"Filinchen": Von der DDR-Bückware zum Exportschlager?

Filinchen gibt es mittlerweile von Kiel bis München zu kaufen. 25 Jahre nach dem erfolgreichen Übergang in die Marktwirtschaft versucht sich das Apoldaer Unternehmen Filinchen nun am Export.

Seit anderthalb Jahren ist die Apoldaer Firma Filinchen dabei, ihr Produkt nach Dubai, Mexiko, Spanien und Südafrika zu exportieren.  Foto: Sascha Fromm

Seit anderthalb Jahren ist die Apoldaer Firma Filinchen dabei, ihr Produkt nach Dubai, Mexiko, Spanien und Südafrika zu exportieren. Foto: Sascha Fromm

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Weimar/Apolda. Um zu zeigen, wie es um die Lebensmittelindustrie in der DDR bestellt war, reicht Michael Heinemann ein Beispiel: Der gestiegene Kaffeebedarf führte weiland zu Engpässen bei der Auslieferung des beliebten Heißgetränks. Die Bevölkerung habe darauf aber nicht verzichten wollen. "Dann kam die Idee: Bieten wir doch einen Ersatzkaffee an!" Damals sei man wirklich davon ausgegangen, dass die Bevölkerung das nicht bemerken würde. "Die Preise sollten aber natürlich gleichbleiben." Beim Test in Betriebskantinen kam es dann zu Zwischenfällen, Kaffeemaschinen seien nach dem Kochen mit dem Ersatzprodukt "regelrecht explodiert".

Die Lacher hatte Heinemann auf seiner Seite. Vor den Mitgliedern des Industrieclubs Thüringen referierte er kürzlich über den Übergang der Ernährungsindustrie aus der DDR in die soziale Marktwirtschaft. Nicht ohne Grund: Michael Heinemann ist Chef der Weißenfelser Handelsgesellschaft und Geschäftsführer der Apoldaer Gutena-Nahrungsmittel, dem Mutterkonzern der bekannten Filinchen-Waffeln.

Die Lebensmittelindustrie, die sei in der DDR schon arg stiefmütterlich behandelt worden, beklagt der gebürtige Leinefelder. "Sie war vor allem gegenüber der Landwirtschaft zurückgestellt. Es wurde selten in moderne Anlagen investiert und es musste viel improvisiert werden." Bei den Lebensmitteln zählten nur ausgewählte Schwerpunkte, wo Devisen gemacht werden konnten. Heinemann entdeckte dennoch früh seine "Liebe zur Ernährungsindustrie", war Facharbeiter für Lebensmitteltechnik und studierte anschließend Lebensmitteltechnologie als auch Staats- und Rechtswissenschaften. Letzteres spülte ihn nach seiner Tätigkeit als Produktionsleiter im VEB Feinkostkombinat Leipzig auch in die Politik. Zunächst stellvertretender Minister der Lebensmittelindustrie wurde Heinemann in der Regierung Lothar de Maizières Staatssekretär für Ernährung im Agrarministerium.

"Nach der Wende wollte ich aber in die Lebensmittelindustrie zurück", sagt Heinemann. Dass er damit einem echten DDR-Original beim Überleben helfen würde, war damals nicht klar. Mit der neugegründeten Weißenfelser Handelsgesellschaft interessierten sich Heinemann und Co. für Filinchen aus Apolda. "Es war ein Spitzenprodukt, dass in der DDR nicht ausreichend zur Verfügung stand und nur unter der Ladentheke vorhanden war", sagt er. "Wir haben uns gedacht: Das könnte interessant für uns sein."

Mit interessant meint er damit die Überführung des Produkts von der Plan- in die Marktwirtschaft. Neue Rahmenbedingungen und Rechtsordnungen galt es zu beachten. Und es musste freilich neu gebaut werden. "Das alte Werk war zu klein und die Maschinen zu alt." Im Gewerbegebiet Apolda wurde deshalb aufgestockt: Neue Betriebshalle, neue Produktverpackung, neues Sortiment, höhere Qualität. Heinemann spricht 25 Jahre nach der Übernahme von Filinchen von einer Legende, die lebt. "Es gibt nicht viele Produkte, die den Weg in das neue System geschafft haben", sagt Heinemann. Die Hürde sei immerhin hoch gewesen, betont er.

8500 Volkseigene Betriebe mit mehr als vier Millionen Arbeitnehmern mussten schließlich privatisiert werden. Er habe sich damals gefragt, ob das mit Filinchen überhaupt eine Chance habe. Die hatte es. Ein paar Jahre seien vergangen, ehe sich der Kauf gelohnt hat. Heute gebe es in Apolda aber 120 Mitarbeiter.

Und die Legende wird weiterleben, sagt Heinemann. "Filinchen gibt es mittlerweile von Kiel bis München zu kaufen." 25""Jahre nach dem erfolgreichen Übergang in die Marktwirtschaft versucht sich das Apoldaer Unternehmen nun am Export. Seit anderthalb Jahren sind die Apoldaer dabei, die Erfolgsgeschichte auf den Weltmarkt zu bringen. In Dubai, Mexiko, Spanien und Südafrika dürfen sich die Menschen testhalber bereits von der DDR-Bückware überzeugen. Ganz sicher ohne Explosionsgefahr.

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