Marcel Reif: „Ich mache nichts mehr, was meinen Lustkriterien widerspricht“

Gotha  Fernsehkommentator Marcel Reif über Fußball, Fans und Feindbilder und eine bewegende Begegnung mit Berthold Beitz.

Fußballkommentator Marcel Reif im Kennedy-Zimmer des Hotels „Der Lindenhof“ in Gotha

Fußballkommentator Marcel Reif im Kennedy-Zimmer des Hotels „Der Lindenhof“ in Gotha

Foto: Michael Keller

1985 hat er sein erstes Livespiel kommentiert. Deutschland gegen Jugoslawien. 30 Jahre lang war er danach die Stimme des Fußballs und erfand Sätze wie diesen: Wenn Sie das Spiel atemberaubend finden, haben Sie es an den Bronchien. Seine Maxime: Ein guter Kommentator muss einen Mehrwert schaffen. Ohne das Maul aufzureißen. Und er muss sein Handwerk beherrschen. Heute lebt Marcel Reif (67) in Zürich, hat seinen deutschen Pass abgegeben und seit vergangenem Jahr auch das Mikrofon beim Fußballsender Sky. In Gotha und Thüringen war er jetzt zum ersten Mal.

Herr Reif, Sie sitzen in Gotha und in München wird Fußball gespielt. Was ist das für ein Gefühl, nicht am Mikrofon zu sein?

Dass ich nicht mehr im Stadion kommentiere, habe ich lange genug überdacht und für mich so entschieden. Normalerweise würde ich mir das Spiel im Fernsehen anschauen, und genau da gehört es für mich hin. Die spielen im Übrigen auch, wenn ich nicht da bin. Eine bittere Erkenntnis, mit der ich leben muss.

Ihnen haftet der Ruf an, ein heimlicher Bayern-Fan zu sein.

Aber nicht in München, das kann ich Ihnen versichern. Solange man in Dortmund gesagt hat, ich sei Bayern-Fan und in München, ich sei Bayern-Hasser, kann ich nicht alles falsch gemacht haben.

Was sagen Sie eigentlich zu Leipzig?

Super! Das ist altes deutsches Fußballland und war Diaspora über gefühlte Jahrzehnte. Und dann kommt da einer mit viel Geld, setzt das Geld vernünftig ein, holt sich Leute, die es können und überholt andere, die das Geld nicht haben.

Manche beklagen die fehlende Tradition.

Für Tradition kann ich mir erst mal gar nichts kaufen. Ich verstehe, dass man in Freiburg und Mainz sagt, wir mussten Jahre lang guten Fußball spielen, um dahin zu kommen, wo wir heute sind. Und dort geht‘s schneller, weil sie mit viel Geld tolle Spieler kaufen. Doch ich kann Leipzig keinen Vorwurf machen, dass sie in der freien Marktwirtschaft alle Möglichkeiten nutzen.

Hätte Mateschitz statt nur in Leipzig gleich mehrere Leistungszentren als Gegengewicht zum Westen aufbauen sollen?

Da verlangen Sie von ihm zu viel. Natürlich ist das Ungleichgewicht da. Vielleicht bekommt man aber durch Leipzig für potenzielle Investoren eine andere Sicht auf den Osten. Die Bude ist voll, die Leute benehmen sich, sie kommen mit Schal ins Stadion und nicht mit Knüppeln. „Fans“ wie in Dresden, die die Dinge kurz und klein hauen, sind nicht sexy für einen Investor.

Das Geschrei wegen Leipzig kommt vor allem von den Fans. Sie haben mal gesagt: Fans sind dumm und blind.

Moment, dann müssen Sie den zweiten Teil des Satzes auch sagen. Und der heißt: weil sie es sein wollen und weil sie es sein müssen. Wenn ich Fan von ei-nem Klub bin, kann ich nicht die Dinge objektiv sehen. Der Fan darf alles. Er darf schimpfen, blind sein und schreien „niemals Elfmeter!“, obwohl Du sagst, Mensch, schau doch nur mal hin.

Sie verstehen die Schmerzen der Fans?

Wenn Dortmund Dembele für 150 Millionen verkauft, spüren die Fans, dass sie abgehängt werden. Familienersatz, Religionsersatz – alles, was dir der Klub mal geben sollte, ist vorbei. Das ist an vielen Stellen nicht mehr ihr Fußball. Und an Leipzig ar-beiten sie sich stellvertretend ab.

Echte Liebe heißt es aber noch bei den BVB-Fans im Revier ?

Das hat mit echter Liebe nichts zu tun. Irgendwann wandelt der Klub deren Stehplätze in Sitzplätze um, weil er dann das Dreifache verdient.

222 Millionen für Neymar – ist da eine Grenze überschritten?

Da ist eine Schallmauer gefallen, ja. Was mir am meisten wehtut: ich kann mich nicht mal moralisch entrüsten. Da ist keinem Kind die Milch genommen worden, niemand kriegt weniger zu essen. Die machen es, weil sie es können. Die Spieler zirkulieren, das Geld zirkuliert. Innerhalb von vielleicht acht Top-Klubs. Das ist eine Europaliga für sich.

Gehören die Bayern dazu?

Heynckes gibt ihnen bis zum Sommer Zeit, sich darüber klar zu werden, ob sie das wollen. Wenn Hoeneß sagt, das machen wir nicht mit, wird Bayern niemals da mitspielen können, wo Geld und Top-Spieler kreisen.

Wird der Fußball so nicht ausrechenbar und langweilig?

Falsch. Fußball wird im Moment mit einer Qualität gespielt, wie nie zuvor. Wenn Sie sagen, er ist ausrechenbar, ja. Die Meisterschaften in den großen Ligen sind erledigt. Bis auf England. Wenn die Saison losgeht, ist Bayern München deutscher Meister. Aber der Titel ist sowieso nur noch was für den Briefkopf.

Worum geht es dann?

Es geht um Platz eins bis vier. Wer für die Champions League qualifiziert ist, der hat 50 Millionen sicher. Der Fünfte kriegt die nicht. Wenn man mit dem Geld die eine oder andere Schwachstelle repariert, ist man im nächsten Jahr wieder unter den ersten Vier. Dann bist Du schon 100 Millionen vor dem Fünften.

Aber Bayern wird Meister?

Wie soll es anders gehen? Dortmund hat nicht die Breite im Kader und spielt eine merkwürdige Taktik. Leipzig macht einen Superjob, spielt aber erstmals Champions League. Dafür zahlen sie. Die Bayern spielen das jetzt in Ruhe zu Ende.

Die Fans beklagen auseinander gezerrte Spieltage. Zu Recht?

Wenn die Sender für Übertragungsrechte zahlen, müssen sie etwas davon haben. Also muss der Spieltag zerstückelt werden. Irgendwann werden sie auch sonntags um zwölf spielen. Das ist natürlich Irrsinn. Dann fährt der Fan halt nicht mehr mit.

Und die Stadionkultur verändert sich...

Gehen Sie nach England, zu Arsenal. Da sehen Sie, wie das ist. Das ist Opern-Publikum. Wie die Kölner Fans dort kürzlich so richtig Stimmung gemacht haben, darüber sind sie in London bis heute noch fassungslos.

Kommt zu viel Fußball im TV?

Sie können doch abdrehen. Vor 20 Jahren habe ich auch gedacht, zu viel Fußball im Fernsehen macht ihn kaputt. Unsinn! Je mehr gezeigt, darüber geredet oder geschrieben wird, desto attraktiver ist er. Natürlich nicht als Fan-Ereignis. Es ist ein Event.

Wie beeinflusst der Videobeweis den Fußball?

Wir sind im Jahr 2017. Wenn ich eine Möglichkeit habe, Dinge zu prüfen, muss ich sie nutzen. Der Fußball wird damit nicht gerecht. Aber er wird gerechter.

Wie sehr trifft sie Kritik?

Sie muss sachlich sein. Wenn sie stimmt, bin ich nicht erfreut. Aber ich bin bereit, mit ihnen zu kommunizieren. Von Leuten, die mich anonym beleidigen, lasse ich mich nicht zum Dialog zwingen. Das prallt an mir ab.

Sie schrieben einmal von Hassfratzen, die dazu beigetragen hätten, den Kommentatoren-Job an den Nagel zu hängen.

Wenn ein Bierbecher in meine Richtung fliegt, sage ich: Okay, ist gut für die Haare. Aber jemandem, nur weil er Fußball kommentiert, regelrechte Hasswellen entgegenzubringen, kann nicht sein. Aus zwei solcher Abende habe ich meine Schlussfolgerungen gezogen. Wenn meine Frau Angst neben mir hat, ist Schluss. Nicht nur, aber auch deshalb.

Ihr Meisterwerk haben Sie abgeliefert, als ein Tor umgefallen war. Sie haben mit Günther Jauch 76 Minuten lang über alles Mögliche geredet.

Was wir da im Bernabeu-Stadion am 1. April 1998 beim Champions-League-Halbfinale zwischen Madrid und Dortmund veranstaltet haben, war spontaner Irrsinn. Eine anarchische Befiedelei von zwei Leuten, die sich vertrauen konnten. Dass das gelungen war, glaubte ich nicht. Das wahre Meisterwerk, ohne Würdigung, hat später ein Solist abgeliefert.

Wer?

Ich.

Weil?

Weil das Spiel nämlich noch stattfand. Und keiner wusste, ob das überhaupt zählt oder unter Protest läuft. Das war Schwerstarbeit. Übrigens haben sie heute im Bernabeu in den Katakomben sechs Ersatztore hängen.

Wird generell zu viel geredet?

Es gibt Spiele, die musst du erklären. Und es gibt Spiele, die laufen von allein. Der Gute ist der, der genau die Menge, den Ton und die Lautstärke trifft. Ich kann nichts anfangen mit einem, der mich anschreit von der ersten Minute an. Da frage ich mich, was passiert hier erst, wenn wirklich etwas passiert.

Wann ist ein Kommentator gut?

Es gibt kein Lehrbuch. Wenn ein Tor gefallen ist, gehört es sich, wie ich finde, dass du als Kommentator erst mal still bist. Da unten passiert gerade das, wofür alle hier sind. Die einen heulen, und die anderen jubeln. Danach kommen noch 20 Zeitlupen. Da kann man noch genug von seinem Senf dazu geben.

Sie haben die Lust daran offensichtlich noch nicht verloren.

Jeden Sonntag bin ich bei Teleclub Experte für die Schweizer Liga. Das macht mir einfach Spaß. Und jetzt hat der Sender für die Schweiz die Champions-League-Rechte gekauft. Ich kommentiere also zehn Spiele für die. Kann sie mir sogar aussuchen. Ich mache aber nichts mehr, was meinen Lustkriterien widerspricht.

Sie haben kurz vor seinem Tod noch Berthold Beitz getroffen. Der Krupp-Patriarch hatte Ihren Vater vor dem KZ gerettet. Wie erinnern Sie sich an die Begegnung mit Beitz?

Ich hatte ihm geschrieben und er mich eingeladen. Dann kam er mit seinen 98 Jahren, knapp zwei Meter groß und besser angezogen, als alle Menschen, die ich kenne. Er hatte seine Frau am Arm, zeigte auf mich und sagte: Ich kannte den Vater von diesem Mann. Dann habe ich irgendwas gestammelt. Und er legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: Es ist gut. Das hat mich erschüttert, bis ins Mark. Denn ohne ihn gäbe es mich nicht.

Ein Abend mit. . .

Die gleichnamige Veranstaltungsreihe im Hotel Lindenhof in Gotha gibt es seit zehn Jahren. Hoteldirektor Olaf Seibicke, der die Abende selbst moderiert, lädt dazu regelmäßig Prominente des öffentlichen Lebens ein. Marcel Reif war sein 53. Gast.