Wie Journalist Herholz den historischen Dreiländerkampf am 30. September 1990 erlebte

Berlin.  Am 30. September 1990 fand der erste Länderkampf einer gesamtdeutschen Mannschaft in München statt.

Das erste „Turnteam Deutschland“ der Geschichte (von links): DDR-Trainer Dieter Hofmann, BRD-Trainer Franz Heinlein, Oliver Walther, Andreas Wecker, Ralf Büchner und Jens Milbradt sowie Mike Beckmann, Rainer Lindner und Ralph Kern.

Das erste „Turnteam Deutschland“ der Geschichte (von links): DDR-Trainer Dieter Hofmann, BRD-Trainer Franz Heinlein, Oliver Walther, Andreas Wecker, Ralf Büchner und Jens Milbradt sowie Mike Beckmann, Rainer Lindner und Ralph Kern.

Foto: © gymmedia.de

Ausgerechnet die Turner. Waren sie in der Vergangenheit eine eher konservative und schwer zu bewegende Meute – im Zusammenhang mit dem Vollzug der Deutschen Einheit waren sie fixer als alle anderen. Schon am 8./9. September 1990 vollzogen sie auf dem DTB-Verbandstag in Hannover als erster deutscher Sportverband die Aufnahme der in aller Eile gebildeten neuen fünf Landesturnverbände. Der Weg war geebnet für das Kunstturn-Masters am 30. September 1990 in der Münchner Olympiahalle. Drei Tage vor dem Vollzug der deutschen Einheit trat ein wiedervereintes deutsches Sportteam zu einem Dreiländerkampf an, gegen die Olympiasieger und Weltmeister UdSSR und die USA.

Am Mikrofon für das ZDF: Eckhard Herholz, im DDR-Fernsehen der Mann für Turnen, Judo und Ringen. An seiner Seite als Co-Moderator war Eberhard Gienger, Reck-Weltmeister 1974 für die bundesdeutsche Riege. „Wir kannten uns, haben uns als Fachleute geachtet. Da gab es keine Berührungsängste“, sagt

Eckhard Herholz. Die Turner Ost und West traten erstmals seit 26 Jahren, seit den Olympischen Spielen 1964 in Tokio, wieder als gemeinsame Mannschaft an die Geräte. Der Länderkampf vor 30 Jahren war ein Politikum, sagt Herholz, „es wurde etwas organisatorisch vorgezogen, was organisch noch nicht gewachsen war. Die Einheit war noch nicht da, sie war gewollt.“ Es war noch nicht so lange her, dass die Mauer gefallen war. „Man war sich noch fremd“, sagt der damals 44-Jährige. Da war noch viel Nebeneinander, statt Miteinander.

„Im Verhältnis zu den professionell trainierten DDR-Turnern waren wir ja höchsten engagierte Hobby-Turner, da war schon klar, was mit uns passiert. Die DDR war in Seoul schließlich Olympia-Zweiter hinter den Sowjets -- wir waren Zwölfter – das sagt schon alles“, sagt Ralph-Ingo Klein. Heute ist der mehrfache deutsche Meister Mannschaftsarzt der Fußballprofis der TSG 1899 Hoffenheim.

Das Historische erst später geschnallt

Der Potsdamer Ralf Büchner, 1991 in Indianapolis erster gesamtdeutscher Reck-Weltmeister, sagte: „Mann, wir waren gerade mal knapp über Zwanzig, so richtig haben wir das Historische erst später geschnallt. Was den Umgang unter uns Sportlern anging, da gab es von Anfang an keine Probleme.“

Den Länderkampf gewann die UdSSR-Riege mit 288,95 Punkten vor Deutschland (285,65) und den USA mit 282,65 Zählern. Die Höchstnote des Abends erturnte Boden-Olympiasieger Sergej Charkow am Reck mit 9,9 Punkten. Die Einzelwertung ging an den knapp 18 Jahre alten Alexander Kolywanow (58,25), bester Deutscher an den Geräten war Ralf Büchner (57,55) auf Platz vier. Eckhard Herholz moderierte das Turnspektakel in der ausverkauften Olympiahalle ohne Fehl und Tadel – und dennoch gab es einen Anschiss.

Schirmherr des Kunstturn-Masters war der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble. In einer Übertragungspause sprang Herholz, in jungen Jahren Turner und an der DHfK Leipzig ausgebildeter Trainer, mit einer Fechterflanke über die Bande, um Schäuble um ein paar Worte zum historischen Turntermin zu bitten. In der Redaktionskonferenz bekam der gebürtige Zeitzer vom ZDF-Kollegen Oskar Wark zu hören: „Also, Herr Herholz, so geht das bei uns nicht! Sie können nicht einfach ohne Rücksprache mit der Leitung einen CDU-Politiker interviewen…“ Herholz‘ erster Kontakt mit der grenzenlosen Freiheit. Geschenkt.

Erster Arbeitstag, erster Anschiss

Der heute 74-Jährige denkt gern an seine Zeit beim ZDF zurück. „Nichts ist uns inzwischen wertvoller geworden, als diese deutsche Einheit, nichts natürlicher als sie, aber sie bedarf noch immer der ständigen Pflege. Dazu gehören Erinnerungen und Geschichten, die großen, wie die kleinen und Menschen, die sie nicht vergessen und erzählen.“ Dass er als DDR-Reporter gefragt wurde, ob er den Job machen wolle, sei ihm noch immer etwas schleierhaft. Doch zunächst sagte der Wahl-Berliner ab, als ZDF-Sportchef Karl Senne aus Rom von der Fußball-WM anrief und fragte: „Herr Herholz, können Sie sich vorstellen, beim ZDF zu arbeiten?“

Da sei er erst einmal erschrocken, „dass er mich auserkoren hatte“. Der gelernte DDR-Bürger sagte ab. „Eigentlich wollte ich aus Adlershof noch senden, bis die Lichter ausgehen. Ein wenig weltfremd war ich schon“.

Seine Kollegen schüttelten mit dem Kopf, als er vom Anruf aus Mainz erzählte. Die DDR-Reporterriege war längst ausgeschwärmt, auf der Suche nach neuen Arbeitgebern.

Erneuter Anruf vom ZDF-Sportchef

Zum Glück rief Karl Senne noch einmal an. Auf dem Rückweg von der Fußball-WM in Italien könne er in Berlin vorbeikommen. Noch einmal ließ sich Herholz nicht bitten, ging zum ZDF, die Moderation des Turn-Masters war sein erster Arbeitstag und so war Eckhard Herholz der erste DDR-Reporter vor einem West-Mikrofon und zwei Jahre später, gemeinsam mit dem heutigen NDR-Leichtathletik- und Biathlonfachmann Wilfried Hark, der einzige Ex-Ost-Reporter, der von Olympia aus Albertville berichten durfte. „Dass ich dabei die 3000-Meter-Goldmedaille von Gunda Niemann kommentieren durfte, war sicher ein besonderes Highlight meiner ZDF-Zeit", erinnert sich der heutige Chefredakteur des European Gymnastics Service Gymedia International.