Wirtschaft

„Man lässt uns nicht mehr arbeiten“

Altenburg.  Keine Stollenprüfung, dafür mehr Austausch mit den Kunden, ist der Gedanke hinter dem Adventsgeflüster der Innungsbetriebe.

Anstelle einer Stollenprüfung bot die Bäcker- und Konditorinnung des Landkreises eine Verkostung im Kaffeehaus Volkstädt. Kay Melwitz, Mandy Knorr und Romy Strobel (von links) präsentieren die angebotenen Stollen.

Anstelle einer Stollenprüfung bot die Bäcker- und Konditorinnung des Landkreises eine Verkostung im Kaffeehaus Volkstädt. Kay Melwitz, Mandy Knorr und Romy Strobel (von links) präsentieren die angebotenen Stollen.

Foto: Andreas Bayer

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die jährliche Stollenprüfung in der Sparkassen-Zentrale am Kornmarkt war eine beliebte Tradition in Altenburg, doch jetzt ist sie Geschichte. „Das war schon interessant, von einem Unabhängigen, der fachmännische Ahnung hat, zu erfahren, was man da noch herausholen kann. Aber die Modalitäten sind inzwischen so, dass wir uns etwas neues ausgedacht haben“, sagt Bäckermeisterin Romy Strobel, die kürzlich ihr 100-jähriges Betriebsjubiläum feiern konnte. Konditormeister Kay Melwitz, der in fünfter Generation das Café Volkstädt in der Burgstraße leitet, wird deutlicher: „Es war schlicht zu teuer. Wir können es uns nicht leisten, mehrere hundert Euro dafür zu bezahlen, zumal wir immer weniger Betriebe in der Innung sind.“

Adventsgeflüster ist ein Testlauf

Mandy Knorr, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Altenburger Land, bestätigt das. „Es gab den Wunsch der Innungsmitglieder, in diesem Jahr etwas anderes zu machen. Darum haben wir uns im Vorfeld getroffen und überlegt, was das sein könnte“, sagt sie. Herausgekommen ist dabei das „Süße Adventsgeflüster“, das am Mittwoch erstmals in den Räumen des Café Volkstädt abgehalten wurde. In den viel Kaffeehaus-Charme verbreitenden Räumen durfte wie bei den Stollenprüfungen ausgiebig verkostet werden, was die Innungsmitglieder an Plätzchen, Keksen und Stollen aufgeboten hatten. Außer der Konditorei Volkstädt und der Feinbäckerei Strobel war auch die Brot- und Feinbäckerei Pfeiffer aus Gößnitz mit ihren Produkten vertreten, die bereits seit 142 Jahren besteht.

Konditor- und Innungsobermeister Henning Gerth aus Kostitz hat seine Teilnahme kurzfristig absagen müssen, weil er durch krankheitsbedingte Ausfälle keine Zeit fand. „Das ist ein Testlauf. Wir sind die jüngsten in der Innung und wollen ihnen heute die Möglichkeit geben, unsere Produkte zu probieren und uns Fragen zu stellen“, sagt Kay Melwitz in seiner Ansprache zur Eröffnung des Adventsgeflüsters. Gut 20 Personen nehmen das Angebot an und kosten von den süßen Leckereien. Hoch gelobt werden unter anderem die Lebkuchen, über die Melwitz stolz sagt: „Das ist ein altes Familienrezept. Das wurde zu DDR-Zeiten wegen Rohstoffmangels erdacht.“ Er erzählt viele Anekdoten, etwa wie ein gebürtiger Nürnberger einst 50 Stück davon kaufte.

Das Handwerk wird kaputt gemacht

„Uns ist wichtig, dass sie das Handwerk unterstützen und die Menschen aus der Region, dafür machen wir das“, sagt Melwitz der neugierigen Kundschaft. Das Handwerk werde derzeit richtig stark zerstört, so seine Wahrnehmung. Gerade einmal acht Betriebe sind noch Mitglied in der Bäcker- und Konditoreninnung des Landkreises. Romy Strobel stimmt ihm zu, sagt: „Die derzeitige Bundesregierung erzählt immer, sie wolle den Mittelstand stärken. Bei uns ist davon noch nichts angekommen.“ Bestes Beispiel dafür sei aktuell die Kassenbon-Pflicht, die ab Januar gelte. Wenn sie dann für jeden Kunden einen Beleg ausdrucken müsse, kämen allein durch die Papierkosten rund 3000 Euro im Jahr zusammen, schätzt sie. Sie würde ihren Angestellten gerne mehr Lohn auszahlen, aber das sei wirtschaftlich nicht drin.

„Man lässt uns nicht mehr arbeiten. Zwei von fünf Arbeitstagen verbringe ich nur im Büro mit Papierkrieg“, sagt Kay Melwitz. Die ständigen Neuregelungen machten das ganze Gewerbe kaputt, da verliere man irgendwann die Lust. Für ihn stehe jetzt schon fest, dass er spätestens mit 60 Jahren den Laden abgebe.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren