Böhmes Leidenschaft: Volleyball und harter Gitarrensound

Jena.  Yann Böhme wechselt vom VSV Jena zum VC Gotha in die 2. Bundesliga. Seine Mutter Birte gewann 1988 mit dem Rudervierer Gold in Seoul.

In Erwartung eines Münchener Aufschlages: Hans Cipowitz, Yann Böhme, Elias Götze

In Erwartung eines Münchener Aufschlages: Hans Cipowitz, Yann Böhme, Elias Götze

Foto: Peter Poser

Falsche Entscheidungen gehören mitunter zum Leben. Auch Yann Böhme musste diese Erfahrung machen, schließlich ist es dem Volleyballer auch schon einmal so ergangen. In der sechsten Klasse traf er eine sportliche Entscheidung, die er im Nachhinein sehr bereut: Er begann mit Fußball. „Alle meine Freunde spielten, ich wollte einfach dabei sein“, sagt der heute 22-Jährige rückblickend, der in Berlin das Licht der Welt erblickte.

Doch nur weil man einmal in seinem Leben die falsche Abfahrt wählt, muss dergleichen noch lange nicht bedeuten, dass man diese gleich einem Stigma sein Lebtag mit sich herumträgt – insbesondere wenn man noch recht jung ist.

Strandurlaub auf Rügen

Ein paar Jahre später, wir schreiben das Jahr 2013, machte Yann Böhme gemeinsam mit seinem Onkel Ralph, seines Zeichens leidenschaftlicher Volleyballer, Urlaub auf Rügen. Am Strand hatte er zum ersten Mal bewusst einen Volleyball in der Hand, spielte ein wenig mit seinem Oheim. „Es hat einfach nur Spaß gemacht“, sagt der Zugang des VC Gotha rückblickend über seinen Schlüsselmoment im Sport. Im folgenden Sommer reiste er erneut mit seinem Onkel gen Rügen, dieses Mal jedoch schon mit einem konkreten Auftrag: Er spielte in der Altherrenmannschaft seines Onkels mit – und zwar als 16-Jähriger.

Bis dato hatte sich Böhme schon in diversen sportlichen Genres ausgetobt. Er betrieb Leichtathletik und war auch im kühlen Nass unterwegs – und war in beiden Metiers recht erfolgreich. „Doch ich wollte immer eine Mannschaftssportart ausüben, irgendetwas mit einem Ball.“

Auch Basketball stand zur Debatte, schließlich ist Böhme ein regelrechter Hüne, misst beeindruckende 2,04 Meter. Doch nach seinem Gastspiel in der Mannschaft seines Onkels auf Rügen hatte er seine Passion gefunden: Volleyball. Damit nicht genug, war es doch auch offenkundig, dass er Talent besaß.

Nach einer Vermittlung von zwei ehemaligen DDR-Nationalspielern begann er erst im Bundesstützpunkt Hohenschönhausen beim VC Olympia zu trainieren, später beim Berliner TSC, einer Institution in Sachen Nachwuchsarbeit. Doch der Novize hatte mit Knieproblemen zu kämpfen, welche ihn zurückwarfen. Unterkriegen ließ er sich von diesen jedoch nicht.

2016 verschlug es Böhme für sein Lehramtsstudium auf Geographie und Sport schließlich nach Jena. Der Berliner, der im Stadtteil Marzahn-Hellersdorf aufwuchs, macht keinen Hehl daraus, dass die Ostthüringer Provinz nicht gerade seine erste Wahl war. Im Gegenteil.

Am liebsten wäre im Dunstkreis der Hauptstadt und seiner Familie geblieben, wollte in Potsdam studieren, liebäugelte aber auch mit Leipzig – doch am Ende wurde es eben Jena. „Ich habe meine Zeit gebraucht, um mich an die verhältnismäßig kleine Stadt zu gewöhnen“, sagt Böhme. Mittlerweile sei ihm die beschauliche Universitätsstadt jedoch ans Herz gewachsen. „Zum Studieren ist es optimal. Im Vergleich zu Berlin gibt es kaum Ablenkung.“

Aufstieg war der Hammer

Doch damit nicht genug, mutierte die Stadt für ihn doch zu einer Art von Sprungbrett. An der Saale schloss er sich dem 1. VSV Jena an, der in jenen Tagen in der Regionalliga spielte. Mit dem Mannen um Coach Christian Schumann gelang ihm 2017/18 der Aufstieg in die 3. Liga. „Das war einfach nur der Hammer. Das war das beste Erlebnis mit der Mannschaft“, resümiert der Diagonalangreifer, der auch darauf verweist, dass er irgendwann wieder in Berlin leben möchte.

Ab der kommenden Saison wird Böhme nun in den Diensten des VC Gotha stehen. Er agiert damit in der 2. Bundesliga. Der Sprung in Sachen Niveau werde wohl enorm sein, orakelt er. Man müsse noch genauer agieren, alles werde schneller ablaufen – und das sei nur der rein spielerische Aspekt. Auch sein Trainingspensum werde sich künftig erhöhen. Von den weiten Wegen im Rahmen der Auswärtspartien ganz zu schweigen. Und dann wäre da ja auch noch sein Studium.

„Das alles unter einen Hut zu bekommen, wird zweifelsohne eine große Herausforderung sein. Ich werde mich wohl komplett neuorganisieren müssen“, sagt Böhme, der glücklich darüber ist, in die semiprofessionellen Sphären vorgestoßen zu sein. Das sei durchaus sein – zumindest temporäres – Ziel gewesen. Der nächste Schritt für ihn laute nun, sich in seinem neuen Team zu etablieren.

Sport in die Wiege gelegt

Böhme will die Herausforderung definitiv annehmen. Er sei ehrgeizig – und Ehrgeiz wurde ihm quasi mit in die Wiege gelegt. Seine Mutter Birte und sein Vater Dirk waren beide Leistungssportler. Ja, die Geschichte von Yann Böhme wäre an dieser Stelle nicht in Gänze erzählt, wenn man nicht auf seine Mutter verweisen würde. Birte Böhme gewann 1988 in Seoul die Goldmedaille mit dem Rudervierer mit Steuermann für die DDR – damals hieß sie aber noch Birte Siech.

Kurz vor den Olympischen Spielen 2004 in Athen, Yann Böhme war sechs Jahre alt, habe er erstmals erahnt, was seine Mutter da einst geleistet habe. „Ein Freund kam damals zum Spielen vorbei und wusste, dass sie eine Medaille bei Olympia gewonnen hatte. Er wollte die Medaille unbedingt sehen. Da dämmerte es mir, was für eine Strahlkraft dergleichen besitzt.“

Auch Vater Dirk war als Kanute aktiv, musste jedoch gesundheitlichen Gründen aufhören. Doch er blieb – wenn auch anders geartet – seinem Sport treu. Der Ingenieur für Holztechnik entwirft heute als Projektleiter am Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) die Kanus für die Nationalmannschaft. „Meine Eltern sind meine Vorbilder. Es ist schier unglaublich, was sie geleistet haben.“

Bei so einem Elternhaus liegt es natürlich nahe, dass sich Böhme in der Vergangenheit auch einmal dem Wassersport widmete. Einen Sommer verbrachte er mit Rudern.

„Das hat durchaus seinen Reiz, doch auf Dauer war es mir einfach zu monoton“, sagt Böhme, der ein ausgesprochenes Faible für Classic Rock, Hard Rock und auch Heavy Metal besitzt und zudem Gitarre und Klavier spielt. Guns n´Roses, Metallica, Van Halen, Iron Maiden oder neuerdings auch die durchgeknallten Jungs von Mötley Crüe haben es ihm angetan. Auf Letztere wurde er dank Netflix aufmerksam, als er den Film „The Dirt“ um Nikki Sixx, Tommy Lee, Mick Mars und Vince Neil sah.

„So ein Dasein als Rockstar ist irgendwo schon faszinierend, unendlich weit weg vom eigenen“, schwärmt Böhme, der natürlich darum weiß, dass sich die Rockstar-Eskapaden kaum mit dem Dasein eines Leistungssportlers vereinbaren lassen. Immerhin wäre Nikki Sixx gleich zweimal aufgrund einer Überdosis Heroin gestorben. Bei zweiten Mal musste der Mötley-Crüe-Bassist reanimiert werden, konnte lediglich mit einer Adrenalin-Injektion direkt in den Brustkorb ins Diesseits zurückgeholt werden. Davon handelt auch der Song „Kickstart My Heart“ von eben Mötley Crüe.

Ach ja, dass sich Yann Böhme den härteren Klängen verschrieben hat, dafür ist ebenfalls sein Onkel verantwortlich. Auf den Reisen mit ihm gen Rügen wurde jener Sound gehört, der nicht selten die Nackenmuskulatur beansprucht. „Volleyball und Gitarrenklänge – das ist mein Onkel Ralph“, sagt Yann Böhme mit vernehmbarem Stolz.