Amazon baut in Erfurt Verteilzentrum

Stotternheim  150 Fahrzeuge pro Stunde werden vom Standort im Ortsteil Stotternheim aus starten. Beliefert wird ganz Thüringen. Kodex für Fahrer

Mitarbeiter der Firma Goldbeck errichten im künftigen Verteilzentrum von Amazon in Erfurt eine Zwischenwand.

Mitarbeiter der Firma Goldbeck errichten im künftigen Verteilzentrum von Amazon in Erfurt eine Zwischenwand.

Foto: Marco Schmidt

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Noch ist die etwa 23.000 Quadratmeter große Halle im Logistikzentrum Stotternheim gähnend leer. Handwerker bauen Trennwände ein, Einbauten werden mit Farbe versehen. Schon ab Herbst dieses Jahres will der Online-Riese Amazon von hier aus seine Kunden in Thüringen beliefern. Bestenfalls am Tag der Bestellung, erklärt Bernd Gschaider, Chef von Amazon Logistics in Deutschland. Etwa 400 Fahrzeuge werden dazu vom Standort in Stotternheim aus als einem von dann 14 Verteilzentren in Deutschland ausschwärmen. Also 150 Vans pro Stunde vom Gelände rollen – alle 30 Sekunden ein Fahrzeug.

Routen-App soll Folgen für Umwelt minimieren

Sie werden auf die sogenannte „Letzte Meile“ geschickt, also den letzten Lieferabschnitt bis zur Haustür des Kunden. Die Pakete kommen zuvor im Lkw aus Logistik- oder Sortierstandorten beispielsweise aus Leipzig, aber auch aus ganz Europa meist nachts nach Stotternheim, werden dort entladen und sortiert, um dann durch Lieferpartner des Unternehmens an die Kunden ausgeliefert zu werden. Auf Partner wie DHL oder Hermes werde Amazon auch künftig nicht verzichten, kündigte Gschaider an. Ein „eigener“ Lieferservice aber solle zweierlei: Kapazitäten erweitern und zusätzlichen Service ermöglichen.

In der ersten Phase will Amazon 100 Arbeitsplätze schaffen. Gezahlt werden an Tarife angelehnte Löhne: 10,78 Euro plus diverse Zusatzleistungen, so Gschaider, der nicht bange ist, auch in Erfurt als ausgewiesenem Logistik-Standort und einer Arbeitslosenquote von nur fünf Prozent seine Mitarbeiter zu finden.

Bei der Auslieferung setzt Amazon auf regionale Partnerfirmen. Fünf sollen es werden, die den ermittelten Bedarf von 400 Fahrern decken sollen. Dass die für Emissionen, zusätzlichen Verkehr und laut Gschaider „Impact“ (zu deutsch: Auswirkung) sorgen, sei nicht zu verhehlen: Eine intelligente und effiziente Routenplanung solle diesen aber so gering wie möglich halten. Beispielsweise schon, indem bei Auslieferung auf Öffnungszeiten geachtet werde, so dass ein zweiter Zustellversuch am Arbeitsplatz oder in Ladenlokalen hinfällig werde.

Fahrzeuge der Partnerunternehmen müssten aktuellen Abgasnormen entsprechen, Fahrer dürften keine Ein-Mann-Unternehmen sein, Arbeitszeiten würden über die Routen-App erfasst: „Wir haben einen Kodex für unsere Lieferanten“, sagt Gschaider. Die Verantwortung des Unternehmens höre somit nicht am Werktor auf.

Oberbürgermeister Andreas Bausewein äußerte zum gestrigen Baustellentermin seine Freude über die neuerliche Ansiedlung eines großen Unternehmens im ILZ in Stotternheim. Die Anbindung an die A71 spräche klar für den Standort. „Zudem ist das Internationale Logistikzentrum mit seiner über 77 Hektar großen Fläche fast zu 100 Prozent verkauft“, sagte er gestern und deutete damit eine weitere anstehende Ansiedlung im ILZ an.

Dass Amazon mit seinem Lieferzentrum dem Innenstadt-Handel möglicherweise mehr schaden könnte, als die über Monate diskutierte Erweiterung des Thüringen-Parks, sieht Bausewein nicht so: „Erfurt kann sich der Entwicklung im Online-Handel nicht verweigern. Da ist es doch besser, diese mitzugestalten“, sagte Bausewein am Rande der Besichtigungstour.

Auch Erfurts Wirtschaftsbeigeordneter Steffen Linnert sieht die Situation pragmatisch: „Amazon hätte schließlich auch woanders hingehen können.“ Der Innenstadthandel stehe ohnehin vor einer „Riesenherausforderung“, daran ändere sich durch die Amazon-Ansiedlung nichts. Mit der neu geschaffenen und inzwischen ausgeschriebenen Stelle eines Citymanagers wolle man den Händlern künftig in diesen Zeiten des Wandels zur Seite stehen.

Bauherr und Investor für Amazon ist in Stotternheim die Firma Gieag. Die hatte den Bau „spekulativ“ errichtet, wie Vorstand Philipp Pferschy erklärte: Als der Hallenbau gestartet wurde, hatte die Gieag noch keinen potenziellen Mieter.

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