Halbzeit: Auch „Sportplätze“ können reizvoll sein

Thomas Rudolph über Unterschiede zwischen 3. und 4. Fußballliga.

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René Eckardt, Kapitän des FC Carl Zeiss Jena, hat einen frommen Wunsch. Er will unbedingt in der 3. Liga bleiben. Das ist sportlich und finanziell verständlich, ist die dritthöchste Klasse Deutschlands auch die unterste offizielle Profiliga. Das Jenaer Eigengewächs unternimmt alles, um einen Abstieg zu verhindern. Auch dank seines 1:0 gegen Wiesbaden und dem damit eingeleiteten 3:1-Erfolg können die Saalestädter noch vom Klassenerhalt träumen.

Doch Eckardt graut sich nicht nur vor einem möglichen Abstieg, sondern auch die Aussicht, dann statt in neuen Arenen auf einfachen Sportanlagen spielen zu müssen. Ob er damit auch die Stätte des FSV Wacker Nordhausen meinte? Immerhin sah er bei der 0:2-Niederlage im Thüringenpokal schon einmal, was ihm und seinen Jenaern blüht, sollte man Ende der Saison unter dem Strich stehen.

Der 29-Jährige weiß, wovon er spricht und ist ein gebranntes Kind. Mehrere Spielzeiten dümpelte er mit dem FCC durch die Niederungen des NOFV-Gebiets, ehe 2016/17 der Aufstieg in die 3. Liga gelang.

Des einen Glück – Jena hielt in der Vorsaison souverän die Klasse – war des anderen Pech. Durch die Insolvenz und sportliche Misere stieg der FC Rot-Weiß als letztes Gründungsmitglied der 3. Liga in die Regionalliga Nordost ab. Doch nicht nur Verantwortliche, Spieler und Fans fragten sich, was die neue Spielklasse mit sich bringen würde. Auch in unserer Redaktion wurde spannungsvoll vorausgeblickt, was denn die Saison 2018/19 für Umstellungen erfordert.

Den Aussagen der über viele Jahre „leidgeprüften“ Ostthüringer Kollegen hielt ich entgegen, mich über die neuen „Sportplätze“ zu freuen. Und das war sogar ehrlich gemeint. Denn wer in zehn Jahren dritter Liga mehrfach in Sandhausen, auf dem Bremer Platz 11 oder selbst im ehrwürdigen Osnabrücker Stadion „Bremer Brücke“ weilte, der schreckt auch vor Namen wie Rathenow, Bautzen oder Auerbach nicht zurück.

Warum auch? Eines wurde in der neuen Spielzeit schnell deutlich: Hier herrscht noch eine selbst in der 3. Liga mitunter verloren gegangene Gemütlich- und Ehrlichkeit, die einen immer wieder daran erinnert, woher der Fußball eigentlich kommt und für wen er gemacht ist. Hier kostet ein Ticket für die Fans keine zig Euro, wird das Spiel nicht zu einer Show-Veranstaltung hochgepusht, gibt es keine Lachs-Häppchen an Dill im VIP-Raum.

Gut, es muss nicht gleich so minimalistisch wie in Bautzen sein, als sich die Journalisten samt des Rot-Weiß-TV-Teams in einer Umkleide bei Temperaturen um den Gefrierpunkt eine Kanne Kaffee teilten. Doch ansonsten gibt es eigentlich wenig Anlass zur Kritik. Irgendwie hat man immer eine Bratwurst oder ein Brätel in der Hand, besitzt eine gute Sicht aufs Feld und kann sich nach Spielende recht frei bewegen, um mit den Spielern ins Gespräch zu kommen.

Oder hat wie in Auerbach zuletzt sogar das „Glück“, neben einer Schalmeien-Band zu stehen, die über 45 Minuten musikalisch alles gibt und zusammen mit den Anhängern für bessere Stimmung sorgt, als man es sich mitunter in einer Arena vorstellt.

Apropos neue Arena: Diese findet man in der Regionalliga dann doch eher selten. Während sich die Vereine in den oberen Ligen ständig modernisieren, umgibt einen in der 4. Liga immer ein wenig der Muff der (ostdeutschen) Geschichte, des Gestrigen – und das rund 30 Jahre nach dem Mauerfall. Schlimm finde ich das nicht, eher skurril. Der erstmalige Besuch des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks am 1. Spieltag war von gemischten Gedanken umgeben. Das ist also die Spielstätte, in der zu DDR-Zeiten die Obersten saßen und ihrem Vorzeigeclub zujubelten. Wo sich vor Tausenden Zuschauern zwei Mannschaften auf internationalem Niveau begegneten. Oder wo mitunter so lange gespielt wurde, bis noch ein Tor für den BFC Dynamo fiel, wie mir viele ältere Leute immer wieder sagten.

Gar an noch ältere Zeiten fühlte man sich beim Besuch der Lok aus Leipzig erinnert. Knisternde, farblich abblätternde Holzplanken sorgten auf der Tribüne zwar für ein uriges Gefühl. Fanfreundlich oder gar modern ist dieses Relikt aus dem Jahr 1932 aber nicht. Inwieweit sich daran etwas ändert? Nun ja, wie man so liest, soll das Bruno-Blache-Stadion in den nächsten Jahren für 25 Millionen Euro komplett umgebaut werden. Ein überfälliger Schritt, den die Erfurter Fans wahrscheinlich miterleben dürfen. Denn dass sich die beiden Clubs noch in den nächsten Spielzeiten gegenüber stehen, ist nicht unrealistisch.

Nur einer wird alles dafür tun, den Umbau nicht live erleben zu müssen: René Eckardt. Es liegt zwar nicht nur, aber auch an ihm, diesen Schritt zu verhindern. So auch am Sonntag in Unterhaching, wo das Gelände samt Stimmung übrigens eher an die Regionaliga erinnert.

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