Begeisterung wie beim WM-Finale: Die Fans beim Biathlon-Weltcup in Oberhof

Oberhof  65.000 Biathlon-Fans trotzen beim Weltcup in Oberhof bei Bratwurst und Glühwein den widrigen Wetterbedingungen.

Tausende Zuschauer harrten nicht nur in der Biathlon-Arena aus, sondern standen auch in dichten Reihen an der Strecke rund um den Oberhofer Grenzadler.Fotos: Sascha Fromm

Tausende Zuschauer harrten nicht nur in der Biathlon-Arena aus, sondern standen auch in dichten Reihen an der Strecke rund um den Oberhofer Grenzadler.Fotos: Sascha Fromm

Foto: Sascha Fromm

Er kennt alle Facetten des Oberhofer Wetters: den Nieselregen, den Nebel, den sie hier gern aufliegende Wolken nennen, die tückischen Winde und den Schneegraupel, der am ges-trigen Abschlusstag die Oberhof-Besucher begrüßte. Nichts davon schreckt Norbert Starke ab. Seitdem er 1993 seinen ersten Biathlon-Weltcup live erlebte, gehört er zu den Stammgästen. Und nicht nur das: Der Kölner Rentner mit dem weißen Rauschebart und dem von Abzeichen bedeckten Hut ist in den letzten 25 Jahren zu dem Fan-Gesicht des Winterzweikampfes geworden. Er hat mittlerweile jeden Weltcup- und WM-Ort besucht; und das mehrfach. Sein Lächeln in die Kameras dieser Welt erreichte unzählige Wohnzimmer. Längst ist er so prominent wie die Biathlon-Stars selbst.

Diese Bekanntheit nutzte Starke in den vergangenen Tagen vor allem, um dem Thüringer Wintersport-Nachwuchs zu helfen. Er trug nicht nur seine Fanfare und eigene Autogrammkarten bei sich, sondern auch eine Spendenbüchse. Für Selfies mit ihm warfen dort andere Fans Münzen und Scheine hinein, ohne dass sie aufgefordert werden mussten. Die meisten wussten längst: Der 76-Jährige will mit dem Geld Gutes tun. Mehr als 10 000 Euro sind für die Oberhofer Ski- und Kufen-Talente dadurch zusammengekommen. Mehr als eine noble Geste.

Geht es jedoch um ihren Sport, rücken Biathlon-Fans zusammen. Nicht nur im übertragenen Sinne. Die Wetterunbilden, die den Grenzadler zu Jahresbeginn wieder einmal heimsuchten, stellten die größte Herausforderung dar für Organisatoren und Zuschauer. Um ihnen zu trotzen, half es den rund 65 000, die an den vier Wettkampftagen das Stadion und die Strecke säumten, so eng aneinander wie möglich zu stehen. „Das wärmt“, lacht Monika aus Potsdam und kuschelt sich an Gerhard, der mit Freunden aus Coburg angereist ist. „Und das natürlich auch“, ergänzt er und holt eine Thermoskanne aus dem Rucksack. Mit Tee? „Auch“, grinst er und schenkt den anderen nach.

Skivereine engagieren sich im Hüttendorf

Eigentlich sind alkoholische Getränke auf dem Wettkampfgelände verboten. Doch wer kann schon etwas gegen einen kleinen „Schuss“ haben, wenn einem die eisigen Böen um die Ohren pfeifen? Nicht selten nehmen die Zuschauer schon Stunden vor den Wettkämpfen ihre Plätze ein, harren eisern aus, tanzen und schunkeln sich bei Stimmungshits warm – und feuern ihre Lieblinge auf Skiern unentwegt an. Am Wochenende platzte die Arena fast aus allen Nähten, aber auch schon an den ersten beiden Tagen riss die Gänsehaut-Atmosphäre die Athleten förmlich. Und das, obwohl zum Sprintrennen der Männer bei leichten Plusgraden, trübem Himmel und Dauerregen selbst die größten Fans auf die Probe gestellt wurden.

„Ich war nicht so glücklich, als ich am Morgen aus dem Fenster geguckt habe“, sagte der französische Weltcup-Spitzenreiter Martin Fourcade am Freitag. Als er sich später unter die bunte Schar mischte und seinen Start im Sprint vorbereitete, war der 29-Jährige jedoch vom Oberhof-Fieber angesteckt. „Als ich in die Arena kam, habe ich mir gedacht: Wenn die ganzen Leute da draußen stehen, muss ich auch raus“, sagte Fourcade, der hinterher als Sieger freilich glücklich war: „Es hat richtig Spaß gemacht.“

Trotz kritischer Diskussionen über die in die Jahre gekommene Infrastruktur gilt Oberhof noch immer als „verrückte Hauptstadt des Biathlon“, wie es die FAZ einst schrieb. Nirgendwo werden die Sportler so lautstark den Berg hinauf gebrüllt wie am legendären Birxstieg. Dort, wo sich die Fans in Dreier- oder gar Viererreihen am Rande drängeln, sind Ohrstöpsel für viele Athleten ein Muss. Einen ähnlichen Geräuschpegel erlebt man sonst wohl nur bei Spitzenspielen in Fußball-Tempeln. ARD-Kommentator Christian Dexne sprach gestern sogar von einer Stimmung, „wie bei einem WM-Finale“.

Doch die Party gehört dazu, wenn Biathleten ihre Besten küren. Im Hüttendorf vor den Toren der Arena gibt es alles, was Herz und Magen begehren: Fan-Utensilien natürlich, Mützen, Schals, Pins und Kuhglocken; Bratwurst, Bier und Glühwein, der becherweise über den Tresen geht. Dahinter stehen meist Mitglieder von Thüringer Skivereinen, die sich über den reißenden Absatz freuen. Ein Teil der Weltcup-Einnahmen kommt ihren Vereinskassen – und damit den sportlichen Talenten der Region zugute.

Helfer präparieren die Strecke Tag und Nacht

Nachdem im Dezember lange herrlicher Winter mit jeder Menge Schnee in Oberhof geherrscht hatte, setzte nach Weihnachten fast schon traditionelles Tauwetter ein. Warme Temperaturen und Regen ließen die weiße Pracht schmelzen – und machten den Organisatoren mächtig zu schaffen. Täglich versuchten sie, mit den produzierten Kunstschnee-Reserven, die Loipe zu retten. Ob Tag, ob Nacht schwärmten die nimmermüden Arbeiter auf der Strecke aus und streuten Salz, um damit das Wasser zu binden und den Untergrund nicht zu weich werden zu lassen. Benedikt Doll, der Schwarzwälder, der seit Jahren in Oberhof trainiert, fand nur lobende Worte: „Das haben die wirklich gut hinbekommen. Der Birxstieg war echt bretthart – trotz des ganzen Regens“, sagte der 27-Jährige nach dem Sprintrennen, als der Himmel seine Schleusen einfach nicht schließen wollte. Am Wochenende kam noch dichter Nebel dazu.

Wenn es darum geht, dass die freiwilligen Helfer den Weltcup auf die Beine stellen, steht Thüringens Sport zusammen. Marcus Clauder zum Beispiel, der als Geschäftsführer der Rennsteiglauf Sportmanagement & Touristik GmbH unter anderem mit dem GutsMuths-Rennsteiglauf den größten Crosslauf Europas organisiert, arbeitete in Oberhof hinter den Kulissen ehrenamtlich als Bindeglied zwischen den TV-Stationen und den Organisatoren. „Meine Aufgabe war es, alle Wünsche der TV-Sender zu erfüllen, damit für die Übertragungen alles perfekt vorbereitet ist“, sagte Clauder, der wiederum im September zum ersten Mal das Mountainbike-Rennen Rennsteigride organisierte und dabei Weltklasse-Skijäger Erik Lesser als prominenten Teilnehmer begrüßen durfte.

Weil dieser damit sicher auch einige Rad-Fans angelockt hatte, revanchierte sich Clauder nun gern beim Biathlon. Wie so viele fleißige Helfer.