Hermdorfer hören, wie Rockmusik sich über die Grenze zwischen Ost und West hinwegsetzte

Ulrike Demuth
| Lesedauer: 4 Minuten
Auch das Titelbild seines Buches erklärte Autor Joachim Hentschel: Der zentral abgebildete junge Mann sei ein Thüringer gewesen, der das Konzert von Bruce-Springsteen in Berlin-Weißensee besuchte.

Auch das Titelbild seines Buches erklärte Autor Joachim Hentschel: Der zentral abgebildete junge Mann sei ein Thüringer gewesen, der das Konzert von Bruce-Springsteen in Berlin-Weißensee besuchte.

Foto: Ulrike Demuth

Hermsdorf.  Warum durften DDR-Bands in Westdeutschland auftreten, wurden dort sogar im Radio gespielt? Und wie funktionierte das in die umgekehrte Richtung? Diesen Teil der Ost-West-Geschichte stellte Autor Joachim Hentschel mit seinem neuen Buch den Hermsdorfer Zuhörern vor.

„Die Geschichte, wie wir die ersten Löcher in die Mauer reinsangen – endlich hat sie jemand aufgeschrieben“, sagte Rock-Ikone Udo Lindenberg laut Angaben des Verlags über Joachim Hentschels Buch, das der Autor am Donnerstagabend in der Hermsdorfer Bibliothek zahlreichen interessierten Zuhörern vorstellte. „Dann sind wir Helden – Wie mit Popmusik über die Mauer hinweg deutsche Politik gemacht wurde“, lautet der Titel von Hentschels umfangreichen Werk, aus dem der aus Baden-Württemberg stammende Schriftsteller an diesem Abend nicht nur Passagen vorlas. Er erzählte auch, wie er überhaupt auf die Idee gekommen war, ein solches Buch zu verfassen: „Ich saß damals auf der Westseite, und vielleicht fragen Sie sich: Was maßt sich ein Wessi an, über dieses Thema zu schreiben?“, leitet er mit einem humorvollen Lächeln ein und erklärt: „Musik aus der DDR gehörte in Baden-Württemberg dazu. Im Südwestfunk hörte man ganz normal im Radio Citys Am Fenster oder Karat mit Über sieben Brücken musst du geh’n.“ Als Kind sei er mit den Songs bekannter DDR-Bands groß geworden, ohne zu wissen, was es mit diesen Musikern auf sich hatte: „Ich wusste gar nicht, dass diese Musik aus einem anderen Land kam oder eine politische Dimension hatte. Ich mochte sie, weil da auf Deutsch gesungen wurde und ich das verstanden habe“, erzählt er. Als er erwachsen wurde, sei ihm durch den Kopf gegangen, wie merkwürdig es sei, dass er die DDR-Musiker im Radio gehört habe, dass Bands wie Die Puhdys oder Karat sogar in der BRD auftreten durften, berichtet Hentschel. Da der Autor auch als Journalist arbeitet, begann er ganz im Sinne dieses Berufes zu forschen, zu recherchieren, Interviews zu führen. „Es war wahnsinnig interessant, ganz viele Geschichten zu finden, die so noch nicht bekannt sind“, erzählt Hentschel mit deutlich spürbarer Begeisterung. Peter Welz, der als Mitglied des „Freundeskreis Hermsdorfer Gespräche“ die Lesung moderierte, stellte besonders diese Leistung heraus: „Dies ist ein Buch, das als ein Fleißwerk zu gelten hat“, fügte aber hinzu: „Es ist aber so kurzweilig, als wenn Sie eine Kurzgeschichte lesen.“ Der „Freundeskreis Hermsdorfer Gespräche“ hatte gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung zu diesem Leseabend mit Hentschel in Hermsdorf eingeladen.

Von abgesagten Konzerttouren, Auftrittsverboten und überwachten West-Reisen

Chronologisch geht Hentschel in seinem Werk nicht vor, aber die Meilensteine des musikalischen Ost-West-Austausches sind alle enthalten: wie die Puhdys von dem Musikverleger Peter Schimmelpfennig nach Hamburg zum Konzert geholt wurden und dabei unter strenger Aufsicht von Egon Werther, dem Direktor der DDR-Künstleragentur standen. Oder vom Auftrittsverbot Udo Lindenbergs bis zu seinem legendären Konzert im Ost-Berliner Palast der Republik. Oder auch von der abgesagten BAB-Tour. Auf Hentschels Frage, ob jemand aus dem Publikum sich an diese erinnern könne, meldet sich ein Zuhörer: „Ich hatte Karten für den Auftritt von BAB in Leipzig. Da wurde mehr kaputt gemacht als mit allen West-Auftritten der DDR-Bands, als man eine Menge junger Leute vor einer verschlossenen Konzerthalle stehen ließ“, gibt er seine Eindrücke wieder. Mit seinem Publikum in den Austausch zu treten, war Hentschel spürbar ein Anliegen. Immer wieder fragt er nach, wie die Zuhörer das eine oder andere in Erinnerung hätten. Und so endet der Abend nicht nur mit einem spannenden Ausschnitt aus der Musikgeschichte, sondern auch mit vielen Anekdoten und Erinnerungen, die die Hermsdorfer in der Stadtbibliothek untereinander austauschen.