Unternehmen in Ostthüringen: Bäckerei Pfeifer ist in Gößnitz die letzte ihrer Art

Gößnitz.  Die OTZ stellt wöchentlich Betriebe und Dienstleister aus Ostthüringen vor. Heute: Die Bäckerei Pfeifer ist mit 142 Jahren der älteste Familienbetrieb, der noch produziert.

Michaela und Vicki Pfeifer mit ihren Eltern Gisela und Joachim (von links) im Laden der kleinen Familienbäckerei in Gößnitz. 

Michaela und Vicki Pfeifer mit ihren Eltern Gisela und Joachim (von links) im Laden der kleinen Familienbäckerei in Gößnitz. 

Foto: Jana Borath

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„In unseren Brötchen ist noch richtig was drin“, sagt Joachim Pfeifer und drückt zur Anschauung einen knuffigen Brötchenlaib in seiner mehlbestäubten Hand. In der Gößnitzer Bahnhofstraße 4 leben und backen die Pfeifers in fünfter Generation. Mit 142 Jahren ist die Firma die älteste in der Pleißestadt, die noch produziert.

1877 von Carl-Friedrich Pfeifer gegründet, blieb die Bäckerei bis heute in Familienhand. Die Generationen der Pfeifers haben die Jahrzehnte mit all ihren Höhen und Tiefen durchgestanden: Ersten und Zweiten Weltkrieg, Deutsche Demokratische Republik, politische Wende, soziale Marktwirtschaft. Das schlimmste Tief in jüngster Vergangenheit war die Hochwasserkatastrophe in Gößnitz 2013, die der Familie fast die Existenz raubte.

Joachim Pfeifer war 24 Jahre alt, als er in das Geschäft einstieg. Er musste. Sein Vater war plötzlich gestorben. Für den jungen Mann war es ein Sprung ins kalte Wasser, eigentlich wollte er zur See fahren. Doch er fitzte sich rein, und es lief gut für Pfeifers Bäckerei – trotz DDR-Mangelwirtschaft. Die Schule in unmittelbarer Nachbarschaft sowie viele produzierende Betriebe in der Nähe sorgten für Kundschaft und Absatz. Auch verstanden sich Joachim Pfeifer und seine Frau Gisela aufs Improvisieren. In Vorbereitung der Weihnachtsbäckerei beispielsweise schrieben sie in jedem Jahr ihre Verwandtschaft in Westdeutschland und in Berlin an und baten um Pakete: mit Mandeln, Zitronat, Rosinen und Kokos drin, die Hauptzutaten für Weihnachtsplätzchen und Stollen. Denn in der Regel mussten Bäcker zu DDR-Zeiten mit Ersatzprodukten auskommen: kandierte Tomaten als Zitronat oder gespaltene Aprikosenkerne als Ersatz für Mandeln. „Aber es funktionierte irgendwie“, blickt der 67-Jährige zurück. Dank der Kundschaft, die „ihrem“ Bäcker die Treue hielt.

Bis kurz nach der politischen Wende 1989/’90. Wie viele andere ihrer Zunft probierten die Pfeifers die Industrie-Backhilfsmittel aus, die das wieder vereinte Deutschland auch nach Gößnitz brachte. „Aber das war ein kurzer Versuch“, erzählt Pfeifer. Seine Brötchen wurden luftig – und pappig. „Die Kundschaft blieb weg.“ Also setzte er wieder auf Bewährtes: Backmalz, Salz, Mehl, Wasser und Hefe und damit auf die Brötchen-Rezepturen seines Vaters und Großvaters. Die Kundschaft verzieh ihm den Ausflug mit Industrie-Backhilfsmitteln.

Seine Töchter Michaela und Vicki stiegen mit ein in die Firma. Vicki, seine Jüngste, lernte den Bäckerberuf von der Pike auf bei ihrem Vater. Michaela wurde Konditorin. Das Sortiment in der Gößnitzer Bahnhofstraße umfasst inzwischen zwölf Sorten Brötchen und acht Brotsorten. Pfeifers Kunden kommen heute nicht nur aus der Pleißestadt, sondern ebenso zahlreich aus Schmölln, Ronneburg, den Dörfern Nörditz, Podelwitz, Runsdorf oder Ponitz sowie aus Meerane, Crimmitschau oder Altenburg. Eine Ursache dafür sieht Joachim Pfeifer im Schwinden der Betriebe seiner Zunft. „Als ich die Bäckerei übernahm, waren wir in der Innung 28 Bäcker, Konditoren und Müller“, berichtet er.

Heute zählt die Bäckerinnung Altenburger Land noch sieben Mitglieder. Pfeifer ist der einzige Betrieb aus der Schmöllner Region, der seine Produkte nach wie vor regelmäßig den Qualitätsprüfungen für Brot und Brötchen – der Brotprüfung – unterzieht. Der Niedergang seines Handwerks macht Pfeifer traurig. Ursachen dafür sieht er unter anderem in der wachsenden Bürokratie: „Immer neue Verordnungen und Auflagen – es ist kein Wunder, wenn mein herrlicher Berufsstand ausstirbt.“ Auch die Zentralisierung der Ausbildung findet er schlecht. Die Innung im Altenburger Land gehörte nach der politischen Wende lange Zeit zu jener mit einer eigenen Lehrlingsklasse. Inzwischen wurde die theoretische Ausbildung nach Gera verlegt. „Wer in Borna lebt und in Altenburg oder Gößnitz seinen Ausbildungsbetrieb hat, schafft das zeitlich gar nicht mehr“, erläutert Pfeifer.

Der Tag in der Backstube beginnt für die Pfeifers in der Regel zwischen zwei und drei Uhr morgens. Samstags startet die Arbeit schon um ein Uhr nachts. Brötchen, Brote, Kuchen – diese Reihenfolge bestimmt den Rhythmus in der Bahnhofstraße 4 und den der Familie. Und Joachim Pfeifer gibt dabei seine Erfahrungen und all das, was ihn Vater und Großvater einst lehrten, gerne weiter. An interessierte Stollenbäcker zum Beispiel, die bei ihm backen lassen. Und natürlich an seine beiden Mädchen, die den Betrieb weiterführen. Mit ihnen wird er wohl noch weiter in der Backstube stehen.

Der Kredit für den Wiederaufbau der Firma nach dem Hochwasser 2013 muss abgezahlt werden. Zudem reicht die Rente des 67-Jährigen nicht. 565 Euro stehen ihm monatlich zu. Rund 500 Euro davon verschlingt allein schon seine private Krankenversicherung.

Das Unternehmen in Ostthüringen

  • Die Bäckerei Pfeifer in Gößnitz wurde 1877 gegründet. Mit 142 Jahren ist sie der älteste Familienbetrieb in Gößnitz, der nach wie vor produziert.
  • Zum Team gehören Joachim Pfeifer und seine Frau Gisela sowie die beiden Töchter Michaela und Vicki.
  • Inhaber Joachim Pfeifer ist seit Betriebsübernahme Mitglied der Bäckerinnung Altenburger Land und Partner der Bäko Mitteldeutschland.
  • Kontakt: Bahnhofstraße 4 in Gößnitz, Tel. 034493/21653

Alle Teile der OTZ-Serie im Internet.

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