Sporttalk über Anerkennung, Wahrnehmung und Sponsoren im Frauensport

Erfurt  Die Frauen haben den Leistungssport in allen Disziplinen erobert - und müssen dennoch immer wieder neu um Aufmerksamkeit ringen. Eine Debatte über Frauensport und Frauen im Sport mit Lisa Kalkofe vom Landessportbund und Anja Kirchner vom Thüringer Fußball-Verband.

Gerald Müller, Lisa Kalkofe, Anja Kirchner und Marco Alles (v. l.).

Gerald Müller, Lisa Kalkofe, Anja Kirchner und Marco Alles (v. l.).

Foto: Marco Schmidt

Kathrine Switzer musste ihre langen Haare noch unter einer Mütze verstecken. 1967 waren Langstreckenläufe Männern vorbehalten. Also schmuggelte sich die damals 20-Jährige inkognito ins Starterfeld des berühmten Marathons von Boston. Mitten auf der Strecke versuchte die Rennleitung, ihr die Startnummer zu entreißen. Dank des beherzten Eingreifens ihres Freundes konnte Switzer den Bedrängern entkommen und das Rennen beenden. Sie wird zum Symbol und ihr Lauf, der erste einer Frau über die Marathondistanz, zum Start einer Erfolgsgeschichte. Seither haben die Frauen den Leistungssport in allen Disziplinen erobert - und müssen dennoch immer wieder neu um Aufmerksamkeit ringen.

Wie es um den Stellenwert des Frauensports in Thüringen steht, diskutieren im aktuellen „Sporttalk im Steigerwaldstadion“ Lisa Kalkofe, Geschäftsbereichsleiterin Sport und Gesellschaft beim Landessportbund Thüringen, und Anja Kirchner, Vorsitzende des Ausschusses für Frauen- und Mädchenfußball im Thüringer Fußball-Verband.

Frauen im Thüringer Sport

Lisa Kalkofe: 137.500 Frauen treiben in Thüringen Sport im Verein. Klingt nach viel. Wenn wir aber auf den Organisationsgrad blicken, sind das gerade mal zwölf Prozent der weiblichen Bevölkerung. Das ist eine Zahl, die sich auch deutschlandweit so bestätigt. Im Kindesalter sind die Anteile von Jungen und Mädchen noch gleichmäßig verteilt, aber dann geht die Schere auseinander. In der Altersspanne zwischen 19 und 26 Jahren, wenn es darum geht, Berufswege einzuschlagen und Familien zu gründen, fällt der Organisationsgrad der Frauen massiv ab. Das ist schade, aber auch eine Chance, die die Vereine nutzen sollten. Etwa, indem sie Angebote für junge Familien schaffen.

Turnen und Tanzen

Lisa Kalkofe: Das sind in Thüringen die gefragtesten Sportarten bei Mädchen und Frauen. Da müsste man fast schon über eine nötige Männerquote reden. Aber auch Volleyball, Schwimmen und Leichtathletik sind stark besetzt. Die Leichtathleten haben fast eine Pari-Pari-Verteilung. Und der Schwimmverband gewinnt Kampfrichter meist dadurch, dass er Eltern anspricht und so auch Mütter ins Ehrenamt holt. Man muss nicht immer groß Gender oder Gleichstellung drüber schreiben. Solche einfachen Beispiele müssen sich herumsprechen.

Förderung für Frauen

Lisa Kalkofe: Wir fördern als Landessportbund Athletinnen und Athleten gleichermaßen. Uns erreichen aber immer mal wieder Anfragen. Wie zum Triathlon in Gera, wo die Preisgelder für Männer und Frauen unterschiedlich sind. Da hieß es dann, ja die Frauen treten auch gegen weniger Konkurrentinnen an, da ist es einfacher zu gewinnen. Das ist ein sehr schlichtes Erklärungsmuster. Am Ende geht es doch darum, dass jemand, der Leistungssport betreibt, auch von dem leben muss, was er bekommt. Training, Disziplin, Ehrgeiz, Talent - all das sollte wertgeschätzt werden, egal, ob es nun 100 Starter sind oder nur achtzig. Im paralympischen Bereich sind die Starterfelder auch klein. Und da argumentiert ja auch niemand so. Weil es nicht wichtig ist. Ich glaube, dass eine Angleichung von Preisgeldern und Fördersummen ganz entscheidend ist, um den Frauensport voranzubringen.

Frauen im Ehrenamt

Lisa Kalkofe: Wenn in den Vereinen Ämter neu besetzt werden, schaut sich in der Regel der Vereinsvorsitzende in seinem Dunstkreis um. Da sieht er aber nur Männer am Tisch sitzen - also spricht er einen von denen an. Es braucht also neue Instrumente. Das können Tandemprojekte sein. Dass man sagt, man teilt sich zu zweit in eine Stelle hinein. Es geht aber längst nicht nur um Frauen, es geht auch darum, junge Leute anzusprechen.

Frauen und Fußball

Anja Kirchner: Frauenfußball wird leider immer noch etwas belächelt. Um so mehr freue ich mich, dass der USV Jena die direkte Rückkehr in die erste Bundesliga geschafft hat. Der Aufstieg war existenziell nötig. Ohne ihn hätte es den Verein so wohl nicht mehr gegeben.

Sportschülerinnen

Lisa Kalkofe: Die Mädchen machen tatsächlich nur ein Drittel all unserer Sportschüler in Thüringen aus. Trotz Sportarten, die beide Geschlechter ansprechen, wie etwa das Schwimmen in Erfurt. Vielleicht ist das auch eine Trainerfrage. Nur 15 Prozent der hauptamtlichen Trainer sind Frauen. Doch gerade sie könnten einen zusätzlichen, besonderen Blick für weibliche Talente entwickeln. Leider ist der Trainerberuf in Deutschland auch nicht sonderlich attraktiv.

Öffentliche Wahrnehmung

Lisa Kalkofe: Sponsoren stürzen sich nicht gerade auf den Frauenbereich. Da ist der Männersport und speziell der Fußball für sie doch interessanter. Anja Kirchner: Es ist ja nicht nur in Jena so, dass der Männersport mehr unterstützt wird. Das wird wohl so bleiben. Ein reiner Frauenfußballverein ist in unserer Gesellschaft auf Dauer nicht überlebensfähig. Der USV Jena wird in Zukunft sicher einiges tun müssen, um seine wirtschaftliche Stabilität halten zu können.

Die Frauen-WM

Anja Kirchner: Natürlich wäre es schön gewesen, wenn es eine Thüringerin in das WM-Aufgebot geschafft hätte. Aber ich denke, auch wir haben bald wieder mal jemanden dort. Gerade sind drei junge Thüringerinnen des Jahrgangs 2005, darunter eine Torhüterin aus meinem Fußballkreis, zu den DFB-Nachwuchsmannschaften eingeladen worden. Das weckt Hoffnung. Jetzt bei der WM hängt es auch von der Tagesform ab, wie weit der Weg geht. Aber die Vorrunde überstehen wir. Die Frauen machen es besser als die Männer.

Die deutsche Elf

Anja Kirchner: Die anderen Nationen haben spürbar aufgeholt, weil sie erkannt haben, dass die Nachwuchssichtung ein großer Baustein ist und dort mehr investiert haben. Wir haben wahrscheinlich - wie bei den Männern auch - gedacht, es geht immer so weiter. Dann kam nach Olympiagold von Rio mit dem nicht so glücklichen Trainerwechsel zu Steffi Jones der Bruch. Inzwischen sind wir aber wieder auf gutem Weg.

Die Schiedsrichterin

Anja Kirchner: Ich habe bis zur Frauen-Regionalliga gepfiffen, kenne auch Bibiana Steinhaus, die es in die Bundesliga der Männer geschafft hat. Das ist ein schwerer Weg, aber ich wünsche mir, dass sich da künftig noch ein, zwei Schiedsrichterinnen dazu gesellen. Ich habe auch Männerspiele gepfiffen und einiges zu hören bekommen: Geh heim stricken. Oder: Geh lieber an den Kochtopf. Manchmal habe ich die Gelbe Karte gezückt, doch meistens versucht, das im Gespräch zu lösen. In den 25 Jahren haben die Spieler gelernt, wie sie mich zu nehmen haben. Rote Karten musste ich maximal zehn verteilen.

Me-Too-Debatte

Lisa Kalkofe: Eine deutschlandweite Studie hat eine erschreckend hohe Zahl der von sexueller Gewalt Betroffenen zu Tage gefördert. Gerade die Nähe im Sport, das Abhängigkeitsverhältnis zum Trainer erfordert eine Kultur des Hinschauens. Wir haben beim LSB eine Anlaufstelle für den Bereich Kinderschutz. Im Erwachsenenbereich kooperieren wir mit der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Einen nennenswerten Fall gab es bisher nicht. Anja Kirchner: Wir hatten einen Fall, der vor Gericht kam. Es ist schon erschreckend, wenn so eine Geschichte auftaucht. Lisa Kalkofe: Übrigens, der Thüringer Fußball-Verband hat als erster Sportverband in Thüringen das Präventionssiegel erhalten.

Männliche Idole

Anja Kirchner: Jürgen Klopp finde ich als Persönlichkeit faszinierend. Auch die Ausstrahlung von Schiedsrichter Pierluigi Collina hat mir immer gefallen. Und die von Henry Maske und den Klitschko-Brüdern. Lisa Kalkofe: Aufgrund meiner eigenen sportlichen Laufbahn war ich Fan von Franziska van Almsick und bin es noch immer, weil sie sich heute stark sozial und gesellschaftlich engagiert. Ansonsten sollten wir alle schauen, dass wir für jede Lebenslage etwas finden, das uns motiviert und voranbringt.

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