THC-Kapitänin Lydia Jakubisova: Talent für Torten und Tore

Bad Langensalza.  Kommt Lydia Jakubisova in Fahrt, gibt es Süßes: Freunde bekommen gern eine kunstvoll verzierte Torte, die Gegner im Handball ein paar Bälle ins Netz.

Fliegt Lydia Jakubisova in den Kreis, sind Treffer im Anflug.

Fliegt Lydia Jakubisova in den Kreis, sind Treffer im Anflug.

Foto: Sascha Fromm

Halb drei in der Nacht ist gewöhnlich nicht die Zeit, um noch große Augen zu machen. Auch nicht für Lydia Jakubisova, die von sich sagt, immer und überall bestens schlafen zu können. Ein Trompetenbaum hat das jedoch geschafft. Aufgekratzt und berauscht vom Last-minute-Sieg in Oldenburg kommt sie heim, aber auch geschafft nach Stunden im Bus. Und ohne es zu ahnen, steckt da dieses Stämmchen in der Erde, das sie sich gewünscht hat.

Es ist das Geschenk von ihrem Mann Miroslav zu ihrem 39. Seit einer Woche schlägt der künftige Schattenspender vor dem schicken Eigenheim im Bad Langensalzaer Westen Wurzeln. Und immer, wenn die THC-Rechtsaußen morgens ins Büro geht oder abends oft spät nach dem Training wieder heimkommt, leuchten ihre Augen. „Die Überraschung ist ihm wirklich gelungen“, schwärmt sie, „so einen Baum wollte ich immer haben. Und dann hat es auch noch stundenlang geregnet, als er ihn gepflanzt hat, der Arme“.

Das sitzt wie ein Schweinchen im Schokobad

Lydia Jakubisova lässt sich gern überraschen. Aber vor allem mag sie es, selber zu überraschen. Auf dem Feld können einige Torleute ein Lied davon singen, wenn die Bälle der THC-Linkshänderin präzise links

unten, rechts oben, durch die Beine oder nur durch einen Spalt hindurch ins Netz fliegen, kaum breiter, als dass der Handball gerade noch durchpasste. Der Bekanntenkreis hingegen macht meist Augen, wenn die Torgarantin zu Hause in der offenen Küche zur Hochform aufläuft. Dann backt sie mit Hingabe, schlägt sahnige Cremes auf, formt aus Zuckermasse Spitze, Blätter, Blüten, was immer das Thema hergeben könnte und setzt alles zu kunstvollen Torten zusammen.

Ob passend zu Hochzeiten oder für Geburtstage, das Naschwerk besitzt eine persönliche Note. Mal in Form eines Fußballs, mal ein Comic, mal on top als Garnitur ein Bayern-Emblem oder ein süßer Lippenstift und Schminke – ein jedes Detail wie gemalt. Sie sitzen wie die Schweinchen im Schokobad auf einer ihrer Motivtorten.

Einerseits verspielt, andererseits geradlinig – das muss kein Widerspruch sein

Der süße Zauber ist für Lydia Jakubisova Hobby und slowakische Tradition. „Das ist bei uns so. Zum Geburtstag gibt es eine Torte“, erklärt sie. Ihr letzte runde Sache ist ein herbstlicher Gruß mit vielen Sonnenblumen gewesen. Auch am Wochenende wird gebacken, für eine Freundin von Tochter Lilly, 14, ein hübsch dekorierter Apfelkuchen soll’s werden.

Zeit geht dafür hin, manchmal ist es locker ein Tag. „Bis jetzt haben sie immer geschmeckt. Toi, toi, toi“, sagt die Zuckerbäckerin und klopft dreimal auf den Esstisch im offenen Wohnbereich.

Das Wohnzimmer, ein Wohnraum mit ausgedehntem Küchenreich, einladend hell, mit geraden Linien – modern, einladend, funktional. Beinahe das Gegenteil von dem, was sie aus Fondant für ihre bunten Torten modelliert.

Verspielt auf der einen Seite, geradlinig auf der anderen. Das muss kein Widerspruch sein. Das scheint sich bei der Frau aus dem slowakischen Dorf Kamenec pod Vtáčnikom vielmehr in Leidenschaft und Ehrgeiz zu bündeln, womit sie all ihre Aufgaben angeht. Und zusammen baut es auf naturgegebenem Talent vor allem auch fürs Torewerfen auf, das ihr nicht zuletzt den Weg im Handball bereitet hat, sie zum Dauerbrenner beim THC und nun zur Kapitänin machte.

„Nemo“ – ein Name steht fürVerlässlichkeit und Treffsicherheit

Sie ist im zehnten Jahr beim siebenmaligen deutschen Meister, ein Fixpunkt der Erfolgsdekade mit 13 Titeln. Verlässlich, vorangehend in 270 Pflichtspielen und mit 905 Toren – mitten im Leben, in einem ausgefüllten.

Morgens täglich für vier Stunden im Büro beim lokalen Fenster-Hersteller, nachmittags Verschnaufen, zweimal Kindertraining die Woche, abends täglich Training mit der Bundesliga-Mannschaft, am Wochenende Spiel, reisen, oft unter Woche, Mutterdasein, Familie – und eben auch Süßes kreieren. „Manchmal frage ich mich, wie ich das früher gemacht habe“, sagt „Nemo“, wie sie von allen gerufen wird.

Sie ist heimisch geworden beim Thüringer HC und scheint gefunden zu haben, wonach sie einst gar nicht so direkt gesucht hat, weil sie eigentlich nur im Ausland Handball spielen wollte. Nach Sulzbach, Trier und Oldenburg ist sie in Bad Langensalza nun angekommen, zu Hause.

„Nemo passt perfekt zu uns“, sagte Helfried Müller erst, nachdem die Grand Dame der Bundesliga mit dem 29:28 in Oldenburg das entscheidende Tor zur ersten Führung erzielt hat. „Sie ist ein ganz besonderer Mensch“, ergänzt Herbert Müller. Und sie selbst ticke ein bisschen wie die beiden Müllers, sagt Lydia Jakubisova von sich.

Alte Schule halt. Und verrückt nach Handball. Auch mit 39. Vielleicht wird sie die erste sein, die 300 Einsätze beim THC vollmacht. Vielleicht eine, die mit 40 auf dem Feld noch erste Liga spielt. Außergewöhnlich – und an sich Anlass, mal eine Torte zu bekommen. Große Augen wären sicher.