Ein Herz für den Gera-Cup

Unvergessene Momente: Barbara Müller erinnert sich an die internationalen Vier-Länder-Turniere im Volleyball und die innerdeutschen Duelle.

Barbara Müller denkt zurück an den Gera-Cup im Volleyball, bei dem sich in den 1980er Jahren jeweils vier Damen-Nationalmannschaften in Gera und Jena trafen.

Barbara Müller denkt zurück an den Gera-Cup im Volleyball, bei dem sich in den 1980er Jahren jeweils vier Damen-Nationalmannschaften in Gera und Jena trafen.

Foto: Jens Lohse

Gera. Sportpolitisch war es eine kleine Sensation, dass sich die Damen-Volleyball-Nationalmannschaften der DDR und der BRD im Dezember 1987 ausgerechnet in Gera erstmals auf ostdeutschem Boden gegenüberstanden. Lange Zeit stand diese Begegnung im Rahmen des Gera-Cups, eines internationalen Vier-Länder-Turniers in Frage. Erst auf höchster Ebene machten DSB-Präsident Hans Hansen und DTSB-Chef Manfred Ewald den Weg dafür im Sommer desselben Jahres bei persönlichen Gesprächen in Kiel frei. Barbara Müller erinnert sich noch genau.

"Dreimal gab es diese Partien. Sportlich hat immer die DDR gewonnen. Geblieben sind viele Erlebnisse und Begegnungen. Ein besonderes Verhältnis hatten wir zum damaligen BRD-Nationaltrainer Andrzej Niemczyk, der uns immer für die perfekte Ausrichtung, die gute Organisation und das wunderbare Publikum lobte", weiß sie noch. 1988 hatte sie sogar die Gesamtleitung übernommen, als ihr Ehemann Klemens Müller unerwartet schwer erkrankte. Ein Wiedersehen gab es vor ein paar Jahren auch mit der damaligen BRD-Kapitänin Renate Riek bei einem Zweitliga-Spiel in Chemnitz, wo diese mit den Stuttgarterinnen gastierte.

"Unser Herz hing an diesem Turnier. Es war etwas Besonderes. Als Lehrer wurden wir für die Organisation freigestellt. Kollegen haben in dieser Zeit den Unterricht für uns übernommen", so Barbara Müller. Klemens Müller, damaliger BFA-Vorsitzender hatte das Turnier 1984 mit Unterstützung des DSVB-Präsidenten Klaus Helbig ins Leben gerufen, als sich bei der Premiere die DDR im Vergleich mit Frankreich, der CSSR und der Schweiz durchsetzte.

Zwei Jahre späterging es um den Gera-Cup, wenngleich nach kurzfristigen Absagen nur noch zwei DDR-Vertretungen und Frankreich vom eigentlich angedachten Teilnehmerfeld übrigblieben. 1987 zum 750-jährigen Stadtjubiläum Geras startete das Turnier richtig durch. Erstmals war mit Kuba eine der weltbesten Vertretungen zu Gast, die sich gleich am Auftakttag vor 1500 Zuschauern in der ausverkauften alten Panndorfhalle gegen den Gastgeber mit 3:1 behauptete. Die DDR-Mannschaft von Trainer Siegfried Köhler - gerade als Europameister bei der ostdeutschen Sportlerehrung als "Mannschaft des Jahres" ausgezeichnet - hielt sich mit Rang zwei und einem 3:1-Erfolg gegen die BRD schadlos. Fast wäre den westdeutschen Premierengästen am Sonnabend in Jena - Jena war der zweite Austragungsort des Gera-Cup - eine Überraschung gelungen, als man gegen Kuba schon mit 2:0 in Führung lag und sich erst im Tiebreak nach 96 Minuten mit 13:15 geschlagen geben musste.

"Gera lag in diesen Jahren immer am Anfang einer internationalen Turnierserie, die anschließend im holländischen Apeldoorn und in Bremen ihre Fortsetzung fand", erinnert sich Barbara Müller, die dem Turnier 1988 - diesmal mit Kuba, der BRD, den Niederlanden und der DDR - selbst vorstand. Die Bedingungen in der Panndorfhalle waren für eine Veranstaltung auf diesem Niveau recht primitiv. Umkleidekabinen und Duschen waren veraltet. Es gab keine Entspannungsbecken. Selbst eine elektronische Anzeigetafel stand in den Anfangsjahren nicht zur Verfügung. "Jedes Team war einem Geraer Betrieb zugeordnet, der die Betreuung übernahm. Der VEB Elektronik kümmerte sich um die Kubanerinnen, der Handel um die BRD-Nationalmannschaft", weiß sie noch.

Alljährlich wurden in Gera auch die DDR-Volleyballerinnen des Jahres ausgezeichnet. Diese Ehre wurde Ariane Radfan (1986), Maike Arlt (1987), Grit Naumann (1988) und Dörte Techel (1989) zuteil. "Die Kubanerinnen haben wir zum Einkaufen durch die Stadt geführt. Besonders Babysachen waren bei den jungen Damen um Regla Bell und Mireya Luis gefragt", erzählt Barbara Müller.

1988 wurden nach Olympia in Seoul einige verdienstvolle Volleyballerinnen wie Ariane Radfan, Maike Arlt und Monika Beu aus der Nationalmannschaft verabschiedet. Vor dem Gera-Cup 1989 herrschte besondere Aufregung. "Die Grenzen waren offen. Wir wussten nicht, ob sich die Menschen noch für Volleyball interessieren würden. Doch es kam anders. Die Hallen in Gera und Jena waren erneut ausverkauft. Selbst die extra aufgebauten Zusatztribünen waren gefüllt", so Barbara Müller.

Auch die Bedenken der Funktionäre, das Publikum könnte die DDR-Mannschaft gerade im Vergleich mit der BRD ausbuhen, wurden schnell vom Tisch gewischt. Mit einem 3:0 Erfolg nach lediglich 49 Minuten fegten die Ostdeutschen ihre Gäste im Schnelldurchlauf aus der Halle. Einen würdigen Abschluss fand das Turnier in Gera, als der Gastgeber den Kubanerinnen nach leidenschaftlichem Kampf knapp mit 2:3 unterlag.

Ab 1990 spielte die Stadt an der Weißen Elster keine Rolle mehr im Turnierkalender des internationalen Volleyballverbands. Anknüpfend initiierten Klemens Müller und Günter Eck das Gera mix-Breitensportturnier, bei dem sich ab 1991 bis zu 32 Freizeitmannschaften alljährlich am dritten Adventswochenende zum nächsten großen Volleyballevent in der Stadt versammelten.