Vom richtigen Erinnern zum Spektakel

Altenburg.  Ein Vortrag in der Volkshochschule Altenburg beleuchtet, wie sich die Ereignisse von 1989 in den 30 Jahren seither gewandelt haben.

Der einstige Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche (im Hintergrund), Christian Führer, steht am 8. August 2012 neben einem Autobahnhinweisschild, das seitdem für Leipzig als Ort der Friedlichen Revolution wirbt.

Der einstige Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche (im Hintergrund), Christian Führer, steht am 8. August 2012 neben einem Autobahnhinweisschild, das seitdem für Leipzig als Ort der Friedlichen Revolution wirbt.

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

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Wegen Krankheit musste der ursprüngliche Termin verschoben werden, darum war der Andrang an der Volkshochschule Altenburg äußerst verhalten. Denn der 30. Jahrestag der friedlichen Revolution und dessen Feierlichkeiten sind nun schon seit über drei Monaten vorbei.

Der Leipziger Historiker Frank Britsche befasste sich in seinem Vortrag mit dem heutigen Erinnern an die Ereignisse des Jahres 1989. „Der Begriff friedliche Revolution bildete sich erst in den zehn Jahren danach heraus“, so Britsche. Es gab damals zwar in vielen Städten der DDR Demonstrationen, vor allem im Süden des Landes. Doch im Rückblick stehe heute meist Leipzig im Fokus als erinnerungskulturelles Zentrum der Ereignisse. Das habe schlicht damit zu tun, dass es wegen seiner Größe und seines Charakters als Messestadt auch das mediale Zentrum gewesen sei, so Britsche.

Angst vor Gewalt des Regimes

Er holte kurz aus und erinnerte an die Initialzündung durch die zahlreichen Botschaftsflüchtlinge, was den schon lange brodelnden Unmut der Bevölkerung weiter angeheizt habe. Auch die gewaltsame Niederschlagung der Proteste auf dem Pekinger Platz des himmlischen Friedens habe eine Rolle gespielt. Darum habe es anfangs auch in der DDR keine Transparente und nur moderate Sprechchöre bei den Montagsdemonstrationen gegeben. Denn anders als die meisten Regierungen habe das DDR-Regime das chinesische Vorgehen nicht verurteilt.

Aus historischer Perspektive entscheidend seien der friedliche Verlauf der Demonstrationen am 9. und 16. Oktober 1989 gewesen, so Britsche. Trotz einer enormen Bedrohungskulisse kamen weit mehr Demonstranten als gedacht, so dass die Sicherheitsorgane nicht einschritten. Es entspann sich eine Diskussion darüber, wie es zu der bis heute weit verbreiteten Zahl von 70.000 Demonstrierenden kam, obwohl neuere Berechnungen ergeben hätten, dass es wohl mehr als 100.000 Menschen waren, die um den Leipziger Ring zogen. Die Bilder von damals gingen um die Welt, in der medialen Wahrnehmung wurde die Messestadt damit zur „Hauptstadt der Revolution“.

Die Erinnerung als Spektakel

„Das ist die Krux an der Sache, dass heute alles Geschehen auf Leipzig reduziert wird“, sagte Britsche. Von den Protesten in den meisten anderen Orten gebe es schlicht keine Bilder. Bereits am 4. November 1989 bezeichnete der Schriftsteller Christoph Hein Leipzig als „Heldenstadt“, was die Stadtverwaltung in den folgenden Jahren auch übernahm, um sie vor Vereinnahmung zu schützen.

Ab etwa 2001 erfolgte die so genannte Institutionalisierung des Erinnerns, mit der jährlichen „Rede zur Demokratie“ in der Nikolaikirche und einer Umgestaltung des Nikolaikirchhofes. Einen Höhepunkt des Erinnerns bildete das neu ersonnene Lichtfest zum 20. Jahrestag am 9. Oktober 2009, als geschätzt 150.000 Menschen den Innenstadtring bevölkerten. In den folgenden Jahren wurden diese Feiern fortgesetzt, was vereinzelt auch Kritik auf sich zog, etwa als „Wende-Wonderland“. Auch das geplante Freiheits- und Einheitsdenkmals konnte wegen vernichtender Kritik bislang nicht umgesetzt werden. Nach Auffassung vieler Zeitzeugen seien die damaligen Proteste ein einmaliges, eruptives Ereignis gewesen. Diese kritisierten denn auch gelegentlich das jährliche Lichtfest als austauschbares Spektakel.

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