Azubi-Ticket kommt in Thüringen gut an – Ministerin hofft auf Ende der ÖPNV-“Kleinstaaterei“

Ichtershausen  Thüringens Verkehrsministerin Keller wünscht sich ein größeres Engagement der Wirtschaft bei der Finanzierung des Azubi-Tickets.

Ministerin Birgit Keller (Linke) besucht Garant im Gewerbegebiet Thörey –   hier mit Lehrling Tom Witthauser und Ausbildungsleiter Rüdiger Pabst (rechts).

Ministerin Birgit Keller (Linke) besucht Garant im Gewerbegebiet Thörey –   hier mit Lehrling Tom Witthauser und Ausbildungsleiter Rüdiger Pabst (rechts).

Foto: Hans-Peter Stadermann

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Garant GmbH am Erfurter Kreuz hat die Zeichen der Zeit erkannt: Um ihren 25 Lehrlingen die Fahrt zu Betrieb, Berufsschule und überbetrieblicher Ausbildung mit Bus und Bahn zu ermöglichen, übernimmt sie deren Eigenanteil am Azubi-Ticket in Höhe von 50 Euro.

Thüringens Infrastrukturministerin Birgit Keller (Linke), die das Unternehmen am Dienstag besuchte, schätzt dieses Engagement „unglaublich“, zumal viele sogenannte Global Player, die es auch in Thüringen gebe, dergleichen nicht einmal in Erwägung zögen. Was die Ministerin aber ärgert, das ist, dass sich die Wirtschaft nicht generell mit einem Drittel an den Kosten des 154 Euro teuren Tickets beteiligt. „Das kann und das darf nicht sein“, unterstrich Keller im Gespräch unter anderem mit Prokurist Dirk Wöllner.

Ziel sei, dass sich das Land, die Wirtschaft und die Lehrlinge zu je einem Drittel in die Kosten des Tickets teilen, dessen gut einjährige Pilotphase im Oktober 2018 startete. Heißt: Jeder zahlt 50 Euro. Im Moment sei es aber so, dass das Land 100 Euro pro Ticket schultert, den Rest dann der Lehrling oder – wie im Fall des Türen- und Zargenherstellers Garant – der Ausbildungsbetrieb. „Dabei profitiert doch die Wirtschaft von dem Ticket“, argumentierte die Ministerin. Denn viele Azubis könnten die Ausbildungsstätten gar nicht anders als mit dem ÖPNV erreichen. Würden wiederum Bus und Bahn mehr in Anspruch genommen, sei das auch ein Gewinn für die Umwelt.

Fast 5000 Thüringer Lehrlinge im Besitz des Azubi-Tickets

Keller zeigte sich aber davon überzeugt, dass noch ein Weg gefunden werden kann, „um gemeinsam Verantwortung zu übernehmen“. Denn das Azubi-Ticket solle über die am 31. Dezember endende Pilotphase hinaus fortgesetzt werden. Beim Werben für das Ticket und für mehr Engagement der Wirtschaft setzt die Ministerin auf „klare Fakten“ – beispielsweise den, dass mittlerweile bereits 4700 der 40.000 Thüringer Lehrlinge im Besitz des Azubi-Tickets sind.

Für dessen Akzeptanz spreche aber auch, dass bei einer Befragung im März 98 Prozent der Nutzer „sehr zufrieden“ mit dem Ticket waren. Im Schnitt nutze jeder Azubi das Ticket für 53 Fahrten und 1744 Kilometer im Monat. „Das zeigt, dass das Ticket die richtige Entscheidung war, dass es praktikabel ist und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt“, unterstrich die Ministerin, die zudem die Erwartung hegt, dass das Angebot auch in der Freizeit rege genutzt wird und sich das Fahrverhalten der Nutzer zugunsten des ÖPNV ändert.

Ministerin hofft, dass „Kleinstaaterei“ im ÖPNV in Thüringen bald überwunden ist

Die Ministerin verhehlte im Gespräch mit Vertretern des Betriebes nicht, dass das Ticket eine schwierige Geburt war: Nicht nur, weil es nicht als solidarisches Modell analog zum Semesterticket finanziert werden konnte, sondern weil auch Gespräche mit 27 Aufgabenträgern (Kommunen) und 43 Verkehrsbetrieben zu führen waren. Mit Ausnahme des Landkreises Greiz sind jetzt alle Thüringer Landkreise und kreisfreien Städte beteiligt. Die Ministerin hofft, dass die „Kleinstaaterei“ im ÖPNV in Thüringen bald überwunden ist und der Fahrgast mit einem einzigen Ticket etwa von Nordhausen nach Altenburg fahren kann. „Im Moment braucht er dafür fünf.“

Dirk Wöllner von der Garant Türen und Zargen GmbH ist derweil vom Nutzen des Azubi-Tickets überzeugt. Und er weiß: Je mehr Lehrlinge es nutzen, umso günstiger wird es. Das sei dann für alle eine „Win-win-Situation“. Sein Unternehmen, das Lehrlinge in acht Berufen ausbildet, stellt pro Tag 3000 Türen und 2500 Zargen her, von denen 90 Prozent in Deutschland bleiben. Vor 27 Jahren war die Garant GmbH der erste Betrieb am Erfurter Kreuz, inzwischen hat er 510 Mitarbeiter, die in drei Schichten arbeiten. Erst jüngst investierte der Betrieb in eine vollautomatische Premiumkantenanlage, die elf Millionen Euro kostete.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren