Doktorarbeit über Schattenseiten im Thüringer DDR-Fußball

Der Historiker Michael Kummer schrieb seine Doktorarbeit über die großen Thüringer Fußball-Klubs zu DDR-Zeiten. Mit dem Erfurter sprach Thomas Fritz über Privilegien, Handgelder und Doping bei Rot-Weiß und Carl Zeiss.

Rüdiger Schnuphase wurde 1976 auf Beschluss des Verbandes nach Jena delegiert, um seine Karriere in der Nationalelf nicht zu gefährden. Archivfoto: Manfred Fromm

Foto: zgt

Sie haben in ihrer Doktorarbeit die Bedingungen von Carl Zeiss Jena und Rot-Weiß Erfurt in der DDR untersucht. Mit welchem Ergebnis?

Im Gegensatz zur verbreiteten Annahme über das DDR-Fußballsystem war nicht die Stellung des SC Motor Jena bzw. FC Carl Zeiss Jena als "Schwerpunktklub", also die besondere Förderung durch DTSB und DFV maßgeblich für die lange Vormachtstellung in Thüringen.

Sondern?

Viel entscheidender war die größere wirtschaftliche Potenz des Trägerbetriebes VEB Carl Zeiss. Erfurt hatte mit seinen Trägerbetrieben Reparaturwerk Clara Zetkin und später Optima entscheidende Nachteile. Dort konnten deutlich weniger finanzielle, materielle und soziale Mittel für den Fußball investiert werden. Nach den Erfurter Meisterschaften 1954 und 1955 übernahm Jena vor allem deshalb Ende der 50er-Jahre die sportliche Vorherrschaft. Auch, weil das bisher in Erfurt stark fördernde private Unternehmertum zurückgedrängt wurde und somit Leistungsträger nicht gehalten werden konnten.

Wofür wurden diese Möglichkeiten in Jena genutzt?

In erster Linie zur Zahlung von eigentlich nicht erlaubten und zumeist willkürlich festgelegten Prämien an Spieler und Trainer. Bei konspirativ ablaufenden Treffen erhielten die Spieler das Geld bar auf die Hand. Schrittweise wurde ab Ende der 50er-Jahre in Jena ein Fürsorgesystem für Spieler und die wichtigsten Funktionäre geschaffen. Seit Beginn der 60er-Jahre war es zudem üblich, interessante Spieler illegal mit finanziellen, materiellen und sozialen Versprechungen nach Jena zu locken bzw. beim Club zu halten.

Womit genau?

Sie erhielten bei Wechseln hohe Handgelder und kamen mitunter schneller an Autos, Wohnungen, Häuser oder Studienplätze. Wichtige Leistungsträger der Erfurter wurden so abgeworben, was immer wieder für Unmut sorgte. Spätestens mit dem Wechsel Lutz Lindemanns im Jahre 1977 gab es dagegen heftige Fan-Proteste. Finanzielle Privilegien spielten dabei keine unerhebliche Rolle.

Geld war also auch im Fußball ein bestimmender Faktor?

Absolut, das war teilweise sehr kapitalistisch. Bereits in den frühen 60er-Jahren etablierte sich in Jena ein Profitum, in Erfurt erst Jahre später und auf deutlich niedrigerem Niveau. Dabei wurde der Öffentlichkeit vorgegaukelt, die Spieler würden halbtags arbeiten, um den Schein des Amateurs zu wahren.

Hat sich ein so allumfassendes Fürsorgesystem wie in Jena später auch in Erfurt etabliert?

Ja. Aber erst 1980, als Karl-Heinz Friedrich, vormals Cheftrainer der Leichtathletik-Sektion des SC Motor Jena, Clubvorsitzender des FC Rot-Weiß wurde. Er war vom neuen 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung, Gerhard Müller, einem glühenden Fußball-Anhänger, angehalten worden, ein allumfassendes Fürsorgesystem nach Jenaer Vorbild zu etablieren. Auch deswegen gelang es in den 80er-Jahren überhaupt Jürgen Heun, dem ein Angebot aus Jena vorlag, in Erfurt zu halten.

Friedrich kam von Motor Jena, wo organisiertes Doping mittlerweile nachgewiesen wurde. Welche Rolle spielte Doping im DDR-Fußball?

Auch hier nahm Jena in Thüringen eine Vorreiterrolle ein. Jenaer Spieler kamen bei der Nationalmannschaft erstmals Ende der 60er-Jahre mit dem Muskelaufbau-Präparat Oral-Turi- nabol in Berührung und brachten dieses Wissen nach Jena mit. Durch den dort ansässigen VEB Jenapharm besaß der FC Carl Zeiss, wenn man so will, einen Standortvorteil. Erfurt zog erst Ende der 70er-Jahre nach. Zunächst noch unsystematisch, dann ab Anfang der 80er-Jahre aber umso gezielter.

Es wurde also nicht systematisch gedopt?

Dafür habe ich keine eindeutigen Belege gefunden. Aber dass bei beiden Clubs gedopt wurde, haben mir zahlreiche ehemalige Spieler und Funktionäre anonym bestätigt. Überraschend war, dass ich zumeist gar nicht gezielt danach gefragt habe, aber sie nach Ausschalten des Aufnahmegeräts von sich aus begannen, darüber zu erzählen.

Wer wusste davon?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit der Arzt des Sportmedizinischen Dienstes, vermutlich wohl auch der zuständige Trainer der Oberligamannschaft.

War das Doping staatlich angeordnet?

Da muss man unterscheiden. Für den internationalen Einsatz von Fußballern in den Nationalmannschaften der DDR oder im Europapokal kann man von einer staatlichen Lenkung ausgehen. Anders war es in der Oberliga. Hier sollte wohl nicht gedopt werden, aber daran hielt man sich nicht, zuerst beim FC Carl Zeiss, später dann auch beim FC Rot-Weiß.

Wie haben die beiden Vereine auf die Ergebnisse Ihrer Recherchen reagiert?

Trotz meines Angebots einer gemeinsamen Präsentation der Ergebnisse - dabei spielt das Thema Doping nur eine untergeordnete Rolle - waren beide Clubs bisher leider nicht an einer Zusammenarbeit interessiert.

Im November präsentieren Sie ausgerechnet in Jena Ihre Ergebnisse der Öffentlichkeit. Was erwarten Sie dort?

Zunächst einmal trete ich dort als Wissenschaftler auf, habe gute Argumente und eine hervorragende Quellenbasis für meine historischen Bewertungen. Aber natürlich rechne ich auch mit Widerspruch, meine Erkenntnisse dürften nicht allen Jenaer Anhängern gefallen, weil der Erfolg des FC Carl Zeiss ein Stück weit relativiert wird.

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