„Ich saß immer zwischen den Stühlen“

Vollmershain.  Der Begründer der deutschen Musiktherapie, Christoph Schwabe aus Vollmershain, wurde mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

Der Vollmershainer Christoph Schwabe in seinem Garten hinter der alten Schmiede. Hier findet er Ruhe und Platz zum Gestalten.

Der Vollmershainer Christoph Schwabe in seinem Garten hinter der alten Schmiede. Hier findet er Ruhe und Platz zum Gestalten.

Foto: Andreas Bayer

Christoph Schwabe hat dutzende wissenschaftliche und kulturelle Bücher geschrieben, Ausstellungen kuratiert, Orgelkonzerte gegeben und ein psychotherapeutisches Spezialgebiet, die Musiktherapie, entwickelt, realisiert und an unzählige junge Kollegen weitervermittelt. Unlängst bekam er das Bundesverdienstkreuz für sein Lebenswerk verliehen. Dabei geholfen haben dem 85-Jährigen ein unbeirrbarer Wille zu gestalten und die Bereitschaft, sich unliebsamen Themen zu stellen und sich dabei auch in die Nesseln zu setzen.

„Es ehrt mich, dass es auf dem Gebiet der Musiktherapie bisher keinen gibt, der diese Auszeichnung erhalten hat.“ Umso größer war seine Überraschung, als er sie bekam. „Nach dem Mauerfall verschwanden plötzlich meine Fachbücher aus den Regalen. Obwohl die auch im Westen erschienen sind. Weil wir auf einmal Konkurrenten waren.“ Auch der seit Jahren von ihm konzipierte und erst kurz nach dem Mauerfall an der Dresdner Hochschule für Musik umsetzbar gewordene Studiengang Musiktherapie, wurde 1992 von der neuen CDU-geführten Regierung „zerstört“, wie Christoph Schwabe sagt. Doch Schwabe ist keiner, der sich geschlagen gibt. Darum gründete er kurz darauf im Schloss zu Crossen die privatrechtliche Akademie für angewandte Musiktherapie. Heute ist ihr Sitz in Bad Klosterlausnitz.

Zum Studienabschluss erhielt er Berufsverbot

Es ist der damaligen Weitsicht fortschrittlicher Ärzte und Psychotherapeuten an der Leipziger Universität zu Beginn der 1960er-Jahre zu verdanken, dass Schwabe sich als vermutlich erster hauptberuflicher Musiktherapeut im deutschsprachigen Raum entwickeln konnte. In den 50er-Jahren studierte er an der Karl-Marx-Universität Schulmusik. „Ich wollte aber nie Lehrer oder Musiker werden“, sagt Schwabe. Er geriet während seines Studiums schnell in Schwierigkeiten, weil er zu viele Fragen gestellt habe. Das war unter den damaligen Bedingungen nicht üblich und außerdem gefährlich. Den Abschluss hat er zwar bekommen, aber auch ein politisch begründetes Berufsverbot. Ein Jahr sollte er sich in der „sozialistischen Produktion“ bewähren. „Das habe ich aber nicht gemacht. Ich bin in Leipzig geblieben und nicht nach dem Westen gegangen und habe mich als Dirigent, Orgelspieler, Pädagoge und Rezensent erprobt.“

Bis ihn eines Tages der damalige Chefpsychologe der Uniklinik in Leipzig anschrieb, dass die Klinik eine neue Abteilung aufbaut. Er fragte an, ob Schwabe daran interessiert sei, die Musiktherapie zu entwickeln. „Ich hatte das Glück, an dieser neuen Psychotherapieklinik über zehn Jahre interdisziplinäres Arbeiten erproben zu können, weil meine Chefin die Hand über mich gehalten hat“, sagt er. Sie sei eine überzeugte und ehrliche Marxistin gewesen, die demokratische Gepflogenheiten hochhielt. „Diese Frau hat mich politisch als Nichtgenossen geschützt.“

Verpestete Luft führte ihn nach Vollmershain

In den 70er-Jahren habilitierte Schwabe an der Universität Halle-Wittenberg. Durch Leitungswechsel in der Leipziger Klinik geriet er zunehmend in Schwierigkeiten mit Medizinern, die die bisherige Arbeit der Psychotherapie unter anderen fachlichen Gesichtspunkten fortführen wollten. Darum verließ Schwabe sie schweren Herzens. Deutlich wurde die Unvereinbarkeit vor allem am aufkommenden Konkurrenzdenken bei der Zusammenarbeit von Medizinern und Nichtmedizinern. „Ich saß immer zwischen den Stühlen.“ Auch heute noch hätten die Nicht-Mediziner, die im psychotherapeutischen Bereich arbeiten, oft mit den gleichen Problemen zu kämpfen.

Mitte der 70er führte ihn sein Weg nach Vollmershain. „Ich hatte das Gefühl, ich muss aus Leipzig raus, weil da alles so verpestet war.“ Das betraf sowohl die chemisch vergiftete Luft als auch die aktuelle politische Situation.

Dabei habe er die Stadt sehr geliebt. Über Freunde, die sich damals in der Nähe niedergelassen hatten, wurde er mit der alten Dorfschmiede bekannt, die als Ruine ein trauriges Dasein fristete. „Da war mir sofort klar, dass ich das hier aufbaue.“ Denn schon als Kind hegte er die Absicht, Tischler oder Maurer zu werden. Beim Wiederaufbau konnte er sich endlich in dieser Hinsicht ausleben. Geblieben ist er bis heute, auch wenn das eigentlich nicht vorgesehen war.

Alte Dorfschmiede ist heute ein Haus der Begegnung

„Ich kam nicht los von hier. Ich wurde immer depressiv, wenn ich mich von hier verabschiedet habe.“ Bereut hat er diesen Schritt nicht. „Ich merke, dass ich hier viel mehr machen kann als in der Stadt. Ich finde mehr Zeit, fühle mich frei und kann die Vielfalt meiner Interessen pflegen – schreiben, malen, musizieren, Gartengestaltung, Gemeinschaft mit anderen.“

Seit 20 Jahren gibt er Orgelkonzerte, vorzugsweise an historischen Dorfkirchen-Orgeln in der Umgebung, aber auch in Erfurt, Chemnitz und Dresden. Der Erhalt der alten Orgeln ist ihm ein Bedürfnis. Er malt und schreibt weiterhin Bücher. Er findet Freude daran, Gemeinschaften zu organisieren. So betreibt er eine Galerie im Hotel in Posterstein, derzeit läuft die 30. Ausstellung. „Was mich besonders freut, dass es junge Leute gibt, die in die Schmiede kommen, um Gemeinsamkeit zu finden und selbst zu gestalten.“ Er versuche, eine kulturelle Insel, ein offenes Haus zu bieten. „Hier weht ein lebensnotwendiger Geist, der Gefahr läuft, im Trubel und durch den allgegenwärtigen Konsum-Krimskrams zu vertrocknen.“ Die Menschen sollten sich solidarisieren und Kultur machen, wünscht er sich.