Halbzeit: Abgucken erlaubt

Marco Alles über „Bumsi“, „Flocke“ und Oberhofer Spione in Antholz.

Marco Alles

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Foto: Sascha Fromm

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Bumsi hat überlebt. Vor 13 Jahren, als die Biathleten ihre Weltmeister zuletzt in Antholz gekürt hatten, war das putzige Kerlchen zum Problem-Bären erklärt worden. Inklusiver verbaler Hetzjagd. Sittenwächter fanden den Namen primitiv, anstößig oder gar schlüpfrig – und gaben das WM-Maskottchen zum Abschuss frei. Doch Antholzer lieben ihre Traditionen und retteten ihren „Bumsi“.

Bei den aktuellen Titelkämpfen grüßt er, prall mit Luft gefüllt, vom Funktionsgebäude. Oder er tollt in dreifacher Ausfertigung durch das Stadion, animiert die Zuschauer zum Klatschen, hüpft vor Begeisterung, wenn die Schüsse im Ziel landen, und steht als Fotomotiv bereit. Die Fans haben „Bumsi“ ins Herz geschlossen. Als Plüschtier gehört er zu den Verkaufshits an den bunten Ständen.

Der Name, das versichern übrigens die Einheimischen glaubhaft, rührt nicht etwa von der historischen Begegnung eines Skijägers mit einem brünstigen Braunbären her. „Bumsi“ entstammt vielmehr dem Geräusch, das beim Schießen entsteht: „Bum-Bum“. Und bei der WM 1995 hatte es beispielsweise noch niemanden gestört.

Da hat „Flocke“ mehr Glück. Sein Name taugt nicht zu Zweideutigkeiten. Und so war schnell klar, dass der niedliche Schneemann auch zur WM 2023 als Maskottchen durch die Oberhofer Arena tanzt. Um einerseits für Stimmung zu sorgen, und andererseits den Wettergott zu animieren, viele Flocken vom Himmel zu schicken. Denn eine Winterlandschaft aus Naturschnee ist so ziemlich das Einzige, das die Crew um Silvio Eschrich nicht herzaubern kann.

Der Oberhofer Cheforganisator ist während der Titelkämpfe mit seinem Team auf „Spionagetour“ in Antholz, schaut hinter die Kulissen, nimmt an Führungen und Besprechungen teil – und guckt sich natürlich das eine oder andere ab. „Wir sind zwar im ständigen Austausch mit den Kollegen in Ruhpolding, Hochfilzen und auch Antholz. Doch vor Ort kriegt man noch deutlich mehr mit“, sagt Eschrich. In wechselnden Besetzungen begutachten seine Mitstreiter und er sämtliche Bereiche – von der Logistik bis hin zu Verpflegung und Medienanforderungen.

Am meisten zeigt sich Eschrich beeindruckt von der Infrastruktur in der Südtirol Arena, die mittlerweile zu den modernsten Biathlon-Stadien der Welt gehört: „Hier ist nur eine begrenzte Fläche zum Bauen; deshalb haben sie vieles unterirdisch gelöst. Das Tunnelsystem mit den ganzen Räumlichkeiten und kurzen Wegen ist klasse“, sagt er und freut sich außerdem, „dass man hier alles mit der Natur in Einklang gebracht hat“.

Rund 15 Millionen ließen sich die Südtiroler die Modernisierung ihres Schmuckstückes kosten und brachten es auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2026 auf den neuesten Stand. Ein Parkdeck für die Teams und Fernsehstationen mit darunterliegenden Wachsbereichen ist entstanden. Das Medienzentrum, das den Namen des Antholzer Biathlon-Pioniers Paul Zingerle trägt, wurde erweitert und bietet nun Platz für 300 Journalisten. Die gewaltige Tribünen-Wand wurde erweitert und fasst jetzt 15.000 Besucher. Am Sonntag fand sich keine Lücke mehr; es herrschte eine pulsierende Atmosphäre wie in einem Fußballstadion.

Mit einer solchen räumlichen Nähe kann Oberhof nicht aufwarten. Ohnehin sei es schwierig, Dinge eins zu eins umzusetzen, weil die Bedingungen überall verschieden sind, meint Eschrich. Doch das kostenlose Shuttle-System sowie die Ausstattung und Bewirtung in dem riesigen Besucherzelt hat er genau unter die Lupe genommen. „Es gibt immer etwas zu lernen und Neues zu erfahren“, sagt er. So bestätigte sich bei den Sportlern der Trend hin zu Einzelzimmern, was die Beschaffung der Quartiere im vorgeschriebenen Radius von maximal 30 Minuten bis zum Wettkampfort nicht einfacher macht. Auch wenn noch drei Jahre ins Land gehen, bis die WM-Titel am Rennsteig vergeben werden: Die ersten Betten sind reserviert.

Für die Athleten, ihre Trainer, Betreuer und Skitechniker. Nicht etwa für ausgebüxte Problem-Bären. „Bumsi“ ist nämlich heimatverbunden. Er schläft am liebsten daheim und – um allen Spekulationen gleich vorzubeugen: allein.

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