Gedenkstätte startet Rettung

Renthendorf: Viele Brehm-Bücher vor dem Zerfall

Im Kreisarchiv in Camburg lagern tausende Bücher und Handschriften der Brehm-Gedenkstätte. Viele Werke sind in einem denkbar schlechten Zustand.

Christoph Roth, Geschäftsführer der Buchrestaurierung Leipzig GmbH, betrachtet im Kreisarchiv Camburg den von Schimmelpilzen befallenen Einband eines Buches aus der Brehm-Hausbibliothek.

Christoph Roth, Geschäftsführer der Buchrestaurierung Leipzig GmbH, betrachtet im Kreisarchiv Camburg den von Schimmelpilzen befallenen Einband eines Buches aus der Brehm-Hausbibliothek.

Foto: Frank Kalla

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Camburg/Renthendorf Christoph Roth zieht vorsichtig ein Werk aus der Brehmschen Hausbibliothek heraus, wirft einen prüfenden Blick auf den Einband und zeigt dann auf eine sichtbar zerfledderte Stelle: „Da hat der Schimmelpilz ganze Arbeit geleistet.“ Und nicht nur dieses Buch ist sprichwörtlich aus dem Leim gegangen. Bei einigen Werken fehlt der Buchrücken, andere Bücher möchte man gar nicht in die Hand nehmen, weil man in Sorge ist, sie könnten bei einer Berührung zerbröseln.

Tausende Bücher, Zeitschriften, einzigartige Handschriften, Bilder und mehr hat die Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf vor der Sanierung des Brehm-Hauses im Kreisarchiv Saale-Holzland in Camburg vor knapp sieben Jahren einlagern lassen, nunmehr sichtete die seit Anfang 2019 bei der Brehm-Gedenkstätte angestellte Museologin Kim Janke erstmals die umfangreiche Sammlung. Ihre erste Einschätzung ist erschreckend: Von den gut 13.000 Exemplaren - unter denen sich aber auch Periodika wie Naturwissenschaftliche Journale befinden - sind rund 1.500 Exemplare teils so stark geschädigt, dass bei einigen Einzelstücken unklar ist, ob sie überhaupt von Restauratoren noch gerettet werden können. „Wir müssen die komplette Hausbibliothek der Brehm, die gut 500 Werke umfasst, sowie etwa 1000 weitere Bücher aus dem Sammlungsbestand umgehend reinigen und restaurieren lassen.“

Der Besuch von Restaurator Christoph Roth, der auf eine Empfehlung der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena nach Camburg gekommen war, stellte dabei nur den Auftakt eines Prozesses dar, der sich über mehrere Jahre erstrecken wird. „Primär geht es jetzt erst einmal darum, dass wir den alten Bücherschrank, der im Brehm-Haus stand, für die in Vorbereitung befindliche Ausstellung wieder mit Inhalt, sprich mit Bänden der Brehmschen Hausbibliothek, füllen“, erklärt Jochen Süß, Leiter der Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf. Dazu sollen wichtige Werke gesichtet, diese gereinigt und in säurefesten Schubern eingepackt werden. „Der Besucher sieht nur den Buchrücken, die Originale bleiben in den Schubern und sind so geschützt.“

Süß, der maßgeblich die millionenschwere Sanierung des Brehm-Hauses in Renthendorf und die Restaurierung der Gräber sowie des Konvoluts von Möbeln, Waffen, Tierpräparaten und anderen Dingen aus dem Brehmschen Erbe auf die Wege brachte, findet es sehr ärgerlich, dass ausgerechnet die wertvollsten Bücher massive Schädigungen aufweisen. Beim Werk „Naturgeschichte der Vögel“, das der Vogelpastor Christian Ludwig Brehm 1831 heraus brachte, dachte Süß, dass das Werk gar nicht mehr zu retten sei. Indes, die Experten der Landesbibliothek belehrten den Gedenkstättenleiter eines Besseren. „Nicht nur, dass uns Michael Lörzer als Chef der Landesbibliothek mit offenen Armen empfangen hat, die Restauratoren werden das in Handschrift und gedrucktem Papier zusammengefasste Werk in den Ursprung zurück versetzen und die Aufzeichnungen für die Nachwelt erhalten können.“ „Es gibt einen großen Willen in Jena uns zu helfen - und wir sind mehr als dankbar dafür.“

Dass sich ein beträchtlicher Teil der Bücher - unter anderem auch die Erstauflage von Brehms „Thierleben“ - in einem miserablen Zustand befindet, ist auch einem größeren Wasserschaden geschuldet, zu dem es lange Zeit vor der Sanierung des Brehm-Hauses kam. Viele Bücher wurden nass und begannen zu schimmeln. „Die Feuchtigkeit zog aus dem Keller in die Fußböden, bei der Sanierung des Hauses stellten wir fest, dass große Bereiche der Dielung und der Balken völlig zerbröselt waren“. schildert Süß die vorgefundenen Schäden.

„Bei Büchern, bei denen eine restauratorische Behandlung notwendig ist, unterscheiden wir zwischen mechanischen, chemischen und biologischen Schäden“, erklärt Christoph Roth. „Zu den Gefahren, denen Bücher ausgesetzt sind, werden auch die Besucher von Bibliotheken gezählt.“

Besonders heikel sind aber die Schädigungen, die durch eine Durchfeuchtung des Papiers entstehen. So kann der ganze Band aus der Form geraten, durch die Nässe verändert sich das Papier so, dass Schimmelpilzsporen, die sich immer in der Luft befinden, einen idealen Nährboden erhalten. „Ein Schimmelpilzbefall geht rasend schnell. Die Gefahr für das Buch besteht in diesem Fall, sprichwörtlich verspeist zu werden.“ Zudem seien die Schimmelpilzsporen auch für den Menschen nicht ungefährlich.

Nach Möglichkeit sollte man Bücher auch vor Staub schützen. „Staub ist immer keimbelastet, kommt es zu erheblichen Schwankungen des Raumklimas kann dies zu einem Wachstumsimpuls für Schimmel führen.“ Deshalb sei es ratsam, Bücher möglichst kühl und trocken zu lagern. „Die Sonne sollte außerdem nicht auf die Bücherrücken scheinen, sonst bleichen diese aus.“

Dass die Hausbibliothek - neben naturwissenschaftlichen Büchern finden sich auch christliche Werke oder Homer in der Sammlung - einen lädierten Eindruck hinterlässt, ist aber auch den Brehms selbst geschuldet. So nutzte beispielsweise Alfred Brehm in seinen Jugendjahren wertvolle Bücher, um in diesen seine Unterschrift zu üben. An anderen Stellen sind Kinderzeichnungen zu sehen, dass etliche Werke aus dem Leim gingen, ist auch der mechanischen Beanspruchung geschuldet.

Süß weiß: Bis man das komplette Brehmsche Erbe in trockenen Tüchern - sprich für die Nachwelt in einem bewahrenswerten Zustand versetzt hat, werden noch viele Jahre ins Land gehen.

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