Halbzeit: Die Mutter gibt das Tempo vor

Axel Lukacsek
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Axel Lukacsek

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Foto: Peter Michaelis

Axel Lukacsek über den schmalen Grat des Profiradsports zwischen Triumph und Tragödie.

Jens Voigt formulierte es drastisch – und anschaulich. „Was für ein Glück, dass er wieder laufen, sich ein Brot schmieren, duschen und Zähne putzen kann“, sagte der deutsche Ex-Radprofi bei Eurosport über Egan Bernal. Eigentlich wollte der Kolumbianer gerade beim Giro d’Italia um den Sieg mitfahren. Jetzt ist er froh, das moderate Tempo seiner Trainingspartnerin zu halten – der eigenen Mutter. In wohl kaum einem anderen sportlichen Terrain hängt das Wohl und Wehe des Athleten oder der Athletin so sehr am seidenen Faden wie im Profiradsport. Egan Bernal gewann vor einem Jahr den berühmten Giro d’Italia mit fast anderthalb Minuten Vorsprung. Aber ein schrecklicher Unfall riss ihn in seiner Heimat am 24. Januar fast in den Abgrund, als er beim Training mit seinem Zeitfahrrad mit hohem Tempo in einen an einer Haltestelle stehenden Bus krachte.

Die niederschmetternde Diagnose war das reinste Horrorszenario. Beim Crash erlitt er fast 20 Knochenbrüche, unter anderem elf Rippen, zwei Wirbel, ein Oberschenkel und eine Kniescheibe waren lädiert. Außerdem wurden beide Lungenflügel perforiert. Um ein Haar wäre er im Rollstuhl gelandet.

Als der Radprofi zunächst auf der Intensivstation lag, bangte ganz Kolumbien um das Leben seines Stars.

Mit seinen 1,75 Meter und 60 Kilogramm sieht er eher aus wie ein schmächtiger Junge. Dabei ist Bernal ein großer Kämpfer. Nur 24 Tage nach seinem Unfall trat er wieder in die Pedale. Auf seinem Heimtrainer – wie auf einem Liegefahrrad platziert – sendete er via Instagram Grüße an die Radsportfans: „Lass dir nie von jemandem sagen, dass du etwas nicht kannst.“

Wie zur Bestätigung erklärte sein Arzt Gustavo Uriza im April in einer Videokonferenz der Nationalen Akademie der Medizin in Kolumbien, dass alle Brüche gut verheilt sind und Bernal in einem Monat wieder an Wettkämpfen teilnehmen könne. Das wäre Ende Mai. Vielleicht ist Bernal ja ohnehin zum Kämpfen geboren. Aufgewachsen in einem Armenviertel in Zipaquirá bei Bogota, schaffte er es zum Volkshelden von Kolumbien – und 2019 sogar zum Triumph bei der Tour de France.

Die Liste der schwer gestürzten Radprofis füllt sich auch in diesem Jahr. Der Niederländer Milan Vader stürzte bei der Baskenland-Rundfahrt, schwebte in Lebensgefahr und musste notoperiert werden. Weltmeister Julian Alaphilippe erwischte es Ende April beim Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich. Der Franzose zog sich einen Schulterblattbruch, zwei Rippenbrüche und eine Lungenverletzung zu. Als wäre all das nicht der Rede wert, verkündete der Quick-Step-Profi, dass er die Hoffnungen auf einen Start bei der Tour de France – Auftakt am 1. Juli in Kopenhagen – längst nicht aufgegeben hat.

Auch Trixi Worrack kennt die Härten des Radsports. Die 40-Jährige, die inzwischen als Trainerin für den Thüringer Landesverband arbeitet, stürzte im März 2016 bei einem Rennen in Italien schwer. Sogar eine Niere musste entfernt werden. Ein paar Wochen später saß sie wieder im Sattel und wurde 2018 mit ihrer damaligen Mannschaft Canyon Sram bei der Straßenrad-WM in Innsbruck sogar noch einmal Teamweltmeisterin.

Dass solch ein Sturz aber auch die Abkehr von der Erfolgsspur bedeuten kann, musste Chris Froome erleben. 2019 wurde er beim Training von einer Windböe erfasst und krachte in eine Hauswand, als er sich gerade die Nase putzen wollte. Er brach sich unter anderem die Hüfte. Doch an alte Erfolge konnte der vierfache Tour-Triumphator nicht mehr anknüpfen.

Und Egan Bernal? Noch in diesem Monat will er zum Training nach Europa kommen. Ein genaues Datum für sein Comeback kann er nicht nennen. Jens Voigt derweil traut ihm zu, noch in diesem Jahr die Vuelta zu fahren. Er selbst träume zwar von einem baldigen Comeback, sagte Bernal vor wenigen Tagen bei einer Pressekonferenz. Aber ein genaues Datum zu nennen, sei unverantwortlich.

Ohnehin braucht er sich keinen Druck zu machen. Seinen größten Sieg hat er schon ohne einen einzigen Rennkilometer in den Beinen errungen: „Das war im Krankenhaus, als ich mich aus dem Krankenbett wieder aufrichten konnte.“ Es war wie eine Wiedergeburt.