortes wichtig und belebend sind und fortan in Oberzetzscha häufiger stattfinden sollten. Neben bloßen Daten und Ereignissen machen sie die Menschen sichtbar und stiften Identität.

Für Oberzetzscha könnte das Herrenhaus künftig den Rahmen für weitere Gesprächsrunden bieten. Noch gilt es ein Nutzungskonzept für das 2001 sanierte Renaissancegebäude zu entwickeln. Der Zeitzeugensalon könnte ein Baustein darin sein. Angeschoben wurde die Gründung eines Fördervereins.

Das Gespräch vom 11. Oktober wurde mitgeschnitten, um das geteilte Wissen sichern und nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen. Gemeinsam mit einem Historiker vom Museum Burg Posterstein soll eine redaktionell bearbeitete Textfassung entstehen und digital veröffentlicht werden.

Noch zwei weitere Zeitzeugensalons in diesem Jahr geplant

Im Rahmen von „Der fliegende Salon“ finden dieses Jahr noch zwei weitere Zeitzeugensalons statt. In Schmölln werden Erinnerungen an das ehemalige Kulturhaus „Esse“ gesammelt, während sich der Heimatverein Göpfersdorf mit der Vergangenheit der Landwirtschaft nach 1945 befassen möchte.

Mit „Der fliegende Salon“ sollen im Landkreis gemeinsam mit Gemeinden und Vereinen Projekte initiiert und umgesetzt werden, die einen Anlass zu Begegnungen und Austausch der Menschen vor Ort bieten. Anleitung und Unterstützung geben die Kultureinrichtungen (Lindenau-Museum, Musikschule, Museum Burg Posterstein oder Theater Altenburg Gera), die auf diese Weise die Menschen im Altenburger Land und ihre Themen besser kennen lernen wollen. Das Projekt wird gefördert mit Mitteln des Programms Trafo – Modelle für Kultur im Wandel, initiiert von der Kulturstiftung des Bundes.

Mit Trafo hat die Kulturstiftung des Bundes ein Programm initiiert, das ländliche Regionen dabei unterstützt, ihre Kulturinstitutionen für neue Aufgaben zu öffnen. Das Programm will zudem dazu beitragen, die Bedeutung der Kultur vor Ort in der öffentlichen Wahrnehmung und die kulturpolitischen Strukturen in Kommunen und Landkreisen dauerhaft zu stärken. Trafo fördert langfristige Veränderungsprozesse öffentlicher Kultureinrichtungen, die auf eine gesellschaftliche Herausforderung reagieren und ein neues Selbstverständnis ihrer Aufgaben entwickeln möchten. Die beteiligten Museen, Theater, Büchereien, Musikschulen, Literaturhäuser und Kulturzentren werden so zu kulturellen Ankern ihrer Region und zu zeitgemäßen Kultur- und Begegnungsorten.

26,6 Millionen Euro werden zur Verfügung gestellt

Von 2015 bis 2020 unterstützt Trafo vier Regionen bei der Weiterentwicklung ihrer kulturellen Infrastruktur. In einer zweiten Phase werden von 2020 bis 2023 sieben weitere Regionen gefördert. Diese sieben gehören zu deutschlandweit 18 Regionen, die Trafo 2018 und 2019 beriet und förderte. Die Kulturstiftung des Bundes stellt für das Programm insgesamt Mittel in Höhe von 26,6 Millionen Euro bereit. Vonseiten der Ministerien, Landkreise und Kommunen erhalten die beteiligten Regionen eine Kofinanzierung. Darüber hinaus stellen sie Personal der Kommunal- oder Kreisverwaltungen zur Mitarbeit frei.

Aktuelle Informationen im Internet unter www.fliegender-salon.de.