Sydney: Ein Moment für die Ewigkeit

Berlin.  Unsere Olympioniken: Die zweimalige Olympiasiegerin Heike Drechsler über Jackie Joyner-Kersee, ihren letzten Sprung auf Tahiti, die schwierige Wendezeit und vom Winde verwehte 7,63 Meter in Sestrie

Goldsprung: Heike Drechsler wird 2000 in Sydney zum zweiten Mal Olympiasiegerin.

Goldsprung: Heike Drechsler wird 2000 in Sydney zum zweiten Mal Olympiasiegerin.

Foto: LENNART MANSSON / imago

Fern der Heimat der letzte Sprung. Auf Tahiti setzte Heike Drechsler 2004 mit einem Satz auf 6,40 Metern den Schlusspunkt unter ihre lange und erfolgreiche Laufbahn. „Das war ein sehr emotionaler Moment. Ich habe noch Minuten in der Weitsprunggrube verharrt. Und als die Kinder in ihrer farbenfrohen polynesischen Tracht auf mich zukamen, mir zujubelten, da kamen noch einmal die Tränen.“

Stolze Medaillenbilanz

Das ist 16 Jahre her. Eine Große des Sports trat zurück. Heike Drechsler: Olympiasiegerin 1992 und 2000, zweimal Weltmeisterin, fünfmal Europameisterin, Weitsprung-Weltrekordlerin mit 7,44 Metern und 7,45 Metern 1985 in Dresden und dann in Berlin. 1988 schaffte sie mit 7,48 Metern persönliche Bestleistung, vier Zentimeter unter dem noch immer existenten Weltrekord von Galina Tischstjakowa, ebenfalls aus dem Jahr 1988. Heike Drechsler lief die 100 Meter unter elf Sekunden, egalisierte den 200-m-Weltrekord. 7,48 Meter weit sprang sie 1992 noch einmal, bestätigte ihre Leistung aus DDR-Zeiten auch nach der Wende. Das war ihr immer wichtig.

Die 55-Jährige lebt seit einigen Jahren in Berlin, ist in zweiter Ehe mit dem früheren finnischen Hürdensprinter Arto Brygarre verheiratet. Doch geprägt hat sie ihre Kindheit in Gera, die Sportschule Bad Blankenburg und die Zeit beim SC Motor Jena.

Ihre ersten DDR-Meisterschaften hat sie 1981 im Jenaer Ernst-Abbe-Stadion erlebt, gewann unter ihrem Mädchennamen Daute mit 6,91 Metern. „Das Stadion war voll, die Stimmung hat mich angespornt, über allem lag der Duft der Rostbratwürste – Thüringen eben.“

Dass sie die Sieben-Meter-Marke übertreffen würde, war nur eine Frage der Zeit. Junioren-Europameisterin wurde sie im gleichen Jahr mit 7,02 Metern und 1993 in Helsinki folgte der WM-Titel mit 7,27 Metern. Auf Platz zwei Anisoara Cusmir. Die Rumänin war in der Saison 7,41 Meter weit gesprungen. Heike Drechsler am gleichen Tag in einem Wettkampf in Bratislava 7,14 Meter. „Das war ein entscheidender Augenblick. Am Abend habe ich mich hingesetzt und habe mir überlegt, wie weit das ist, aber mir auch gesagt. Ich darf keine Angst vor großen Namen haben.“

Fabelhafter Weltrekord, aber ...

Heike Drechsler übertrumpfte die Rumänin, schraubte den Weltrekord auf 7,48 m. 1992 landete sie in Sestriere bei der Fabelweite von 7,63 Metern. Der Veranstalter hatte für einen Weltrekord einen Ferrari ausgelobt. Doch die Italiener ermittelten einen Rückenwind von 2,01 Metern pro Sekunde. Der Wert wurde aufgerundet auf 2,1, bei 2,0 wäre der Weltrekord gültig gewesen. „Was soll‘s, der Ferrari hätte sowieso nicht in meine Garage gepasst.“

1993 wurde sie Weltmeisterin, die Olympischen Spiele in Los Angeles 1984 hätten ihre ersten werden sollen. „Ich war in Jena beim Training, als wir vom Boykott erfuhren. Klar hat mich das runtergezogen. Aber ich war jung. Ich habe es dann doch hingenommen.“ Olympiagold bekam Anisoara Cusmir in L.A. mit einer Weite von 6,96 m.

Vier Jahre später holte Heike Drechsler in Seoul drei Medaillen. Bronze über 100 Meter und 200 Meter sowie Silber mit 7,22 Metern im Weitsprung, besser war mit 7,40 m Jackie Joyner-Kersee, die zuvor schon Siebenkampf-Gold geholt hatte. Auf den Sprintstrecken hatte Florence Griffith-Joyner triumphiert.

„Ich konnte damals die US-Hymne und den Namen Joyner schon nicht mehr hören“, sagt Heike Drechsler. Unzufrieden sei sie mit ihrem Abschneiden in Südkorea aber nicht gewesen. „Klar wollte ich Weitsprung-Gold, aber Jackie war einfach stärker an dem Tag“. Über die Jahre entwickelte sich eine Sport-Freundschaft zwischen den beiden Frauen, „wir haben uns gemocht und vor allem respektiert“. Als ihr langjähriger Trainer und Schwiegervater Erich Drechsler vor fünf Jahren starb, „hat mir Jackie einen lieben Brief geschrieben“.

Die Wende erlebte Heike Drechsler als junge Mutter, Sohn Tony kam 1989 zur Welt, die Pause vom Leistungssport habe ihr gutgetan. Nach einem behüteten und bewachten Leben wie „unter einer Käseglocke“ im DDR-Sportsystem, fühlte sie sich lange nicht akzeptiert und angekommen im vereinten Deutschland, sie hatte das Gefühl, dass alles plötzlich nichts mehr Wert sei.

„Da prasselte schon einiges auf mich ein, mein Leben wurde filetiert und drin herumgestochert.“ Sportlich gab es nichts zu deuteln. 1992 der befreiende Sprung. Olympiasieg vor Inessa Krawets und Jackie Joyner-Kersee. „Ich wollte es mir und allen Kritikern zeigen, habe mich mächtig unter Druck gesetzt. Aber ich hatte auch was drauf und es hat gepasst.“

Ernüchternder Empfang in Jena

Ernüchternd dann der Empfang in Jena. „Ich hatte das Gefühl, die Stadtoberen wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollten, weil ich auch schon zu DDR-Zeiten erfolgreich war.“ Anders wenig später bei einem kleinen Wettkampf in Rosenheim. Herzlich der Empfang im Hotel, überall Spruchbänder. „Wir heißen unsere Olympiasiegerin willkommen.“

1996 schaute sie zu Hause am Fernseher zu, wie die Olympiamedaillen in Atlanta vergeben wurden. „Ich hatte Probleme mit der Achillessehne, musste operiert werden. Doch aufhören wollte ich noch lange nicht.“ WM-Bronze 1997 und der EM-Titel 1998 erkämpfte die gebürtige Geraerin auf dem Weg nach Sydney. Der 29. September 2000 ist vermutlich der schönste Tag in ihrem Sportler-Leben. Ihr zweites Olympia-Gold. 6,99 Meter, mit 35 und nach vielen Verletzungen. „Ich habe mich manchmal gefühlt wie ein abgefahrener Reifen.“

Doch Sydney war etwas ganz Besonderes. Schon das Vorbereitungscamp in Brisbane wird ihr immer in Erinnerung bleiben. Locker und gelöst die Stimmung. Den Augenblick des Sieges kann sie noch immer nicht in Worte fassen. Dass sie US-Superstar Marion Jones schlug, noch einmal ganz oben stand, war die Erfüllung eines Traums. Sie sei herumgesprungen wie ein kleines Kind, hätte die ganze Welt umarmen können.

„Ich habe einfach alles genossen und in mir geruht, ich war in einer Balance. Ich schwebte förmlich nach dem Sieg. Ein Augenblick für die Ewigkeit, den ich in Gedanken immer wieder durchleben kann. Der Druck, der sich über die Jahre angestaut hatte, musste raus. Ich wagte sogar ein kleines Tänzchen. Eigentlich bin ich da zurückhaltend, zumindest in der Öffentlichkeit. Aber in dem Moment war es mir egal, dass Millionen Menschen zuschauten.“

Die Frage, ob es nicht schlauer gewesen wäre, nach dem zweiten Olympiasieg aufzuhören, verneint sie. „Ich war doch noch gut und hatte Spaß am Sport.“ Und so zog sich der Absprung ins Leben nach dem Sport noch vier Jahre hin. Heike Drechsler war inzwischen noch einmal in der Südsee, auf Französisch-Polynesien, hat sich auch das Stadion angeschaut. Das sei inzwischen heruntergekommen – alles ist eben vergänglich. Was bleibt, sind die großen Erfolge einer Sportlerin, die zwar hoch gesprungen, aber nie abgehoben ist.