Als A-Junior im Dortmunder Fußballtempel

Ohrdruf.  Der Ohrataler Kicker Philipp Kiebert und seine besondere Erinnerung an den Signal-Iduna-Park.

Philipp Kiebert beim Aufwärmen im Signal-Iduna-Park am 7. November 2009.,

Philipp Kiebert beim Aufwärmen im Signal-Iduna-Park am 7. November 2009.,

Foto: Frank Steinhorst

Als Henri Fuchs während des Trainings bei der ersten Mannschaft des FC Rot-Weiß Erfurt auf Philipp Kiebert zulief, ihn zur Seite nahm und die frohe Kunde überbrachte, begannen die Augen zu funkeln. Kaum waren dessen Worte „du bist im Kader für das Dortmund-Spiel“ ausgesprochen, lief es dem damals 18-Jährigen kalt den Rücken herunter.

Nicht nur die Nominierung in den Drittliga-Kader der Rot-Weißen stellte für den Kapitän der A-Jugend einen scheinbar wahrgewordenen Traum dar. Denn wie im Vorfeld der Partie gegen die Bundesliga-Reserve bekannt wurde, sollte das Spiel im riesigen Signal-Iduna-Park ausgetragen werden.

Und so pochte das Herz in mehrerlei Hinsicht, als sich die Erfurter am Freitag Richtung Westen aufmachten, um am Folgetag, dem 7. November 2009, im großen Fußballtempel anzutreten. „Es hat sich unheimlich toll angefühlt, in das Stadion und die Katakomben zu gehen. So etwas erlebst du als Fußballer nicht oft. Es war schön, in diesen Moment reinschnuppern zu können“, blickt Kiebert zurück.

Vergessen waren für eine kurze Zeit nicht nur die unzähligen Trainingseinheiten, seit er 2000 zum Club kam, sondern auch die an die Grenze der Machbarkeit gehenden Entbehrungen. „Zu diesem Zeitpunkt der Saison musste ich zweigleisig – Erste und A-Junioren – fahren. Eigentlich hatte ich immer bis 16.10 Uhr Schule, aber das Training der Ersten fand 14.30 Uhr statt. Zwei Fächer, die zeitlich so ungünstig lagen, konnte ich drei Monate lang gar nicht besuchen“, sagt er.

Abruptes Ende bei Rot-Weiß Erfurt

Dass er bei der knappen 0:1-Niederlage vor mehr als 2000 Zuschauern, die im riesigen Rund dennoch etwas verloren aussahen, von Trainer Rainer Hörgl nicht eingewechselt wurde, war und ist für ihn zweitrangig. „Allein die Atmosphäre aufzunehmen war toll, zumal die Fans ordentlich Stimmung gemacht haben“, so Kiebert, der zwei Monate später sein Gastspiel beim RWE abrupt beendete.

Noch Anfang Januar wurde er mit ins Trainingslager in die Türkei genommen. Hörgl attestierte ihm das Talent, es in die 3. Liga schaffen zu können. Doch es blieben warme Worte. Ein Profivertrag wurde dem heute 28-Jährigen nie angeboten. Als Kiebert ihm gestand, den hohen Aufwand zwischen Sport und Schule unter diesen Bedingungen nicht mehr kompensieren zu können, fiel die Antwort ernüchternd aus. „Er wusste nicht, ob er mir noch einmal eine Chance geben könne“, ließ Hörgl verlauten.

Ein Schlag ins Gesicht für den Ohrdrufer, der keine drei Wochen später den Radikalschnitt vollzog. Abmeldung vom Sportgymnasium, Kündigung des Vertrages bei Rot-Weiß, Rückkehr auf die Ohrdrufer Schule, Abkehr vom Fußball. Kiebert hatte die Nase gestrichen voll, trat über ein Jahr nicht vor dem Ball, ehe er mit Freunden in Luisenthal in der 1. Kreisklasse den Weg zurück fand.

Die schwersten Wochen der fußballerischen Laufbahn

„Ich war vielleicht jung, dumm und naiv, hätte es rückblickend auch anders machen können. Aber es gab in Erfurt niemanden, der mich mal zur Seite genommen oder unterstützt hat – weder beim FC Rot-Weiß, noch anderswo. Dass ich mit der Ersten ins Trainingslager gefahren bin, haben die Lehrer meiner Schule aus der Zeitung erfahren. Viele haben nur mit dem Kopf geschüttelt, aber wirklich geholfen hat keiner.“ Es waren die wohl schwersten Wochen in der fußballerischen Laufbahn Kieberts, denn er hatte immer das Gefühl, auch seine Familie enttäuscht zu haben. „Meine Mutter hat mich jahrelang jeden Tag von Ohrdruf nach Erfurt gefahren und wieder abgeholt. Selbst zu den weiten Auswärtsfahrten ist sie mitgekommen. Es war nicht nur für sie ein Rückschlag, dass ich alles weggeworfen habe. Es ist verständlich, dass die Stimmung zu Hause für ein paar Wochen unterkühlt war und sie in der Folge lange zu keinem Spiel von mir gekommen ist. Aber ich bin ihr bis heute dankbar, dass sie solche Strapazen auf sich genommen hat“, sagt Kiebert mit nachdenklicher Stimme.

Rund elf Jahre später haben sich die Dinge grundlegend geändert. „Ich bin einfach glücklich“, sagt der Kapitän des FSV Ohratal. Nach einem Intermezzo in Martinroda wechselte er 2012 in die Heimat nach Ohrdruf und ist seitdem auf und neben dem Platz nicht mehr wegzudenken.

Ob er negativ auf die Zeit beim FC Rot-Weiß Erfurt zurückdenkt? „Nein. Wenn man die Chance hat, seinen Traum zu leben, sollte man das auf jeden Fall machen. Die Zeit im Jugendbereich war toll, immer ein kleiner Nervenkitzel und mit vielen Heimlichkeiten verbunden. Das schweißt ein Team zusammen.“ Zumal die Erinnerungen – unter anderem das Spiel im Signal-Iduna-Park – mit den Jahren immer freundlicher im Gedächtnis bleiben.