Ex-Ministerpräsident Biedenkopf: „Der schnelle Weg zur Einheit war richtig“

Weimar  Die Einführung der D-Mark im Osten am 1. Juli 1990 ist Thema beim Weimar-Dialog am Sonntag, 28. Juni. Mit dabei: Der einstige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, der hier Auskunft rund ums Geld gibt.

Bis heute gilt Kurz Biedenkopf als Finanz-Experte. Foto: Peter Michaelis

Bis heute gilt Kurz Biedenkopf als Finanz-Experte. Foto: Peter Michaelis

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Die Einführung der D-Mark im Osten am 1. Juli 1990 ist Thema beim Weimar-Dialog am Sonntag, 28. Juni. Mit dabei: Der einstige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf, der hier Auskunft rund ums Geld gibt:

Sie sind Jahrgang 1930 und haben also die Währungsreform 1948 als junger Mann miterlebt. Welche Erinnerungen haben Sie noch an die damalige Zeit?

Die Währungsunion 1948 habe ich als 18-Jähriger miterlebt. In meiner Erinnerung spielt am meisten eine Zugfahrt von München nach Darmstadt eine Rolle. Es war die Nacht vom Samstag auf Sonntag. Die Züge waren überfüllt. Man stand auf den Puffern oder den Übergangswegen und brauchte mehr als zehn Stunden, um am Zielort einzutreffen und dort das Geld entgegenzunehmen, das am ersten Tag der Währungsreform ausgegeben wurde. Was ich mir davon geleistet habe, daran kann ich mich heute nicht mehr erinnern.

Sie haben 1949/50 in den USA studiert: War das ein Aufbruch in eine neue Zeit für Sie?

Mein Studium 1949/50 in den USA war in der Tat eine neue Zeit für mich. Ich war ein Stipendiat in einem Programm der amerikanischen Militärregierung in Wiesbaden, hatte mich beworben und wurde vom Davidson College, nördlich von Charlotte, North Carolina, aufgenommen. Ich habe das College kürzlich wieder besucht aufgrund einer Einladung zu einer Feier zur 25. Wiederkehr des Falls der Mauer. Die Verbindungen von dort nach Deutschland sind bis heute sehr erfreulich.

Wissenschaft, Wirtschaft, Politik: Das kennzeichnet Ihren beruflichen Weg. Hatten Sie das so geplant – oder kam eins zum anderen?

Der rote Faden meiner beruflichen Entwicklung ist die Wissenschaft. Verbunden mit einer bis heute sehr lebendigen Neugier, die mich veranlasst, der Wirklichkeit und damit den Sachverhalten auf die Spur zu kommen. Die wichtigsten Entscheidungen – Rektor der Ruhr-Universität, Mitarbeit in der zentralen Geschäftsführung von Henkel, Generalsekretär der CDU und schließlich Ministerpräsident in Sachsen – waren keine geplanten Entscheidungen, sondern solche, die auf mich zukamen und bei denen ich nicht entschieden habe, wie ich auf sie eingehe, ohne meine Lehrer oder meine Freunde zu fragen. Wichtigste Ratgeberin war dabei meine Frau.

Welche Kontakte hatten Sie in die DDR?

Ich hatte zusammen mit dem Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) Bonn seit 1984 Kontakt zur damaligen Karl-Marx-Universität in Leipzig. Wir trafen uns im Herbst eines jeden Jahres zu einer Konferenz dort, die sich mit internationalen Wirtschaftsfragen befasste und von Professor Nötzold vorbereitet wurde, der auch den Kontakt begründet hatte.

Was hielten Sie von den Milliardenkrediten: eine lebensverlängernde Maßnahme für die SED-Diktatur…?

Die Milliardenkredite hielt ich für sinnvoll. Dass sie das Leben der SED-Diktatur verlängert hätten, ist eher unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie total zerrüttet zu dieser Zeit bereits die Finanzen der DDR waren.

Was empfanden Sie am 9. November 1989?

Ich war im Bundestag zu einer Beratung, zu der die Opposition eine Präsenz beantragt hatte. Das Haus war deshalb gefüllt. Als bekannt wurde, dass sich in Berlin die Mauer geöffnet hatte, dauerte es eine Weile, bis die Mitglieder des Bundestages die ganze Tragweite dieser Nachricht erfassen konnten. Der Präsident unterbrach die Diskussion, erteilte jedem Fraktionsvorsitzenden in der Reihe der Größe der Fraktion das Wort zu einer Stellungnahme. Am Schluss erhob sich ein westfälischer Abgeordneter und stimmte die Nationalhymne an. Der ganze Bundestag erhob sich, die Grünen etwas langsamer als der Rest, und sang die Nationalhymne.

Und wann waren Sie in Berlin?

Am Abend des nächsten Tages war ich an der Mauer – und am 11. November mit einem Kollegen aus dem Abgeordnetenhaus Berlins zu einem Besuch in Ostberlin.

War der schnelle Weg zur Einheit und die frühe Währungsunion richtig?

Ja. Alles andere hätte dazu geführt, dass die Menschen die geöffnete Mauer und die Unsicherheit der Entwicklung in Ostdeutschland dazu genutzt hätten, nach Westdeutschland zu gehen und dort eine neue Existenz aufzubauen.

Nach der Euphorie von 1989/90 kam die Depression: Massenarbeitslosigkeit, Abwanderung… Und dennoch blieb es vergleichsweise ruhig. Warum?

Dass nach einer Euphorie eine Resignation oder Depression kommt, ist nicht unüblich. Meine Erfahrung im Freistaat Sachsen, in dem ich ab Herbst 1990 Ministerpräsident war, ist nicht die, dass die Menschen deprimiert waren. Sie waren überrascht und zum Teil ratlos, soweit es um die enormen, alles umfassenden Auswirkungen der Wiedervereinigung ging. Auch Abwanderung in den Westen war ein Problem. Aber insgesamt war die Bevölkerung von einer erstaunlichen Entschlossenheit durchdrungen, den Wiederaufbau zusammen mit Westdeutschland voranzutreiben.

Ist der Aufbau gelungen?

Ja, der Aufbau ist gelungen.

1990 ging es um die D-Mark. Inzwischen haben wir den Euro: Ist er Fluch oder Segen?

Der Euro ist weder Fluch noch Segen, sondern schlecht konstruiert, was uns erhebliche Probleme eingebracht hat. Sie zu lösen, wird noch Jahrzehnte dauern.

Geld regiert die Welt, heißt es. Stimmt das?

Geld regiert die Welt, wenn man sich von Geld regieren lässt. Sonst nicht.

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