Mario Oehme über die Kunst des Bogenschießens

Posterstein.  Der zweimalige Paralympicsieger Mario Oehme über Integra, seine Bogensportschule und warum er Bobsportler bewundert und selbst im Monobob sitzt

Mario Oehme, zu Hause in Posterstein.

Mario Oehme, zu Hause in Posterstein.

Foto: Andreas Rabel

Mario Oehme ist der Letzte, der die Beschränkungen in der Corona-Zeit nicht für in Ordnung halten würde. Als er mit einer Medikamenten-Unverträglichkeit zu kämpfen hatte, ihm die Luft zum Atmen wegblieb, „da sitzt du auf der Bettkante, sofern du das noch kannst – und schiebst Panik.“ Bekannte haben erzählt, wie es Covid-19-Erkrankten dieser Tage erging. Also Abstand halten. Aber sich auch nicht verrückt machen.

„Du darfst dich nicht den ganzen Tag mit Corona beschäftigen, das macht auch krank. Man darf den Bogen nicht überspannen“, sagt der 56-Jährige. In diesen Tagen ist der Bogensportler mehr Trainer als Aktiver. Auf der Außenanlage in Gera-Langenberg treffen sich die Bogensportler des Vereins Integra Gera zum Training. „Wir haben es vergleichsweise leicht, weil bei uns die Scheiben laut Reglement in einem Abstand von zwei Metern aufgestellt werden.“

Die Sportler tragen sich zum Training ein, die Anzahl ist aus Platzgründen auf 17 beschränkt. „Das läuft relativ reibungslos.“ Und auch an die ersten Wettkämpfe ist gedacht. „Die Sportler absolvieren ihren Wettkampf, der über drei Wochen läuft, dokumentieren ihre Ringzahlen und wir haben den Vergleich und ein Ergebnis“, sagt Mario Oehme.

Zunächst sei an eine Vereinsmeisterschaften unter den Integra-Stützpunkten Gera, Meuselwitz und Gotha – weitere Vereine könnten sich anschließen. „Die Wettkämpfe sind wichtig. Jeder muss sich Ziele setzen.“ Doch Bogenschießen sei nicht nur Sport für den Körper, auch für die Seele. „Wer sich auf das Bogenschießen einlässt, der ruht in sich, der kann abschalten, runter kommen – und seine Leistung abrufen“, sagt Mario Oehme. Wissen weiter geben, anderen helfen, das ist ihm wichtig.

Mario Oehme ist Bogenfachwart im Thüringer Behinderten- und Rehasport-Verband und seit 1994 Vereinsvorsitzender und Cheftrainer bei Integra Gera. Zu Hause in Posterstein wird schon „Inventur“ gemacht. Im August soll der Umzug nach Ronneburg erfolgen. Im Untergeschoss des Hauses befinden sich die Räume seiner eigenen Bogensport-Schule namens „bogensportART“ – die Kunst des Bogenschießens. Eine Unterscheidung zwischen Sportlern mit einem Handicap und Nichtbehinderten ist ihm fremd.

„Das ist das Gute beim Bogensport. Alle können ohne Abstriche gemeinsam trainieren. Die Technik ist gleich, die Bögen sind es, und die Regularien auch. 72 Pfeile in der Vorrunde und dann geht es im K.o.-System bis zum Finale. Mann gegen Mann.“

Und so sieht er den Bogensport: als Kampfsport mit asiatischen Wurzeln. Mario Oehme sieht sich als eine Art Samurai kampfeslustig, aber dennoch friedfertig. „Ich kann meinen Kampf nur gewinnen, wenn ich top-vorbereitet bin, wenn ich mir keine Schwäche erlaube.“ So trainiert er, so ging er seinen Sport an. Mit großem Erfolg. 1996 bei den Paralympics in Atlanta zählte er zur siegreichen Mannschaft. 2004 in Athen wurde er im Einzel Paralympicssieger.

Die Beschäftigung mit seinem Bogen ist seine mentale Wettkampfvorbereitung. Er kennt sein Sportgerät bis ins Detail, kann es auseinander bauen und wieder zusammensetzen. Und er sorgt dafür, dass die Stimmung im Team gut ist. „Schlechte Laune steckt an“, sagt er, „und die kann keiner gebrauchen im Wettkampf“.

Und was die Minuten vor dem Start angehen, da faszinieren ihn von jeher die Bobsportler. Er schaute genau hin, wenn der Bobpilot in Gedanken die Bahn mit seinem Schlitten abfährt. Und vor zwei Jahren wagte auch er seine ersten Starts im Eiskanal. In vergangenen Winter gab er seine Trainingszeiten auf der Oberhofer Eisbahn an zwei bessere Athleten ab, die sich dann auch für die Weltcups qualifizierten. Doch wenn es wieder Eis gibt, auf der Bahn in Oberhof, dann will auch er sich wieder in den Monobob setzen.