NS-Raubkunst

Lindenau-Museum gibt Gemälde zurück

Altenburg.  Ein Gemälde des Künstlers Wojciech Kossak gelangte 1952 illegal in den Besitz des Museums. Die Eigentümer waren von den Nazis enteignet worden.

Kultur- und Kunsthistorikerin Sarah Kinzel konnte nach langer Recherche ein Gemälde als NS-Raubkunst identifizieren.

Kultur- und Kunsthistorikerin Sarah Kinzel konnte nach langer Recherche ein Gemälde als NS-Raubkunst identifizieren.

Foto: Sophie Thorak

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Montagabend war die vorerst letzte Gelegenheit, das Ölgemälde „Polnischer Ulan auf Vorposten im Winterwald“ von Wojciech Kossak in Altenburg zu bestaunen. In den nächsten Tagen oder Wochen wird das Bild, das jahrzehntelang im Depot des Lindenau-Museums geschlummert hat, an die Erben seiner ehemaligen Besitzer in den USA zurückgegeben. „Die Zeit drängt etwas, denn die Nachfahren der Zwangsenteigneten, die sich noch an das Bild erinnern können, sind inzwischen hochbetagt“, sagt Provenienzforscherin Sarah Kinzel.

Es war vor 81 Jahren, im September 1938, als die jüdische Familie Petschek ihre Villa in Aussig (dem heutigen Ústí nad Labem) überstürzt verlassen musste, um nicht in die Hände der Nationalsozialisten zu fallen. Das Kossak-Gemälde, das damals im Frühstückszimmer hing, wurde dabei zurückgelassen. Wie den übrigen Besitz haben die Nazis das Kunstwerk nach Berlin verschafft und in der dortigen Villa der Petscheks 1941 öffentlich versteigert. „Jeder, der damals zur Auktion in Grunewald kam, war sich im Klaren, dass der Besitz nur enteignet sein konnte“, so Kinzel.

Über 300 Gemälde und Plastiken werden untersucht

Auf dieser Auktion wurde das Gemälde von einem Bieter namens Arnold erworben. Kinzel vermutet, dass es sich dabei um Wladislaus Staniszewski handelte. Im Jahr 1952 verkaufte dessen Witwe Frieda das Gemälde dem Lindenau-Museum, wobei sie über dessen Herkunft gegenüber Museumsdirektor Hanns-Conon von der Gabelentz nur vage und teils sogar falsche Angaben machte. „Das Bild vor allem im Depot, es wurde bisher kaum ausgestellt und nicht verliehen“, so Kinzel über das Gemälde, welches damals für 300 D-Mark (Ost) den Besitzer wechselte.

Seit April 2018 untersucht Sarah Kinzel im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (DZK) geförderten Forschungsprojektes die Herkunft der Bestände des Lindenau-Museums. Das Augenmerk liegt dabei auf Objekten, die zwischen 1933 und 1963 in den Besitz des Museums gelangt sind. „Das betrifft über 300 Gemälde und Plastiken, die Grafiken haben wir noch gar nicht erfasst“, sagt Kinzel. Darum wurde Förderung inzwischen auf drei Jahre verlängert.

Alte Eheurkunde zeigte die Verbindung auf

Ihre Arbeit gliedere sich in unterschiedliche Bereiche, die oft nicht in derselben Reihenfolge abgearbeitet werden. „Der erste Schritt ist aber immer die sogenannte Autopsie“, beschreibt Kinzel. Dabei wird das Kunstwerk von allen Seiten genau betrachtet, nach Indizien wie Stempeln, Aufklebern oder Vermerken gesucht. Im Falle von Kossaks Bild gab den entscheidenden Hinweis eine Aufschrift auf der Rahmen-Rückseite eines anderen Bildes, das ebenfalls durch Frieda Staniszewski in den Bestand des Museums kam. „Dort stand der Name Arnold sowie eine Adresse in Berlin, unter der aber zu dieser Zeit nur Wladislaus Staniszewski gemeldet war“, so Sarah Kinzel.

Die Internet-Datenbank „Lost Art“ lieferte einen weiteren Hinweis, denn dort war das Gemälde als vermisst gemeldet. „Die Hauptaufgabe meiner Recherche bestand darin, die Identität des Käufers zu klären und zu belegen, wie das Bild von Aussig über Berlin und Mehmels bei Meiningen nach Altenburg gelangt war“, so Kinzel. Zum Glück habe es noch eine alte Eheurkunde gegeben. So konnte die Kunst- und Kulturhistorikerin den Namen des Ehemannes ausmachen. Sie kontaktierte darum die Erben und vereinbarte eine Restitution, der erste Fall in anderthalb Jahren ihrer Forschungsarbeit. „Darüber hinaus ist es auch wichtig, das Gegenteil beweisen zu können. Denn bei internationalen Ausleihen wird vermehrt darauf geachtet, dass sich die Herkunft der Kunstgegenstände zweifelsfrei belegen lässt“, sagt Sarah Kinzel.

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