Biathlon-Bundestrainer Kirchner: „Es muss auch mal krachen“

Oberhof  Biathlon-Bundestrainer Mark Kirchner vor dem Weltcup in Oberhof über den Material-Streit, Norwegens Dominanz und Schempps Rückkehr.

Beim Weltcup in Oberhof peilt Bundestrainer Mark Kirchner mit den deutschen Biathlon-Männern in jedem Rennen vordere Plätze an.

Beim Weltcup in Oberhof peilt Bundestrainer Mark Kirchner mit den deutschen Biathlon-Männern in jedem Rennen vordere Plätze an.

Foto: Sascha Fromm

Ab kommenden Freitag beginnt der erste von zwei Biathlon-Weltcups in Oberhof. Wir sprachen mit Bundestrainer Mark Kirchner (50) über das Heimspiel vor leeren Rängen, die personellen Wechsel im Team und die entfachte Diskussion um das Skimaterial.

Oberhof – ein Wintermärchen. Wie groß ist Ihre Vorfreude auf einen Weltcup in weißer Pracht?
Ja, das ist doch mal was. Das hatten wir ja länger nicht. Wir konnten auch im Training unsere Runden in der Natur drehen, mussten nicht improvisieren. Das hat deutlich mehr Spaß gemacht, als Einheiten in der Skihalle oder auf dem Laufband. Entsprechend freuen sich jetzt alle auf die Wettkämpfe.

Trübt die fehlende Zuschauerkulisse die Stimmung etwas?
In erster Linie sind wir froh, dass wir trotz der aktuellen Situation unseren Job erfüllen dürfen. Das würden wir natürlich lieber vor einer großen Kulisse tun. Aber es hat für uns nicht nur negative Aspekte. Das ganze Drumherum wird wesentlich entspannter für die Athleten sein. Mal sehen, ob es sich in den Leistungen niederschlägt.

Welche Herausforderungen stellen die Rennen auf der WM-Großbaustelle dar?
Keine allzu großen. Die Strecke hat sich an einigen Stellen verändert, die es zu bewältigen gilt. Unter anderem ist der Birxstieg durch den längeren Anstieg noch einmal härter geworden. Und was die Optik betrifft, deckt der Schnee ja vieles zu. Dadurch sieht es sogar besser aus als in den letzten Jahren.

Simon Schempp und Lucas Fratzscher statt Roman Rees und Johannes Kühn: Warum kam es zum Doppelwechsel im Männerteam?
Der Hannes hatte bei den ersten Weltcups nicht so in die Erfolgsspur gefunden; Roman zwar zwei richtige gute Staffeleinsätze gehabt, aber auch keinen Top-15-Platz. Wir wollten deshalb anderen Athleten die Chance geben, sich zu zeigen. Bei den Testrennen in Ruhpolding haben sich Lucas und Simon als Zweiter und Dritter in der Gesamtwertung hinter Justus Strelow empfohlen.

Fratzscher war schon in Kontiolahti im Einsatz, kam jedoch nie unter die Top 40; für Schempp wird es der Saisoneinstand. Was erwarten Sie von beiden in Oberhof?
Lucas hat schon einen Rucksack auf. Er weiß, dass er liefern muss. Simon hat gezeigt, dass er ein Stück näher herangerückt und läuferisch wieder auf Augenhöhe ist. Dazu kam sein guter Auftritt bei der Team Challenge. Ich bin selbst gespannt, wie er sich nach der langen Pause international schlägt.

Ein Heimspiel wird es auch für Erik Lesser und Philipp Horn. Sind Sie besonders motiviert?
Sicherlich ist es für sie etwas Besonderes, in Oberhof zu laufen. Sie wollen aber vor allem einen guten Einstieg in den zweiten Saisonteil schaffen. Philipp hatte ja ein bisschen Pech gehabt mit dem falsch-positiven Test, dem verspäteten Start und dem verpatzten Sprint in Hochfilzen, an dem der Verfolger und für ihn ja auch der Massenstart hing. Erik hat sich nach einem ganz starken Beginn in den Top 15 des Gesamtweltcups festgesetzt; er hatte über den Jahreswechsel keine gesundheitlichen Probleme und konnte gut trainieren. Das sollte ihm Selbstvertrauen für das Heimspiel geben.

Den Winter dominieren bisher die Norweger nach Belieben; mit fünf Männern und vier Frauen in den Top Ten der Welt. Ist der Abstand zu Ihnen nochmals größer geworden?
Nicht unbedingt der Abstand. Sie sind in geballter Ladung nur noch kompakter aufgestellt als früher. Dass sie bei den Männern allein vier Sieger in dieser Saison stellen, sagt ja alles. Sie fordern sich gegenseitig, weil niemand nachlassen darf, wenn er in der Mannschaft bleiben will. Damit pushen sie sich natürlich enorm. Bei ihnen hat bislang alles gepasst – auch vom Material her.

Das war offensichtlich im deutschen Team nicht immer der Fall. Benedikt Doll sprach in Hochfilzen gar von „Körperverletzung“. Inwieweit wurde diese harsche Kritik aufgearbeitet?
Kritik ist ja dazu da, um etwas zu verbessern. Wenn es aus dem Benny so herausbricht, zeigt das ja nur, dass etwas im Argen liegt. Da muss es auch mal krachen. Wir haben danach konstruktiv und ganz offen mit den Skitechnikern diskutiert; nach möglichen Ursachen und Fehlern gesucht. Doch das ist keine Sache, die man von heute auf morgen in den Griff kriegt. Um bei den vielen Material-Komponenten den kleinen Fehler im System zu finden, braucht es akribische Arbeit.

Tat der Massenstart-Sieg von Arnd Peiffer zum Abschluss des ersten Saisondrittels in diesem Zusammenhang besonders gut?
Siege sind immer schön. Unser Anspruch ist es nach wie vor, in jedem Rennen um die vorderen Plätze mitzukämpfen. Vom Material her laufen wir ja auch nicht meilenweit hinterher. Aber wir bewegen uns eben nicht konstant im Spitzenbereich. Und genau das muss unser Ziel.

Apropos Sieg. Wissen Sie noch, wann Oberhof zuletzt einen deutschen Erfolg erlebte?
Das müsste Simon Schempp im Massenstart gewesen sein.

Stimmt, 2017 im Zielsprint gegen Erik Lesser.
Ja, darüber haben wir vor kurzem noch gesprochen, weil es damals auch als Fotomotiv im IBU-Kalender war. Ich habe es dann vor der WM als kleine Motivationsspritze genutzt. Und vielleicht hilft Simon die Erinnerung daran ja jetzt bei seinem Wiedereinstieg. Das würde uns alle freuen.