Gras zu Wasserstoff: Rumpelstilzchens Erben

Jena-Maua.  Gras in Biowasserstoff verwandeln – geht das? Ja, sagt der Verein Bioenergie Verbund, der am Dienstag in Jena eine erste Pilotanlage in Betrieb nahm. Sein Ziel ist indes eine vorkommerzielle Produktionsanlage.

Stefan Kaufmann, Innovationsbeauftragter der Bundesregierung für "Grünen Wasserstoff", und Norbert Barthle, Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ, l.) nehmen beim BioEnergie Verbund in Jena einen ersten 5-Kubikmeter-Biowasserstoff-Reaktor in Betrieb.

Stefan Kaufmann, Innovationsbeauftragter der Bundesregierung für "Grünen Wasserstoff", und Norbert Barthle, Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ, l.) nehmen beim BioEnergie Verbund in Jena einen ersten 5-Kubikmeter-Biowasserstoff-Reaktor in Betrieb.

Foto: Sibylle Göbel

Ein wenig erinnert das, woran der Verein Bioenergie-Verbund forscht, an Rumpelstilzchens Kerngeschäft: Doch anstatt Stroh zu Gold spinnen wollen die Beteiligten ungenutztes Gras in Wasserstoff verwandeln und damit einen Beitrag zur Ablösung fossiler Rohstoffe leisten.

Würde man nämlich aus dem Gras, das jedes Jahr in Deutschland anfällt (19,6 Millionen Tonnen) und dessen Entsorgung Kommunen und Bürger eine Menge Geld – genauer: im Schnitt 35 Euro pro Tonne – kostet, ohne Energiezufuhr und mit Hilfe von Mikroorganismen Biowasserstoff herstellen, könnte man daraus jährlich 17,2 Terawattstunden (TWh) Strom generieren, rechnet Kerstin Heitkamp, Forschungsleiterin des Verbunds mit Sitz in Jena, vor. Das ist eine gigantische Menge, gemessen daran, dass schon die Energie einer einzigen Kilowattstunde reicht, um 50 Stunden mit einem Laptop zu arbeiten.

Verglichen mit dem enormen Energiehunger allein der Stahl-, Chemie-, Petrochemie- und Zement-Industrie würden die 17,2 TWh zwar nur ein Bruchteil des Energiebedarfs ausmachen. Doch neben der Biomasse, die der Bioenergie-Verbund einsetzen will, gibt es schließlich auch noch andere Ausgangsstoffe für die Erzeugung von Wasserstoff, der sich wiederum in Strom umwandeln oder zu Gas und synthetischem Kraftstoff weiterverarbeiten lässt.

Nachwachsender Rohstoff

Grünschnitt hat allerdings den Charme, dass er permanent nachwächst und die Kosten für seine Entsorgung und Kompostierung eingespart würden, wenn er in einem zweistufigen Verfahren verarbeitet wird. Neben der dabei entstehenden Flüssigkeit, aus der wiederum über verschiedene Arbeitsschritte der eigentliche Wasserstoff gewonnen wird, fallen zudem verwertbare Feststoffe an: „Aus ihnen lassen sich beispielsweise Pellets zum Heizen von bis zu 520.000 Wohnungen herstellen, was wiederum zu einer CO-Reduktion führt“, erklärt Kerstin Heitkamp. Doch genauso ließen sich die Feststoffe zu Grasschaum-Produkten als Polystyrol-Ersatz verarbeiten und beispielsweise als Dämmstoff einsetzen.

Für die Verarbeitung von Gras spricht Heitkamp zufolge auch der günstigere Preis im Vergleich zu Wasserstoff, der statt im biologischen im technischen Elektrolyseverfahren und unter Einsatz von Windkraft gewonnen wird: „Dieser kostet etwa 9,50 Euro pro Kilogramm, wir rufen einen Preis von 5,20 Euro auf“, sagt die Forschungsleiterin anlässlich eines Besuchs von Norbert Barthle, Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und Stefan Kaufmann, Innovationsbeauftragter der Bundesregierung für „Grünen Wasserstoff“, in Jena. Den Förderbescheid vom Bund, den sich vor allem Gastgeber Olaf Luschnig, Vorstandschef des Robert Boyle Instituts für Biowasserstoff-Forschung Jena, erhoffte, hat Stefan Kaufmann zwar noch nicht im Gepäck, dafür aber ein dickes Lob für die innovative Arbeit des Bio-Energie Verbunds und das Versprechen, wegen des Förderbescheids „gleich noch einmal nachzufragen“.

Anlage mit Tagesleistung von bis zu 2700 Kubikmetern Biowasserstoff

Denn den Jenaer Forschern schwebt vor, in Jena eine Biowasserstoff-Fabrik als weiteren Baustein zur Dekarbonisierung des Industriestandorts Deutschland zu errichten. Eine Fabrik mit angeschlossener Tankstelle für wasserstoffbetriebene Fahrzeuge und zur Auslieferung von Wasserstoff in Gasflaschen an Verbraucher. Einen ersten Schritt auf dem Weg dahin markiert die Inbetriebnahme einer Pilotanlage, eines 5-Kubikmeter-Biowasserstoff-Reaktors, die die Gäste aus Berlin per Knopfdruck starten dürfen. Perspektivisch soll in Jena eine Produktionsanlage mit einer Tagesleistung von bis zu 2700 Kubikmetern Biowasserstoff entstehen. Und das nicht irgendwann, wie Projektingenieur Rinaldo Seeber betont, sondern in naher Zukunft.

CDU-Europaabgeordnete Marion Walsmann ist davon überzeugt, dass es dank innovativer Ideen wie der des Bioenergie-Verbundes gelingen wird, das EU-Klimaziel, im Jahr 2050 klimaneutral zu sein, zu erreichen. „Wir müssen aber Gas geben und schneller werden“, sagt sie. Ihr Parteikollege Johannes Selle, Bundestagsabgeordneter im Wahlkreis Jena-Sömmerda-Weimarer Land, setzt sich dafür ein, dass Thüringen einen Wasserstoffschwerpunkt bekommt: „Bisher sind wir nicht vertreten – und das ist nicht gerechtfertigt“, bedauert er mit Blick auf die Leistungen der Jenaer Entwickler. Es müsse gelingen, energetisch jene 96 Prozent der CO2-Produktion zu nutzen, die nicht menschengemacht sind. „Und wie das gehen kann, das habe ich hier im Robert-Boyle-Institut kennengelernt.“