Ethik-Experte zum Erfurter Dopingskandal: „Verlieren muss erlaubt sein“

Jena  Der Dopingskandal um den Erfurter Sportmediziner Mark Schmidt aus ethischer Sicht betrachtet: Jenaer Wissenschaftler wünscht sich ein Umdenken in der Gesellschaft.

Bei einer Doping-Razzia unter dem Namen „Operation Aderlass“ wird am 27. Februar in Erfurt der Mediziner Mark Schmidt abgeführt.

Bei einer Doping-Razzia unter dem Namen „Operation Aderlass“ wird am 27. Februar in Erfurt der Mediziner Mark Schmidt abgeführt.

Foto: Sascha Fromm

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Die Dimensionen des Dopingskandals, die durch Skilangläufer Joannes Dürr aus Österreich ausgelöst wurden, sind noch nicht absehbar. Allerdings scheint festzustehen, dass der in Untersuchungshaft sitzende Erfurter Arzt Dr. Mark Schmidt in den letzten Jahren ein umfassendes Dopingnetzwerk aufgebaut und geleitet hat. Das wirft zugleich Fragen mit Blick auf den Thüringer Sport auf, auch in ethischer Hinsicht. Wir sprachen über die Problematik mit Dr. Reyk Albrecht, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Ethikzentrums der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Treiben Sie selbst Sport?

Ja, gern sogar, früher noch mehr als heute. Jetzt sind für eine gesunde Bewegung vor allem Radfahren und Laufen übrig geblieben.

Hat Sie der Dopingskandal rund um den Arzt Mark Schmidt überrascht, vielleicht sogar erschüttert?

Schon, denn nach allem, was bisher bekannt ist, scheinen die Handlungen ja seit mehreren Jahren unbemerkt mit viel Energie und großer Reichweite stattgefunden zu haben.

Ist ethisches Handeln im Sport besonders schwierig?

Das kann sein. Der Sport ist immer eng mit ethischen Werten wie Fairness, Wahrhaftigkeit, Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Chancengleichheit verbunden. Der Sport wird ja auch betrieben, um solche Werte zu vermitteln. Das Spannende am Hochleistungssport ist dabei, wie mit der extremen Konkurrenzsituation umgegangen wird. Wie agiert der Einzelne im Wettstreit, wenn er durch den Sport seinen Lebensunterhalt verdient, wie verkraftet er Niederlagen, wie widersteht er Versuchungssituationen?

Welche Argumente gibt es aus ethischer Sicht gegen das Doping?

Mehrere. Wenn man Doping so definiert, dass es die Einnahme verbotener Substanzen oder die Anwendung verbotener Methoden ist, dann ist dies Betrug, ein Regelbruch, ein Verstoß gegen die Fairness.

Und der gesundheitliche Aspekt spielt eine wichtige Rolle. Darf ich meine Gesundheit mit Doping gefährden? Aber fast noch entscheidender ist, inwieweit ich meinen Konkurrenten dazu zwinge, seine Gesundheit in Gefahr zu bringen, um chancengleich zu sein.

Und natürlich spricht auch die Schutzpflicht für Kinder und Jugendliche, die Vorbildfunktion, gegen Doping.

Sprechen eventuell auch Argumente dafür? Vielleicht sogar für eine Freigabe des Dopings?

Die Frage treibt ja jeden Sportler, wie kann ich mich verbessern? Angenommen mal, manche dopen hierfür in einem Wettbewerb, andere nicht, dann könnte Doping ja sogar eine Art Chancengleichheit herstellen. Ein Verbot hat ja bisher nicht dazu geführt, dass nicht gedopt wird. Auch die Verschärfung der Kontrollen, die Erhöhung der Strafen nicht. Insofern verlaufen viele Wettkämpfe im Dunkeln, weil immer die Frage steht, ob alle sauber sind. Bei einer Freigabe, ohne, dass ich dafür plädiere, wäre das anders.

Aber ich sehe diese Möglichkeit sehr kritisch. Denn, wo soll dann die Linie gezogen werden, welche Mittel sollten eventuell freigegeben werden, in welchen Sportarten, wie könnten Kinder und Jugendliche geschützt werden ... und, und, und.

Ich wünsche mir aber sehr, dass gerade im Sport, egal, ob in der Freizeit oder professionell betrieben, der Ehrliche nicht der Dumme sein darf.

Sind überführte Sportler Opfer oder Täter, haben Sie einen schlechten Charakter, fehlt ihnen der moralische Kompass?

Sie sind zunächst mal Täter, klar. Im aktuellen Fall sehe ich sie aber auch als Opfer, als ein Opfer der Umstände, weil sie zum Beispiel durch Ärzte verführt worden.

Also verführt das aktuelle System des Leistungssports zum Betrug?

Es geht hier ja immer auch darum, welche Werte gestärkt und vermittelt werden, ob eine reine Orientierung auf Erfolg basiert. Oder können Sportler auch sagen, nein, ich ordne diesem nicht alles unter. Holen sie sich ihr Selbstwertgefühl nicht vom Medaillenglanz, sondern gewinnen sie das aus innerer Stärke? Und bekommen sie auch im Fall von Niederlagen den Rücken gestärkt von Personen aus ihrem Umfeld? Aus der Familie, von Verbänden und Trainern. Es gibt viele Fallen, zumal es häufig wirklich um Existenzen geht.

Fördert die Gesellschaft den Betrug, den Doping-Missbrauch?

Die Frage ist doch, welche Werte wir fördern, auf welche wir achten. Interessieren uns nur Titel oder Medaillen oder fasziniert uns der Sport als solcher?

Dabei sind wir auch als Konsumenten, als Zuschauer, in der Pflicht. Interessiert uns am Fernseher, wie die Leistung entstanden ist, oder sind wir letztlich nur am Ergebnis interessiert, dabei nur glücklich und zufrieden, wenn derjenige der Beste ist, mit dem wir mitgefiebert haben?

Ist Doping im System des Spitzensports also angelegt?

Derzeit könnte man den Eindruck gewinnen, das eine starke Fokussierung auf den Erfolg zum Spitzensport gehört und es nicht als ehrenwert angesehen wird, ein Verlierer zu sein. Dabei gehört das Verlieren gerade im Sport dazu. Aber das Spielerische verschwindet in manchen Bereichen immer mehr bis hin zur Unkenntlichkeit. Der Sport wird todernst, es wird verleugnet, dass es Grenzen gibt und neben der Leistung auch andere Werte zum Sport gehören. Dann wird der Leistungssport gefährlich, weil zugleich das komplette Bild eines Sportlers fehlt, für ihn und sein Umfeld nur ein Maßstab Gültigkeit hat: unbedingt der Beste zu sein.

Notfalls mit unerlaubten Mitteln eines Arztes.

Das ist auf das Schärfste zu verurteilen, denn ein Arzt ist dem Wohl des Patienten in der Tradition des hippokratischen Eids verpflichtet. Oft kommt ja noch hinzu, dass allein materielle Interessen für die ärztliche Behandlung ausschlaggebend sind – was für ein Ethos!

Mit einer Betrugsmentalität bis der Staatsanwalt kommt.

Solche Fälle sind überaus bedauerlich, allerdings ist das ja nicht auf die Medizin allein zu reduzieren, das betrifft fast alle Bereiche der Gesellschaft, beispielsweise auch die Wirtschaft oder die Wissenschaft. Letztlich ist es doch so, auch wenn das jetzt vereinfacht klingt, Mediziner sind ebenfalls nur Menschen, welche vielfältiger Versuchung erliegen können.

Wie sollten Verbände, Stützpunkte und Vereine aufgestellt sein, um Doping zu verhindern? Ist es für die Glaubwürdigkeit schädlich, dass der Hauptgeschäftsführer des Thüringer Landessportbundes eine Doping-Vergangenheit hat und mit ihm auch noch der eine oder andere im einstigen Führungskreis?

Für mich ist in erster Linie entscheidend, wie jetzt die Haltung ist und wie die Handlungen aussehen. Und ob diejenigen entsprechende Lehren aus der Vergangenheit gezogen haben, ob sie diese ausreichend aufgearbeitet haben und ob sie wichtige Impulse für die Gegenwart liefern können,

Dafür muss aber eine Bereitschaft vorliegen, im Anti-Doping-Kampf vorwegzumarschieren. Hier ist Thüringen besonders gefordert.

Hätte es dort wegen der bekannten Doping-Gefahr eine andere Struktur bei den Verantwortlichkeiten geben müssen?

Das vermag ich nicht zu beurteilen. Jeder kann zunächst nur für sich selbst sagen, ob er ehrlich war und ist und auch ernsthaft gegen Doping vorgeht.

Sehen Sie Thüringen als besonders gefährdet und anfällig für Dopingstrukturen?

Auch das kann ich nicht einschätzen. Es ist aber schon alarmierend, wenn so ein Netzwerk wie das in Erfurt auffliegt.

Wie kann man den Doping-Sumpf trocken legen?

Entscheidend ist, für was wir als Gesellschaft unsere Wertschätzung zeigen. Auch in Form von finanzieller Unterstützung. Leider ist hier oftmals Erfolg in Form von Medaillen das zentrale und fast schon einzige Kriterium. Wobei wir als Zuschauer da auch gefordert sind. Wenn wir uns fragwürdige Übertragungen im Fernsehen nicht anschauen, dann fließen irgendwann auch keine Gelder.

Schauen Sie sich Olympische spiele und Weltmeisterschaften an?

Viele Sportarten interessieren mich, aber meine Unschuldsvermutung betreffs Doping ist beim Zuschauen gestört, manchmal gar nicht mehr vorhanden. Andererseits schaue ich Sport, weil mich der Wettkampf, die Duelle faszinieren. Doch für mich muss ein Deutscher nicht ganz oben auf dem Treppchen stehen. Ich kann mich auch an einer Darts-WM begeistern, ohne deutsche Beteiligung.

Hat der aktuelle Fall auch etwas Gutes?

Gut ist, dass das Netzwerk aufgeflogen ist, dass Hintermänner enttarnt werden. Aber, ob dass das Doping begrenzt oder sogar stoppt, bezweifle ich.

Würden Sie Ihrer zehnjährigen Tochter zum Hochleistungssport raten?

Oh, was für eine schwierige Frage.

Eher nicht. Vor allem, weil ich glaube, dass der Preis für Hochleistungssport sehr hoch sein kann. Auch, was den Verschleiß des Körpers betrifft.

Also gar nicht wegen der Doping-Gefahr?

Wissen Sie, ich würde meiner Tochter immer deutlich machen, dass meine Wertschätzung für sie nicht davon abhängt, ob sie sportlichen Erfolg hat.

Wenn eine ganze Gesellschaft so denkt, wäre viel geschafft. Ist es nicht schön, wenn wir sagen können: wir lieben den Sport, nicht die Medaillen?

Dossier: Alles über den Doping-Skandal um den Erfurter Sportmediziner Mark Schmidt

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