Aue, Chemnitz, Magdeburg oder Dresden: So sieht es bei den mitteldeutschen Traditionsclubs aus

Der FC Carl Zeiss versucht einen Neustart in der Regionalliga. Aue ist der einzige zweitklassige Ost-Fußballverein. In Liga 3 spielen Absteiger Dresden sowie Halle und Magdeburg. Cottbus möchte schnell aufsteigen, trifft zuvor auf Jena.

Eckball für Erzgebirge Aue. Es ist der einzige Ostverein in der zweiten Bundesliga.

Eckball für Erzgebirge Aue. Es ist der einzige Ostverein in der zweiten Bundesliga.

Foto: Robert Michael / dpa

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„Es zu viel gejammert“: Aue einziger Ost-Zweitligist

Während RB Leipzig und Union Berlin in der kommenden Saison den Osten in der Bundesliga vertreten, ist Erzgebirge Aue der einzige zweitklassige Ost-Vertreter. Boss Helge Leonhardt beklagt das Selbstmitleid bei einigen Clubs.

Leonhardt bemüht das Bild der Landkarte. „Von der Ostsee bis nach Oberwiesenthal bleibt alles weiß. Bis auf Aue. Wir halten die Fahne des Ostens hoch“, sagt der Präsident des FC Erzgebirge mit Stolz in der Stimme. Der sächsische Rivale Dynamo Dresden ist abgestiegen, der FC Hansa Rostock schaffte es nicht nach oben. Somit ist Aue der einzige ostdeutsche Vertreter in der kommenden Saison der 2. Fußball-Bundesliga.

Leonhardt hat aber auch die Ligen darunter im Blick. Dass sich mit dem FC Carl Zeiss Jena und dem Chemnitzer FC zwei weitere Traditionsclubs aus der 3. Liga und damit aus dem Profifußball verabschiedet haben, macht dem Aue-Boss Sorgen. „Es ist einerseits schade, andererseits wird mir im Osten mitunter zu viel gejammert und sich zu sehr selbst bemitleidet“, meint Leonhardt.

Dass die Fußballstandorte das oft zitierte Spiegelbild der Gesellschaft und das der regional begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten abbilden sollen, lässt Leonhardt nicht als Argument gelten. „Zu uns ist auch keiner gekommen und hat einen Scheck ausgestellt. Wir sind eher in einer strukturschwächeren Region angesiedelt, haben uns den Erfolg über Jahre selbst hart erarbeitet“, betont der 61-Jährige.

Seit 2003 spielt das 16.000 Einwohner zählende Aue mit wenigen Unterbrechungen fast durchgängig in der 2. Bundesliga. Doch noch nie gingen die Sachsen als einzige Ost-Mannschaft in eine Saison. „Ich bin ein bisschen traurig darüber und hoffe, dass sich dieses Bild im Spieljahr 2021/22 wieder ändert. Man wünscht sich schon Vereine wie Rostock, Magdeburg oder Dresden. Das sind für mich vom Potenzial her Minimum Zweitligisten“, erklärte Trainer Dirk Schuster. „Auf der anderen Seite erfüllt es uns mit sehr viel Stolz und Freude, dass wir es wieder geschafft haben, weiter in der 2. Liga zu bleiben.“ Aue schloss die vergangene Saison auf dem siebten Tabellenplatz ab.

Ein Patentrezept, wie es andere Clubs aus dem Osten dem FC Erzgebirge nachmachen könnten, hat Leonhardt freilich nicht: „Jeder Verein hat andere Strukturen und Voraussetzungen. Ich kann nur für uns sprechen. Wir geben nur das Geld aus, was uns zur Verfügung steht. Und zweitens müssen der Verein und die Profiabteilung wie ein Wirtschaftsunternehmen knallhart geführt und nicht nur verwaltet werden.“

Das bei den Konkurrenten gefürchtete und gern als „Gallische Dorf“ bezeichnete Aue will auch auf der Suche nach potenziellen Neuzugängen eigene Wege gehen. Im November 2019 startete der FC Erzgebirge eine Kooperation mit dem russischen Spitzenclub Spartak Moskau. Bislang wurden noch keine Spieler von dort verpflichtet. Doch das könnte sich in diesem Sommer ändern. „Ich bin mit den Spartak-Verantwortlichen und Trainer Domenico Tedesco regelmäßig im Austausch. Vielleicht entwickelt sich für die kommende Saison das eine oder andere Leihgeschäft“, sagte Leonhardt.

Dynamo Dresden nach Zweitliga-Abstieg mit finanziell positiver Bilanz

Dynamo Dresden wird trotz des Abstiegs aus der 2. Fußball-Bundesliga mit einem finanziell positiven Ergebnis aus der Saison gehen. Durch den sportlichen Misserfolg sparte sich der Verein Punkt- und Nichtabstiegsprämien. Hinzu kommt ein siebenstelliger Betrag aus den Rettungsschirmen. Geschäftsführer Michael Born sagte der „Sächsischen Zeitung“, neben den 600.000 Euro aus dem Solidaritätsfonds, in den alle Zweitligisten einzahlen und der an die Absteiger ausgezahlt wird, fließen noch 500.000 Euro aus einem Nachwuchs-Fördertopf.

Born betonte, dass etwa die Hälfte der Dauerkartenbesitzer keine Rückgabeforderungen wegen der Geisterspiele gestellt haben. Auch 92 Prozent der Sponsoren haben auf Kompensationen verzichtet. „Von allen 15 Vereinen der 1. und 2. Liga, die Sportfive betreut, ist das die höchste Quote. Das hat uns sehr geholfen, schließlich ging es um einen siebenstelligen Betrag“, sagte Born. Er erklärte zudem, dass es wegen des Abstiegs im Gegensatz zu früher keine Entlassungen im Angestelltenbereich geben wird.

Born betonte, dass für den Wiederaufstieg investiert werden muss. „Wir werden jetzt - gerade auch wegen Corona - Eigenkapital einsetzen müssen, um wieder in die 2. Liga zu kommen. Wir gehen aber nicht All In. Es wäre unseriös, das, was wir uns über Jahre aufgebaut haben, auf einmal auszugeben“, sagte der Dynamo-Geschäftsführer. Dynamo verfügt über etwa zehn Millionen Euro Eigenkapital.

Halbe Million Euro: Hallescher FC verzichtet auf Etat-Steigerung

Aufgrund der Unwägbarkeiten durch die Coronavirus-Pandemie verzichtet Fußball-Drittligist Hallescher FC vorerst auf die geplante Etat-Erhöhung für die kommende Saison. „Wir arbeiten intensiv daran, einen soliden Etat aufzustellen, Steigerungen werden da vorerst aber nicht drin sein“, sagte Präsident Jens Rauschenbach der „Mitteldeutschen Zeitung“. Eigentlich wollte der Club den aktuellen Etat von 7,2 Millionen Euro für die nächste Saison auf 7,7 Millionen anheben. Allein die Zuschauereinnahmen würden sich auf 1,5 Millionen Euro belaufen.

Finanziell ist der HFC dennoch gut aufgestellt. „Wir sind bisher mit einem blauen Auge davongekommen - weil Sponsoren und Fans uns die Treue gehalten haben und wir Kurzarbeit einführen konnten“, sagte Rauschenbach. Am Dienstag gab der Club bekannt, dass die Leistungsträger Sebastian Mai, Pascal Sohm und Bentley Baxter Bahn neue Vertragsangebote abgelehnt haben und den HFC verlassen werden. Gleiches gilt für Jan Washausen, Björn Jopek und Patrick Göbel, die der HFC nicht halten wollte.

Weiterhin belasten die entlassenen Ex-Trainer weiterhin den Etat das HFC. Sowohl Torsten Ziegner als auch Ismail Atalan stehen noch bis Juni 2021 auf der Gehaltsliste, sollten sie in der Zwischenzeit keinen neuen Club finden.

Drittligist Magdeburg verabschiedet acht Spieler

Mit großen Ambitionen gestartet, dann abgestürzt und nach dem Trainer-Roulette am vorletzten Spieltag gerettet. Die Erleichterung beim Fußball-Drittligisten 1. FC Magdeburg ist nach dem geschafften Klassenverbleib riesig - ebenso die Ansprüche.

In Magdeburg verlief die Saison mit drei Trainern. Erst wurde vom Geschäftsführer Mario Kallnik Coach Stefan Krämer für die Mission Wiederaufstieg präsentiert, dann kam in der Winterpause Claus-Dieter Wollitz als Nachfolger. Sieben Spieltage vor Saisonende übernahm U19-Trainer Thomas Hoßmang an der Elbe. „Es ging um den Verein, um Arbeitsplätze“, meinte Hoßmang nach dem 2:0 in Ingolstadt. Er selbst sieht seine Personalie nicht als Priorität an, für ihn zählte nur die Erfüllung des Auftrags Klassenerhalt: „Wie es weiter geht für mich, ist jetzt nicht wichtig.“

Beim einzigen Europokalsieger der DDR klafft zwischen Anspruchsdenken und Realität eine immense Lücke. „Der Klassenerhalt war eigentlich das Minimalziel“, sagte FCM-Torschütze Thore Jacobsen nach der Rettung. FCM-Idol und Ex-Trainer Joachim Streich hatte schon frühzeitig die Zusammenstellung des Kaders kritisiert. Dafür war neben Kallnik vor allem Sportchef Maik Franz verantwortlich. Dessen Vertrag läuft noch bis Sommer 2021. Kallnik nahm den ehemaligen Hertha-Profi bei der Trennung von Wollitz gleich mit aus der Schusslinie, zählte ihn an, machte jedoch keine klaren Angaben zu dessen Zukunft. „Es ist so, dass wir in den letzten eineinhalb, zwei Jahren fünf Trainer hatten. Das ist eine Bilanz, die ist absolut ungesund“, sagte Kallnik dem MDR.

Während Kallnik als Sportchef selbst wieder die Geschicke seiner Akteure mitgestalten möchte, ist eine weitere Zusammenarbeit mit Cheftrainer Hoßmang denkbar. Immerhin verglich Kallnik den ehemaligen Dresdner und Cottbuser Bundesliga-Verteidiger mit Ex-Trainer Jens Härtel, der bei den FCM-Fans nach zwei Aufstiegen Heldenstatus wie einst Meister-Trainer Heinz Krügel genießt. Die Trennung von Härtel stieß damals vielen Fans bitter auf. Da klingen die Kallnik-Sätze wie „Hoßmang hat die Philosophie wie einst Härtel“ oder „Thomas ist der Typ, der die Mannschaft hinter sich bringen kann“ wie Versöhnungsangebote. Denn für beide Clubs geht es derzeit eher um Schadensbegrenzung statt Aufbruchsstimmung.

„Wir müssen kommende Saison wieder eine Einheit werden“, meinte Kallnik in einem Tweet des Clubs am Donnerstag. Er befinde sich „in Gesprächen mit dem Trainerteam“ und attestierte Hoßmang gute Arbeit: „Hoßmang hat 9 von 18 Punkte geholt, aber Arbeit von innen zählt. Diese ist wie gewünscht“, betonte der Geschäftsführer und denkt an bessere Zeiten: „Es war unser Anspruch am Anfang der Saison, dort nicht hin zu kommen.“

Am Montag teilte der FCM mit, dass man sich von acht Spielern trennen werde. Alexander Brunst, Björn Rother, Thore Jacobsen, Marcel Costly, Mario Kvesic, Rico Preißinger, Manfred Osei Kwadwo und Charles Elie Laprevotte werden den Verein verlassen. Auch die an Regionalligist Germania Halberstadt ausgeliehenen Nachwuchsspieler Pascal Schmedemann und Marvin Temp werden nicht nach Magdeburg zurückkehren.

Darüber hinaus beendet Reha- und Athletiktrainer Dirk Keller seine Tätigkeit in Magdeburg. Aktuell stehen beim 1. FC Magdeburg damit 13 Profis unter Vertrag, hinzu kommen die U19-Spieler Julian Weigel und Tom Schlitter. Der FCM will in den kommenden Tagen weitere Vertragsgespräche führen.

Ohne Rangelow - mit Risiko: FC Energie startet in Umbruch-Saison

Der einstige Bundesligist FC Energie geht in eine Umbruch-Saison, will dennoch spätestens 2022 in den Profi-Fußball zurück. Für Kapitän Rangelow ist als Spieler Schluss in Cottbus - der Bulgare soll aber zurückkehren. Auf Trainer Abt wartet viel Arbeit.

Es ist ein komplizierter Neubeginn mit einer neuen Philosophie, einer stark verjüngten Mannschaft und mit Risiko. Wenn der FC Energie Cottbus an diesem Mittwoch in die Vorbereitung auf die neue Saison in der Fußball-Regionalliga Nordost startet, werden die Fans in der Lausitz bekannte Gesichter wie Kapitän Dimitar Rangelow und Abwehrchef Robert Müller vergeblich suchen. Beide Routiniers fielen dem Generationswechsel zum Opfer, den der einstige Bundesligist für die Spielzeit 2020/21 ausgerufen hat.

„Es ist aus unserer Sicht nun an der Zeit, einen Umbruch zu vollziehen, um anderen Spielern die Möglichkeit zu geben, in diese verantwortungsvollen Rollen hineinzuwachsen“, erklärte der Sportliche Leiter Sebastian König. Während Rangelow (37 Jahre) und Müller (33) keine neuen Verträge erhielten, sollen junge Kicker wie U19-Nationalspieler Tobias Eisenhuth (18) und Torhüter Toni Stahl (20) künftig das Gesicht des Teams von Trainer Sebastian Abt prägen.

Aber auch finanzielle Aspekte spielen beim Abschied der bisherigen Leistungsträger eine Rolle. Zumal wegen der Corona-Pandemie weiterhin nicht klar ist, ob in der kommenden Saison mit Zuschauern gespielt werden kann und ob die Saison wirklich wie geplant am 15. August startet. Ohne die Einnahmen aus dem Ticketverkauf gehen pro Heimpartie rund 70 000 Euro verloren.

Dank des vereinseigenen Nachwuchsleistungszentrums sowie der Lausitzer Sportschule kann sich Energie Cottbus auch weiterhin auf ein breites Fundament an Talenten stützen. Im Rahmen der Vision 2022 will der Verein spätestens in zwei Jahren in den Profifußball zurückkehren. In der kommenden Saison steigt zwar der Meister der Staffel Nordost direkt in die 3. Liga auf, allerdings muss der FCE nahezu die komplette Offensive neu besetzen. Mit Rangelow, Berkan Taz (zurück zu Union Berlin) und Moritz Broschinski (Borussia Dortmund II) stehen gleich drei Stürmer nicht mehr zur Verfügung.

Mit Innenverteidiger Patrick Storb (Hamburger SV II) und Stürmer Nils Stettin (Union Fürstenwalde) gibt es bislang zwei Neuzugänge. Vor allem die Trennung von Kapitän und Publikumsliebling Dimitar Rangelow wird in der Lausitz kontrovers diskutiert. Immerhin soll es für den ehemaligen Bundesliga-Stürmer nur ein Abschied auf Zeit sein.

Rangelow, der mit seiner Familie in Cottbus lebt, will das letzte Karriere-Jahr in seiner Heimat Bulgarien bestreiten und parallel dazu eine Trainerausbildung absolvieren. Im Sommer 2021 soll er dann zu Energie Cottbus zurückkehren. In welcher Funktion, ist noch offen.

„Ich hätte gerne weiter in Cottbus gespielt, aber der eingeschlagene Weg des Clubs, einen Generationswechsel einzuleiten, ist nachvollziehbar. Ich freue mich dennoch bereits jetzt darauf zurückzukehren. Die Stadt, die Fans und der Verein sind mehr als nur eine Station im Fußball. Ich bin ein Cottbuser“, sagte Rangelow, der als einziger Spieler in allen vier Ligen das Energie-Trikot trug.

Nach Abstieg: Insolvenzplan des Chemnitzer FC nicht finanzierbar

Das Insolvenzverfahren des Chemnitzer FC wird sich nach dem Abstieg in die Fußball-Regionalliga in die Länge ziehen. „Entscheidend ist, dass der Insolvenzplan gegenwärtig nicht finanziert werden kann. Und der Abstieg hat die Möglichkeiten zur Finanzierung nicht verbessert“, sagte Insolvenzverwalter Klaus Siemon der „Freien Presse“ (Dienstag). Eine Lizenz für die vierte Liga ist bereits sicher. Von Sponsoren hat der Club ebenfalls positive Signale erhalten.

Siemon verteidigte erneut seine Position, für eine Fortsetzung der Saison nach der Corona-Pause gestimmt zu haben. „Ohne ihn hätten TV-Gelder, DFL-Einnahmen und andere wichtige Beiträge für die Saison gefehlt“, sagte der Anwalt. Ein Club, der nicht bereit sei, sich dem sportlichen Wettbewerb zu stellen, hätte zudem die Aussicht verloren, Sponsoren zu gewinnen. Teile der Chemnitzer Fanszene hatten die Position des Vereins kritisiert und sich für einen Abbruch der Spielzeit ausgesprochen.

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