In Schleiz über Subventionen für Zustellgesellschaft im ländlichen Raum gesprochen

Schleiz/Pößneck/Bad Lobenstein  Mediengruppe-Geschäftsführer Tallai plädiert bei Gesprächsrunde in Schleiz für staatliche Hilfen wie im Ausland.

Landrat Thomas Fügmann, Michael Tallai, Geschäftsführer der Mediengruppe Thüringen, Dagmar Seidler, Monika Wohlfarth und Mandy Käßner (von rechts).

Landrat Thomas Fügmann, Michael Tallai, Geschäftsführer der Mediengruppe Thüringen, Dagmar Seidler, Monika Wohlfarth und Mandy Käßner (von rechts).

Foto: Peter Cissek

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Im ländlichen Raum werde es bundesweit immer schwieriger, Tageszeitungen und Anzeigenblätter zuzustellen. „Diese Dienstleistung wird nicht nur immer teurer. Es mangelt auch an Leuten. Das Problem haben nicht nur wir, sondern beispielsweise auch Apotheken bei der Medikamentenauslieferung“, sagte Michael Tallai. Der Geschäftsführer der Mediengruppe Thüringen traf am Dienstagnachmittag mit OTZ-Chefredakteur Jörg Riebartsch und OTZ-Lokalchef Marius Koity zum Auftakt einer thüringenweiten Gesprächsrunden-Reihe in Schleiz auf 17 Multiplikatoren aus dem Saale-Orla-Kreis. Seine wichtigste Botschaft: Es wird neben Digitalangeboten auch in den nächsten Jahren noch die gedruckte Ostthüringer Zeitung geben.

Nach einer anders lautenden Meldung des MDR Anfang Februar 2019 stand in der Erfurter Zentrale der Mediengruppe das Telefon nicht mehr still. Viele Anrufer kündigten an, dass sie das Abonnement ihrer Zeitung sofort kündigen oder Anzeigenaufträge stornieren würden, sollte das Printmedium ausschließlich durch digitale Angebote ersetzt werden. „Anders als in der Falschmeldung des MDR hatten wir kein Ende der Zeitungszustellung im ländlichen Raum beschlossen. Denn dabei würden wir schätzungsweise 70 Prozent unserer Abonnenten verlieren und könnten gleich Insolvenz anmelden. Wir haben lediglich mehrere Szenarien durchgespielt“, sagte Michael Tallai. Zu den Ideen gehörte beispielsweise, ein Dorf testweise mit freiem W-LAN auszustatten und den Abonnenten Tablets zu schenken, damit sie ihre Zeitung als ­E-Paper lesen können. In einem anderen Ort könnte getestet werden, die gedruckte Zeitung nur noch jeden zweiten Tag zuzustellen und anderentags auf ­E-Paper zurückzugreifen. Eine weitere Option sei gewesen, auf das Anzeigenblatt Allgemeiner Anzeiger zu verzichten, das jedem Haushalt zugestellt werde. Doch jedes Mal kam die Geschäftsführung zu dem Entschluss, dass es so nicht funktionieren würde.

360-Grad-Foto der Gesprächsrunde

Zustellung nun 24 Millionen Euro teurer

Die Zeitungshäuser in Deutschland hätten nicht nur mit einem jährlichen Auflagenrückgang von drei bis vier Prozent und dem Einbruch bei Kleinanzeigen zu kämpfen, sondern auch mit dem eingeführten Mindestlohn, den Tallai sehr begrüßte. Doch für die Mediengruppe Thüringen bedeute dieser, dass die jährlichen Zustellkosten seitdem um 24 Millionen Euro gestiegen seien. „Inzwischen geben wir 40 Prozent unserer Kosten nur für die Zustellung aus“, verdeutlichte der Geschäftsführer die Dimension. Denn die rund 7500 geringfügig beschäftigten Zusteller – meist Rentner, die in den Morgenstunden in ihrem Ort die OTZ, TA oder TLZ austrugen und sich ein Zubrot verdienten – wurden wegen des Mindestlohns größtenteils durch vollbeschäftigte Medienlogistiker ersetzt. Diese sind nun im VW Caddy in Thüringen unterwegs und stecken bis 6 Uhr die verlagseigene Tageszeitung und überregionale Blätter in die Briefkästen, im weiteren Verlauf des Tages dann Briefe, Anzeigen- und Amtsblätter sowie Werbepost.

youtube

Rund 60 Jahre lang haben sich Zeitungsverleger in Deutschland gegen staatliche Subventionen ausgesprochen, aus Furcht, die Unabhängigkeit ihrer Medien zu gefährden. Doch inzwischen plädiert auch MGT-Geschäftsführer Michael Tallai für staatliche Zuschüsse für eine Zustellgesellschaft, wie es bereits in Österreich, Frankreich, Belgien und skandinavischen Ländern praktiziert werde. Das Zustellunternehmen könnte öffentlich-rechtlich oder als Genossenschaft organisiert sein, an dem sich auch Apotheken und interessierte Dienstleister beteiligen könnten.

„Im Thüringer Landesmediengesetz heißt es, dass die Presse eine öffentliche Aufgabe übernimmt“, ergänzte OTZ-Chefredakteur Jörg Riebartsch.

Der Bad Lobensteiner Bürgermeister Thomas Weigelt (parteilos) begrüßte die Idee. Denn auch die Kommunen seien auf die Dienstleistung bei der Zustellung ihrer Amtsblätter angewiesen.

Landrat Thomas Fügmann hält wie die Landtagsabgeordneten Christian Herrgott (beide CDU) und Ralf Kalich (Linke) die Idee der Subventionen für überlegenswert. Denn die Zeitung sei ein Teil der Lebensqualität, die auch im ländlichen Raum aufrecht erhalten werden soll, so Fügmann. Er begrüßte es sehr, dass die OTZ vor einiger Zeit den Lokalteil erweiterte. Kalich möchte sich nicht vorstellen wollen, dass an frequentierten Stellen abgelegte Kartons mit Erzeugnissen bestimmter Interessensgruppen wie mancherorts in England die einzigen gedruckten Informationsquellen auf dem Lande sein könnten. Er wünsche sich von der Verlagsspitze, dass den Lokalredaktionen mehr Zeit für tiefgründige Recherchen gegeben werde. Herrgott riet, genau hinzuschauen, damit aus der Absicht der Daseinsvorsorge im ländlichen Raum mit der Zustellgesellschaft nicht gewinnorientierte Unternehmen wie Amazon subventioniert würden. Der Abgeordnete halte die Tageszeitungen für sehr wichtig, da sie neben dem Thüringen Journal des MDR-TV die einzige unabhängige Informationsquelle für Landespolitik seien.

Gesprächsrunden auch mit Lesern geplant

Kreissparkassen-Vorstandsvorsitzender Dirk Heinrich weiß die Vorzüge des E-Papers zu schätzen: „Bei Bedarf kann ich schon um 4.30 Uhr im Schlafanzug die Zeitung lesen.“ Jobcenter-Geschäftsführerin Dagmar Seidler hingegen finde es toll, morgens in der gedruckten Zeitung blättern zu können, zumal sie den Arbeitstag vor dem Computer verbringe.

Nach der Auftaktveranstaltung in Schleiz kündigte Jörg Riebartsch neben dem intensivem Austausch mit wenigen Multiplikatoren auch größere Gesprächsrunden mit interessierten Lesern an. „Im Laufe des Jahres werden wir auf das User-first-Prinzip umsteigen und dabei dem Smartphone-Nutzer bessere Angebote unterbreiten, ohne die Zeitung zu vernachlässigen“, sagte der OTZ-Chefredakteur.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.