Ex-Nationalspieler Clemens Fritz: „Bei Rot-Weiß fehlt ein Miteinander“

Ex-Nationalspieler Clemens Fritz über seinen Heimatverein Rot-Weiß Erfurt, den neuen Job in Bremen und eine Herzenssache.

Ex-Nationalspieler Clemens Fritz.

Ex-Nationalspieler Clemens Fritz.

Foto: Sascha Fromm

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Glückwunsch zum Sieg bei der Premiere des Erfurter Oldieturniers. Sie scheinen nichts verlernt zu haben.

Ich hatte gute Mitspieler… Und es hat auch echt Spaß gemacht. Doch im Vordergrund stand der Hilfeaspekt. Ich habe meine Stiftung 2008 ja gegründet, um etwas zurückzugeben und denjenigen zu helfen, denen es nicht so gut geht. Dies in Erfurt zu machen, ist eine Herzensangelegenheit für mich. Dafür bin ich gern hierher gekommen – und werde es auch sehr gern wieder tun.

Heißt das, dieses Benefizturnier soll zu einer Tradition werden?

Von mir aus gern. Ich hoffe, dass wir uns im nächsten Jahr wiedersehen. Das Turnier war echt klasse organisiert von der Rot-Weiß-Traditionsmannschaft. Und dass die Halle so schnell ausverkauft war, hat mich sehr gefreut – und auch ein Stück weit überrascht. Vielleicht müssen wir ja das nächste Mal sogar in eine größere Halle umziehen.

Wie schwer war es, sich als frisch ernannter Leiter der Scouting-Abteilung von Werder Bremen in der aktuellen Winter-Transferperiode die Zeit zu nehmen?

Es war nicht einfach, ist aber eine Frage der Organisation und des Willens. Ich wollte unbedingt selbst dabei sein. Am Samstagmorgen ging es direkt nach Düsseldorf.

Wo dem SV Werder der Rückrunden-Auftakt gelang.

Ja, der 1:0-Sieg war enorm wichtig – auch wenn wir ihn durch die Gelb-Rote Karte für Moisander und Vogts Verletzung teuer bezahlt haben.

Wie nah sind Sie den Profis? Was beinhaltet Ihr neuer Job?

Ich verantworte das gesamte Scouting – von den Profis bis hinunter ins Nachwuchsleistungszentrum. Dabei arbeite ich eng mit Sebastian Hartung und auch Marco Engelhardt zusammen, die zu unserem 20-köpfigen Team gehören. Ich bin Werder unheimlich dankbar für das Vertrauen, das der Verein mir dabei entgegenbringt. Ich bin in dem Job ja noch ein Lernender.

Ist der berufliche Einstieg in einer sportlich angespannten Situation nicht besonders schwierig?

Mit Druck und Kritik musste ich praktisch mein gesamtes Leben umgehen. Das empfinde ich nicht als hinderlich und gar hemmend. Das gehört zum Fußball-Geschäft.

Was waren die Gründe für die historisch schlechte Bundesliga-Hinrunde mit 14 Punkten?

Vor allem hatten wir enorme Verletzungsprobleme. Die Mannschaft konnte nie ihren Rhythmus finden. Hinzu kamen Spiele, in denen wir uns nicht für die Leistung belohnt haben. So haben wir zwar häufig Lob für unser Spiel bekommen, allerdings zu wenige Punkte geholt.

Komplimente können den Blick für das Wesentliche verschleiern...

Das ist ja das Gefährliche. Im Abstiegskampf kommt es nicht auf schönen Fußball an. Das gilt es zu kratzen, zu beißen und zu kämpfen und Ergebnisse zu holen. Ich habe das 2016 ja noch selbst erlebt. Düsseldorf war ein Anfang. Aber diese Einstellung muss dauerhaft in die Köpfe der Spieler. Ich bin sicher, Florian Kohfeldt wird dafür sorgen.

Kohfeldt stand mächtig in der Kritik. Warum war es richtig, trotz der Misere an ihm festzuhalten?

Weil er einfach ein Top-Trainer ist. Ich arbeite eng mit ihm und Frank Baumann zusammen; wir sind in ständigem Austausch. Und ich bin überzeugt, dass wir gemeinsam die Liga halten werden.

Und wer wird Meister?

Mit Bayern muss man immer rechnen. Aber ich könnte mir Leipzig durchaus vorstellen. Die haben eine richtig gute Truppe beisammen.

Am Rande des Turniers ging es auch um den finanziellen Offenbarungseid des Rot-Weiß-Insolvenzverwalters. Wie sehr erschreckt Sie die Entwicklung Ihres Heimatvereins?

Das tut verdammt weh – und hat mich wirklich geschockt. Ich verfolge die Entwicklung ja auch von Bremen aus und kriege regelmäßig Zeitungsartikel zugeschickt. Deshalb hatte ich mit dem Einstieg der Investoren im Herbst auch die Hoffnung verbunden, dass es endlich aufwärts geht. Aber so… Eine Katastrophe.

Machen Sie jemandem Vorwürfe?

Aus der Ferne kann ich keine Schuldzuweisungen machen. Aber ich hatte nie das Gefühl, dass es in Erfurt ein Miteinander gibt; ein Anpacken, die Karre gemeinsam aus dem Dreck zu ziehen. Ich glaube, das ist das Hauptproblem. Andere Vereine nutzen die Insolvenz für einen Neubeginn; bei Rot-Weiß wurde alles nur noch schlimmer.

Haben Sie noch Hoffnung?

Die habe ich immer – auch wenn es momentan ziemlich schwerfällt.

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