IG-Metall-Chef über die Tarifentwicklung: „Das wird keine Verzichtsrunde“

Frankfurt/Erfurt.  IG-Metall-Chef Jörg Köhlinger begrüßt die Gesprächsbereitschaft der Thüringer Arbeitgeber. Im interview spricht er über die Pläne der Gewerkschaft.

IG-Metall-Chef Jörg Köhlinger (Archiv-Bild)

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Foto: IG Metall / dpa

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Angesichts der Herausforderungen durch den Strukturwandel in der Automobilindustrie und eine sich eintrübende Konjunktur wollen die Tarifpartner in der Metall- und Elektroindustrie auch in Thüringen zu schnellen Verhandlungen über die künftige Tarifentwicklung kommen. Der Bezirksleiter der IG Metall für Hessen. Rheinland-Pfalz, das Saarland und Thüringen, Jörg Köhlinger, erläutert die Pläne der Gewerkschaft.

Sie haben als IG Metall ein Moratorium vorgeschlagen, die Arbeitgeber haben diese Idee aufgegriffen – worum geht es dabei und wie sieht der Zeitplan aus?

Es ist richtig und wichtig, dass der Verband der Metall- und Elektroindustrie in Thüringen unser Gesprächsangebot angenommen hat. Verzichtet die Arbeitgeberseite auf einseitige Belastungen der Arbeitnehmer, etwa durch betriebsbedingte Kündigungen, gehen wir im Gegenzug ohne eine bezifferte Forderung in die anstehende Tarifrunde. Am 20. Februar berät unsere Tarifkommission, deshalb wollen wir schon vor diesem Tag ein erstes Sondierungsgespräch mit den Thüringer Arbeitgebern führen. Der Termin ist in der Abstimmung.

Sie verhandeln also für Thüringen separat?

Ja. Natürlich wird es Verhandlungen für die gesamte Mittelgruppe geben – also auch für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland – aber der Thüringer Verband legt wert auf eigenständige Verhandlungen. Das war, mit einer Ausnahme, in den zurückliegenden Tarifrunden stets so.

Sie sehen die Branche derzeit vor mehreren großen Herausforderungen?

Das ist so. Das ist zum einen die Transformation in der Automobil- und deren Zulieferindustrie durch die Dekarbonisierung und Digitalisierung. Dies geht einher mit einer konjunkturellen Delle durch die internationalen Handelskonflikte. Die Doppelbelastung trifft die Metallbranche – allerdings nicht alle Unternehmen gleichermaßen. Wir beobachten eine sehr differenzierte Betroffenheit und Reaktion darauf. So haben Continental und andere Unternehmen in Thüringen über Jahre gute Geschäfte gemacht, die jetzt über einen Arbeitsplatzabbau nachdenken. Auch der Pressenhersteller Schuler sucht auf der einen Seite Fachkräfte, baut aber im Werk in Erfurt Arbeitsplätze ab und übernimmt Auszubildende nicht. Das ist angesichts des permanenten Rufes nach Fachkräften skandalös.

Thüringen ist vom Strukturwandel im Autobereich besonders betroffen...

...das ist so, auch wenn das viele vielleicht gar nicht auf dem Schirm haben. In Thüringen sind 60.000 Menschen in der Auto- und Zulieferindustrie beschäftigt, vor allem in kleinen und mittelständischen Betrieben, die am Ende der Wertschöpfungskette abhängig von Entscheidungen anderer sind. Unser Ziel ist, Arbeitsplätze und Wertschöpfung im Land zu erhalten.

Dafür fordern Sie Unterstützung durch Arbeitgeber und Politik?

Ja, es ist letztendlich auch im Interesse der Unternehmer, möglichst viele Mitarbeiter in den Firmen zu halten. Dazu sind intelligente Arbeitszeitmodelle ebenso nötig wie eine Ausweitung der Kurzarbeit. Dazu bedarf es einer flankierenden Industriepolitik. Deshalb braucht Thüringen schnell wieder eine handlungsfähige Landesregierung. Und lassen Sie mich das noch mal ganz klar sagen: Das Verhalten von CDU und FDP bei der Wahl eines Ministerpräsidenten mithilfe der AfD war schamlos und schändlich und hat dem ganzen Land geschadet. Der Tabubruch der sogenannten bürgerlichen Parteien ist unfassbar.

Sie erwarten im Ergebnis der Tarifverhandlungen aber einen Kaufkraftzuwachs bei den Arbeitnehmern?

Natürlich, das wird keinesfalls eine Verzichtsrunde. Das wäre auch ökonomisch unvertretbar, denn alle Wirtschaftsforschungsinstitute bestätigen, dass die Konjunktur in Deutschland derzeit durch die private Nachfrage gestützt wird. Deshalb brauchen wir im Ergebnis der Tarifrunde eine Stärkung der Kaufkraft der Arbeitnehmer.

Sie fordern eine Angleichung der Arbeitszeit in der Thüringer Metallbranche an die der alten Bundesländer?

Das sollte im Jahr 30 nach der deutschen Einheit eigentlich längst realisiert sein. Ohne diese Angleichung werden weiterhin Fachkräfte nach Bayern oder Hessen pendeln oder abwandern, wo sie für das gleiche Geld drei Stunden pro Woche weniger arbeiten müssen.

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