Die Seele der Straßenbahn kehrt klingend zurück

Erfurt.  Mit einem alt-gewohnten Glockenklang kehrt für die Straßenbahner der Evag etwas wie die „Seele der Straßenbahnen“ zurück in ihre Fahrzeuge.

Patrick Brüggemann, Mechatroniker bei der Evag, montiert hinter der Bahnbugschürze eines Combinos eine der  elektromotorischen Warnglocken, die in alle Erfurter Straßenbahnen zurückkehren. 

Patrick Brüggemann, Mechatroniker bei der Evag, montiert hinter der Bahnbugschürze eines Combinos eine der elektromotorischen Warnglocken, die in alle Erfurter Straßenbahnen zurückkehren. 

Foto: Frank Karmeyer

Für den Hersteller ist es die „Elektromotorische Warnglocke MWG“ mit Glockenschale aus Temperguss, Gleichstromgetriebemotor und Betätiger. Für Dietmar Schmidt, Bereichsleiter Fahrbetrieb bei der Evag, kehrt mit ihr nicht weniger als „die Seele der Straßenbahn“ in die Fahrzeuge zurück. Denn die Glocke aus Düsseldorfer Produktion, die im spanischen Valencia in die neu angeschafften Erfurter Straßenbahnen eingebaut wird, wird auch in den Siemens-Combinos nachgerüstet – damit ab Anfang nächsten Jahres alle Bahnen wieder mit einem einheitlichen „Gis“ erklingen.

Diesen Ton, so erklärt Carsten Kossow, Vertriebsmann bei Kiepe-Electric, gebe es in Straßenbahnen in aller Welt, nur wenige Firmen stellen derartige Glocken her: „Ganz klar ein Wiedererkennungsmerkmal“, sagt er. Sonstige „Ton-Träger“ sind allenfalls mobile Eisverkäufer, wobei sich die Wege dieser Glocken-Kunden der Firma Kiepe meist nicht mit den Wegen städtischer Straßenbahn-Linien kreuzen. Keine Verwechslungsgefahr also.

In den Erfurter Combinos war man, weil das Düsseldorfer Unternehmen Kiepe damals nicht liefern konnte, auf ein digitales Warnsignal ausgewichen. Ohne recht warm damit zu werden. Der leicht heiser klingende und im Ursprung drei Sekunden scheppernde lange Ton, aufgespielt als MP3-Datei, lässt Fußgänger regelmäßig erschrocken zur Seite springen. Ihn gibt es nur in dieser digitalen Langfassung, auch wenn man an der Datei zu kürzen versucht hat. Ein Experimentieren mit der Tonkonserve sei aber nicht wirklich erfolgreich gewesen. Und schließlich ist auch ein solcher Ton reglementiert und geprüft.

Nun, und darauf freuen sich laut Bereichsleiter Schmidt er und seine Straßenbahnfahrer besonders, ist ein kurzes und dezentes „Bing“ wieder möglich. „Wir wollen mit der neuen Glocke nicht nur akute Gefahren signalisieren, sondern auch die Fußgänger auf die nahende leise Bahn hinweisen, ohne mit den Signaltönen zu stressen“, sagt Steffen Triebel, Bereichsleiter der Evag-Fahrzeuginstandhaltung.

Mit der Umrüstung auf die „alte“ Warnglocke wird gleich eine zweite Neuerung hinter der Bugschürze der Bahn vollzogen: Die Beleuchtung wird auf LED geändert, künftig wird jede Straßenbahn mit Taglicht unterwegs sein. Ziel ist es, größere Aufmerksamkeit bei anderen Verkehrsteilnehmern zu erzielen. Derzeit ist die Evag-Mannschaft mitten drin in der Umrüstung, wie Silvio Martini, Meister der Betriebswerkstatt sagt. Noch in den ersten Monaten des neuen Jahres sollen dann alle 174 Straßenbahnfahrer die neue, alte Glocke klingeln und im Notfall mit 95 dB gehörig laut warnen können. Oder, bei Bedarf, mit einem einheitlich klingenden „Bing“ auf sich aufmerksam machen.

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