Schlöben will Vorbild sein in Sachen Inklusion

Schlöben .  „Inklusion“, sagt Schlöbens Bürgermeister Hans-Peter Perschke, „ist bei uns im Dorf schon immer ein Thema.“

Ingo Postleb ist als Gemeindehelfer in Schlöben im Einsatz.

Ingo Postleb ist als Gemeindehelfer in Schlöben im Einsatz.

Foto: Ute Flamich

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„Inklusion“, sagt Hans-Peter Perschke, „ist bei uns im Dorf schon immer ein Thema“. Der Bürgermeister von Schlöben erinnert zum Beispiel an die vielen Hilfstransporte, die in vergangenen Jahren von der Gemeinde aus nach Rumänien gestartet sind. Erst Anfang Oktober 2019 ging der 27. Hilfstransport über die Bühne. Etwa 50 Rollstühle gehörten dabei zur Ladung.

Anlässlich des „Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung“, der heute begangen wird, stellte Hans-Peter Perschke einen neuen Gemeindearbeiter in Schlöben vor: den 32-jährigen Ingo Postleb. Seit vergangenem Jahr ist der Beschäftigte der ASB-Holzlandwerkstätten Bad Klosterlausnitz in der Gemeinde im Einsatz. Zunächst sechs Wochen als Praktikant, danach als Außenarbeiter der Holzlandwerkstätten. Mit Unterbrechung ist Ingo Postleb seit dem Frühjahr 2019 zurück in Schlöben. Dieses Mal wird er auch den Winter über für die Gemeinde im Einsatz sein.

Vor allem im Bereich der Grünpflege im Einsatz

Hauptsächlich im Bereich der Grünpflege ist der gebürtige Jenaer tätig. „Er ist körperlich fit und kann mit der Motorsense umgehen. Das macht er auch gerne“, sagt der Bürgermeister und Ingo Postleb nickt. „Er ist viel mit dem Fahrrad im Ort unterwegs. Die Ortsteile kennt er mittlerweile besser als mancher Einheimische. Es gibt ja auch immer eine Menge aufzuräumen und zu reparieren.“ Viele einfache Tätigkeiten könne der junge Gemeindehelfer übernehmen, nur Fahrzeuge führen, das dürfe er nicht. „Gegebenenfalls wird der Winterdienst dann auch mit Schaufel und Besen erledigt“, sagt Schlöbens Bürgermeister und schmunzelt. Soziale Aspekte seien ein zusätzlicher wesentlicher Aspekt des Außenarbeitsplatzes. So arbeitet Ingo Postleb auch im Team, muss sich dabei ein- und unterordnen.

„So, wie es momentan hier bei uns läuft, stelle ich mir Inklusion vor“, sagt Perschke. „Hier spricht keiner über die Behinderung, sondern über Ingo.“ Und „Ingo“ habe sich in seiner Zeit in Schlöben sehr gut entwickelt. „Er beginnt, mit den Leuten zu kommunizieren und wird offener. Er wird im Ort so akzeptiert, wie er ist. Er ist bei Veranstaltungen im Ort dabei und ich behaupte, dass er der erste und einzige inklusive Spieler in der Kreisliga ist“, sagt Perschke, der seit Jahrzehnten auch Vereinschef des SV Wöllmisse 98 ist. Schon mehrere Einsätze auf dem Fußballplatz liegen hinter Ingo Postleb, der von seinen Mitspielern „voll akzeptiert“ werde.

In Trockenborn-Wolfersdorf eine Gastfamilie gefunden

Ingo Postleb kommt aus schwierigen Familienverhältnissen. Mit den Eltern und seiner Schwester lebte er im betreuten Wohnen des Arbeiter-Samariter-Bundes. „Später sind wir nach Hermsdorf gezogen. Dort wohnten wir eine Weile in einer eigenen Wohnung“, erzählt der 32-Jährige. Dann sei seine Mutti gestorben. Sein Vater lernte eine andere Frau kennen und hat seinen Sohn allein in der Wohnung zurückgelassen. Das war vor fast zehn Jahren. Seiner Cousine habe er es zu verdanken, dass er über das Projekt „Betreutes Wohnen in Familien“ des Vereins „Aktion Wandlungswelten Jena“ – das es seit 15 Jahren gibt – in eine Gastfamilie vermittelt wurde. Selbstverständlich sei das nicht. Gerade, weil es thüringenweit derzeit nur etwa 35 bis 40 Gastfamilien gibt, die bereit sind, erwachsene Menschen mit einer seelischen oder geistigen Beeinträchtigung aufzunehmen, sie zu betreuen, im Alltag zu unterstützen und zu begleiten, sagt Cosima Girth. Die Sozialpädagogin gehört zum Team des Projektes der Aktion Wandlungswelten und ist für die Bereiche Saalfeld-Rudolstadt, den Saale-Holzland- sowie den Saale-Orla-Kreis zuständig.

2014 wechselte Ingo Postleb die Gastfamilie. Seitdem ist er bei Annegret Ziebe in Trockenborn-Wolfersdorf Zuhause. „Hier schließt sich der Kreis“, sagt Hartmuth Menzel und schmunzelt. Denn er ist der Lebensgefährte von Annegret Ziebe und ist in der Gemeinde Schlöben angestellt. Er fragte unverbindlich bei Bürgermeister Perschke nach, ob Ingo Postleb dort nicht einen Außenarbeitsplatz antreten könne.

Gemeindehelfer auf bis dato unbegrenzte Zeit

Auch Cosima Girth, die Ingo Postleb seit etwa zwei Jahren betreut, hat bei ihren regelmäßigen Hausbesuchen positive Veränderungen festgestellt. „Herr Postleb war, als er noch in den Holzlandwerkstätten arbeitete, häufig nicht so gesprächig und irgendwie schlecht drauf. Seitdem er in Schlöben im Einsatz ist wirkt er viel ausgeglichener und zufrieden mit sich. Er ist stolz auf das, was er macht.“

Auf bis dato unbegrenzte Zeit wird Ingo Postleb nun erst einmal als Gemeindehelfer in Schlöben tätig sein. Er selbst wünscht sich für die Zukunft vor allem, irgendwann einmal auf eigenen Beinen stehen zu können, eine eigene Wohnung und eine Freundin zu haben.

Perschke teilte - als Fraktionsvorsitzender der SPD im Kreistag des Saale-Holzland-Kreises - noch mit, dass seine Fraktion zur Kreistagssitzung im Dezember einen Antrag zum Thema Inklusion einbringen werde.

Am 3. Dezember ist Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung (auch: Internationaler Tag der Behinderten). Dieser von den Vereinten Nationen ausgerufene Gedenk- und Aktionstag, soll das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Probleme von Menschen mit Behinderung wachhalten und den Einsatz für die Würde, Rechte und das Wohlergehen dieser Menschen fördern. Nachdem die Vereinten Nationen das Jahr 1981 als das „Internationale Jahr der Behinderten“ gefeiert hatten, wurde im Dezember 1982 ein Aktionsplan für die Belange behinderter Menschen entwickelt. Die Jahre 1983 bis 1993 wurden zum „Jahrzehnt der behinderten Menschen“ ausgerufen. Zum Abschluss der Dekade verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Resolution 62/127, in welcher der 3. Dezember als „Internationaler Tag der Behinderten“ ausgerufen wurde. Er wurde erstmals im Jahr 1993 begangen. Im Dezember 2007 wurde der Gedenktag zum „Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung“ umbenannt. Quelle: Wikipedia

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